Ausbilder verraten im Stadtkino, wie sie für Lehrlinge attraktiv bleiben
Betriebe müssen Azubis etwas bieten

Wie können Unternehmen Auszubildende an sich binden? Diese Frage ist in einer Zeit, in der junge Menschen zu einem knappen Gut werden, aktueller denn je. Die „Kirchheimer Initiative für Ausbildung“ hat bei einer Veranstaltung im Stadtkino Antworten gesucht.

Kirchheim. Noch vor wenigen Jahren mussten sich viele Betriebe nicht um Auszubildende bemühen. Die Nachfrage überstieg das Angebot bei Weitem, Lehrstellen besetzten sich quasi wie von selbst. Das hat sich geändert. Der demografische Wandel lässt Jugendliche zu einem knappen Gut werden, viele Betriebe stehen in diesem Herbst mit leeren Händen da. „Unternehmen sind deshalb zunehmend herausgefordert, Jugendliche aktiv auf sich aufmerksam zu machen“, findet die „Kirchheimer Initiative für Ausbildung“. Bei einer Podiumsdiskussion im Kirchheimer Stadtkino kamen Betriebe zu Wort, die dem Fachkräftemangel etwas entgegensetzen.

Was haben die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, Intersport Räpple, Lidl, Staib Friseure und Albrecht Bühler Gartenbau gemeinsam? Die Antwort lautet: Bewerbermangel ist für sie ein Fremdwort. Wie es diesen Betrieben gelingt, sich gegen die allgegenwärtigen Auswirkungen des demografischen Wandels zu stemmen, versuchten Bettina Schmauder vom Bund der Selbständigen und Volker Seitz, Agentur für Arbeit, aus ihren Gästen herauszukitzeln.

Bei Lidl beispielsweise werben Auszubildende auf Messen oder in Schulen für ihr Unternehmen. Die Azubis können sich in die Sorgen und Probleme angehender Auszubildender gut hineinversetzen. „Ich sage den Schülern auch, dass man nicht sofort aufgeben soll, wenn mal etwas nicht klappt“, so Ausbildungsbotschafter Kevin Suhl, der selbst schon einmal eine Ausbildung abgebrochen hat. Bei der Firma Lidl ist man außerdem davon überzeugt, dass die Übergabe von Verantwortung Azubis motiviert. Deshalb dürfen die Lehrlinge im Rahmen ihrer Ausbildung zwei Wochen lang eine Filiale des Discounters führen.

Albrecht Bühler, Inhaber einer Firma für Garten- und Landschaftsbau in Nürtingen, setzt im Umgang mit den Auszubildenden auf Kommunikation. Über Feedback-Bögen teilen die Ausbilder ihren Lehrlingen mit, wo es gut läuft und wo es noch Verbesserungsbedarf gibt. Auch der Chef selbst sucht das Gespräch mit seinen Azubis. „Es ist meine Aufgabe, klar und deutlich zu sagen, wenn etwas nicht passt“, sagt er. Darüber hinaus findet Bühler, der für seine Art der Ausbildung bereits mehrere Preise erhalten hat, Teambuilding und Vertrauen wichtig. Zur Sicherheit gehört für ihn dazu, seinen Auszubildenden möglichst früh zu signalisieren, ob sie nach Abschluss ihrer Ausbildung im Betrieb bleiben können.

Maureen Staib, Ausbildungsleiterin im familieneigenen Friseurbetrieb in Reichenbach, ist der Meinung, dass die Auszubildenden am ersten Tag nicht ins kalte Wasser geworfen werden sollten. „Unsere Lehrlinge werden auf eine Vorbereitungswoche geschickt, in der sie schon einmal eine Bürste oder einen Kamm in die Hand nehmen. Sonst stehen sie in den ersten Tagen herum wie Falschgeld“, sagt Staib. Darüber hi­naus findet sie es wichtig, dass die Ausbilder sich für die schulischen Leistungen ihrer Schützlinge interessieren. Außerdem setzt Staib kleine Anreize: „Wenn das Berichtsheft pünktlich abgegeben wird, bekommen die Azubis das Bus- und Bahnticket vergütet.“

Auch bei der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen wird der Praxisschock durch eine Woche Vorbereitung in Oberschwaben abgemildert. „Dort geht es um Grundsätzliches: Wie gehe ich ans Telefon, wie begrüße ich die Kunden?“, sagt Stephan Müller, Ausbildungsleiter der Kreissparkasse. Er bemüht sich außerdem, ein Klima zu schaffen, in dem Auszubildende sich wohlfühlen können. „Wir vermitteln unseren Lehrlingen, dass man in der Bank schon auch mal lachen darf und nicht zum Lachen in den Keller muss“, sagt Müller und spricht damit ein gängiges Klischee an. Die Bemühungen scheinen zu fruchten: 95 Prozent der Azubis, die von der Kreissparkasse ein Übernahmeangebot bekommen, bleiben.

Philip Renken, Geschäftsführer bei Intersport Räpple, setzt bei der Nachwuchswerbung auf einen Azubi-Flyer. „Darauf lässt sich gut darstellen, worum es in der Ausbildung geht und wie man sich im Job weiterentwickeln kann“, sagt Renken. Im Sportartikelgeschäft gehe es darum, Emotionen zu verkaufen. „Wir verkaufen keine 400 Euro teuren Jacken, sondern das Gefühl, auf 4 000 Metern Höhe warm zu bleiben.“ Deshalb werden schon Auszubildende auf Produkttests geschickt, um ein besseres Gefühl für die Produkte zu bekommen. Auch Verkaufspsychologie gehört zur Ausbildung.

Die „Kirchheimer Initiative für Ausbildung“ ist ein Zusammenschluss aus Agentur für Arbeit Kirchheim, dem Beruflichen Ausbildungszentrum Esslingen, dem Bund der Selbständigen Kirchheim, der IHK-Bezirkskammer, der Jugendagentur Kirchheim-Nürtingen sowie der Wirtschaftsförderung Kirchheim. Angelika Matt-Heidecker dankte der Initiative in ihrem Grußwort. Es sei wichtig, sich auf lokaler Ebene mit dem Thema Fachkräftemangel zu beschäftigen.