Peter Dietrich
Neidlingen. Die kleinen Grüppchen an kommunalen Mitarbeitern, die am Reuterwiesenbach diskutierend zusammenstanden, waren kaum zu trennen. Das war durchaus gut so, muss doch nicht jede Gemeinde das Rad oder den Bach neu erfinden, hilft doch der Austausch unter Bauhofleitern und anderen Fachleuten weiter. Vor dem Ortstermin hatte Bauleiter Jens Schmitt vom Stuttgarter Landschaftsarchitekturbüro Geitz & Partner die Renaturierung erläutert. Der Vortrag im Gasthof Lamm galt Fachleuten – wer außer ihnen weiß schon, dass mit dem Begriff „Fraktionen“ nicht nur politische Gruppierungen, sondern auch Gesteinsgrößen beschrieben werden?
Früher lief der Reuterwiesenbach unterirdisch unter dem Gelände der Firma Festool hindurch. „Das Schlimmste, was einem Bach passieren kann, ist, dass er verdolt wird“, sagte Martin Lehmann vom Regierungspräsidium Stuttgart. Er betreut die Gewässernachbarschaft Landkreis Esslingen. Als Festool erweitern wollte, war eine Neuverdolung rechtlich nicht mehr zulässig. So kooperierten die Gemeinde Neidlingen und die Firma Festool: Letztere stellte das Gelände zur Verfügung und erstattete als Ausgleich für die entfallene Neuverdolung den kommunalen Finanzierungsanteil an der Renaturierung. Auch bei der Pflege, sagte Bürgermeister Rolf Kammerlander, arbeiteten die Gemeinde und Festool zusammen. Auf 240 Metern Länge wird der Reuterwiesenbach nun in einem offenen Graben geführt. Die Gesamtkosten lagen bei rund einer halben Million Euro, das Land gab einen Zuschuss in Höhe von 70 Prozent.
Nach einem Dreivierteljahr waren die Arbeiten im Juni 2010 abgeschlossen. Die Fotos, die Schmitt aus dieser Zeit vorführte, zeigten den Graben noch völlig kahl. Nun ist er dicht bewachsen, vor allem die Schwarzerlen reichen weit in die Höhe. Mit sehr viel Sonne und ständig etwas Wasser sind die Wachstumsvoraussetzungen optimal. Kritische Stimmen hatten befürchtet, im Graben werde oft kein Wasser fließen, doch diese Befürchtung ist nicht eingetreten. Dafür brachte die Renaturierung viele Vorteile. Dass das Wasser nun einen weiteren Weg als früher hat und viel langsamer in die Lindach fließt, dient dem Hochwasserschutz. Wo vorher kein Lebensraum mehr war, finden nun Pflanzen eine Heimat und Vögel Nahrung. Die Wechselwirkung zum Grundwasser ist wieder hergestellt. „Das Problem ist immer der Platz“, sagte Lehmann, beschrieb die recht großzügige Renaturierung deshalb als „einen Glücksfall“. Wüchsen einzelne Bäume empor, entstehe Schatten, sodass der Bewuchs im unteren Bereich in Zukunft lockerer werde, erläuterte Lehmann. Dann könne der Bach auch für Kinder interessanter werden.
Am schwierigsten, sagte Schmitt, sei der Durchlass unter der Weilheimer Straße gewesen. Unter der Erde wurden nicht nur Stromkabel gesucht, es tauchte auch eine stillgelegte NATO-Leitung auf. Sie wurde laut Schmitt zu Zeiten des Kalten Krieges zur Kommunikation zwischen den Standorten genutzt. „Eine derartige Leitung war nirgendwo eingezeichnet.“
Gummistiefel hatten die Teilnehmer des Gewässernachbarschaftstags umsonst mitgebracht. Denn die Sanierungsarbeiten an der Lindach, die besichtigt werden sollten, haben wider Erwarten noch nicht begonnen. So blieb es bei der „Trockenübung“ zum Thema naturnahe Sicherungsbauten, zu deren Vor- und Nachteilen und zu deren rechtlicher Situation.
Zu ihrem 20-jährigen Bestehen gönnte sich die Gewässernachbarschaft einen Besuch der Neidlinger Kugelmühle. Auch wenn mangels Wasser derzeit nur eines von vier Mahlwerken in Betrieb ist, bot ihnen Kugelmüller Stefan Metzler eine hochinteressante Führung.
