Strawinskys Psalmensinfonie und Bernsteins Chichester Psalms in der Kirchheimer Martinskirche
Berückend schön aufblühende Musik

Kirchheim. Igor Strawinsky: Psalmensinfonie und Leonard Bernstein: Chichester Psalms – ein Streifzug durch die Partituren lässt keinen


Reinmar Wipper

Zweifel. Solche Musik kann nicht aus Routine realisiert werden. Bezirkskantor Ralf Sach hat beide Werke seinem Chor an der Kirchheimer Martinskirche unerschrocken zugemutet. Nach nur viermonatiger Vorbereitung sind sie am vergangenen Sonntagabend in einer kompakten geistlichen Konzertstunde überzeugend präsentiert worden.

Die Halle der Kirche knapp zur Hälfte gefüllt. Der Chor hochgetürmt auf einer sechsstufigen Tribüne über dem Altar. Eine mächtige Bläsergruppe und Schlagwerkapparat aus den Reihen der Kirchheimer Stadtkapelle sowie das Orchester „Capella Martini“ in je ungewöhnlichen Besetzungen, beide den Grundideen dieser singulären Werke maßgeschneidert.

Von Beginn an führte Ralf Sach mit schnörkellosen Zeichen durch beide Werke. Anlage, Textur und stilistische Mittel sind verwandt und verlocken zu synoptischer Würdigung. Dreisätzig überhöhen sie die elementare Sprachkraft ausgewählter Psalmverse zu musikalisch gleichrangig edlen Gebilden. Vital die Eingangssätze, Szenen, die sich im zweiten Satz sensibel verästeln: Eine komplizierte Fuge der Holzbläser bei Strawinsky, bei Bernstein eine emotional unterkühlte Singstimme, nahezu autistisch nach innen gekehrt. Man imaginiert die Vorstellung des in seinen Gedanken verlorenen Hirtenknaben David.

Obwohl orthodoxer Russe, hat Strawinsky das römische Latein gewählt. Unablässig wiederholt er das „Laudate Dominum“, von ihm als stockender Atemstrom phrasiert: „Lau-(hau)-da-(ha)-te“. Er nehme es sich heraus, den Namen des Herrn so zu atmen, wie er will, hat Strawinsky seinen Kritikern einmal geantwortet. Schade, dass die chorische Diktion manchmal zwischen Halle und Chorraum hängen geblieben ist. Nur Celli und Bässe bei Strawinsky, dramatisch die wilde Triolenjagd der Bläser. Und dann dieses dreimalige, himmlisch reine Alleluja. Es endet jeweils auf dem instabilen Es-Dur-Quartsextakkord. Die Herrlichkeit Gottes, vorgetragen auf wackeligen Beinen der ihn Anrufenden. Kein sentimentaler Fremdkörper in sprödem Werk. Der Klang leuchtet kurz und matt, wie die Druckstelle auf der Stirn, wo der Finger des Engels berührt hat.

Leonard Bernstein gebraucht ähnliche musikalische Muster. Seine markanten Rhythmen sind von Latino-Elementen geprägt, ein bisschen Puerto Rico der West Side Story. Das ist Bühnenmusik, Handlungs-Musik, Action im besten Sinn. Erst recht im zweiten Stück. Ursprünglich für eine Knabenstimme, hat in der Martinskirche die Sopranistin Mareike Bender diesen Rolle übernommen und klug gestaltet. Ohne subjektive Vereinnahmung gab sie dem Part abstrakten Wohlklang, hörbares Bild des Reinen. Ein innerer Monolog auf der Bühne des Lebens, vor dem unbegreifbaren Gott, der nur durch sein Handeln erfahrbar ist.

Bernstein bearbeitet die Verse aus sechs verschiedenen Psalmen in hebräischer Sprache. Ein handwerkliches Problem. Musik wird von links nach rechts, Hebräisch umgekehrt notiert. Die Partitur setzt die Silben phonetisiert unter die Noten. Für den Martinschor nicht das eigentliche Problem. Die Chorsätze sind durch die Bank äußerst schwer zu singen. Wie auch bei Strawinsky dominiert die heilige Zahl Sieben in Gestalt der Septime. Das ist unbequem zu singen, vor allem wenn die Dissonanz nicht tonal verankert und zudem verkettet ist. Der Martinschor nahm diese Wanderung auf Gebirgsgraten sauber und konzentriert. So auch das Finale: „Hineh mah tov, umah na´im, shevet ahim gam yahad – Wohlan, wie gut und wie mild ist‘s, wenn Brüder mitsammen auch siedeln“ (Martin Buber). Und mit diesem Stück Musik, das ähnlich demütig und zeitlos die Sinne ausrichtet wie das unablässige Laudate Dominum bei Strawinsky, endet diese Stunde angespannt-dichter – und aus der herben Grundstimmung oft berückend schön aufblühender – Musik im Herzen der Stadt.

Musik brauche nicht schön zu sein, wenn sie ehrlich ist, soll Igor Strawinsky gesagt haben. Dass aber gerade solche Musik durch eine kompetente, unaffektierte Interpretation ihre erhabene Schönheit entfalten kann, haben die Kirchheimer Akteure unprätentiös und eindrücklich gezeigt. Ein langer Beifall dankbarer Zuhörer konnte das nur ungefähr reflektieren. Und wenn es gelänge, dem Chor künftig eine Rückwand aus gehängten Holzelementen zu spenden, könnte der Hörgenuss bei der nächsten Tat der Kirchheimer noch intensiver werden.