Theatervergnügen mit pädagogischem Nährwert zum Abschluss der Kinder- und Jugendtheaterwochen
Bitte noch zehn Jahre Szenenwechsel

Kirchheim. Zum Abschluss der „10.Kirchheimer Kinder- und Jugendtheaterwochen“ mit dem Motto 


Ulrich Staehle

„Szenenwechsel“ kam das Harlekintheater aus Tübingen in die Bastion. Das gibt Anlass, über den Nutzen der Veranstaltungsreihe nachzudenken.

„Mach kein Theater“ – diese Mahnung soll doch heißen: mach keine Faxen, verstell dich nicht. Sei wie du bist, und nicht, wie du vorspielst zu sein. Und jetzt soll es pädagogisch sinnvoll sein, Kinder und Jugendliche an Theater heranzuführen oder zu ermuntern, gar selbst Theater zu spielen? Soll Fachunterricht einmal ausfallen, um in der Bastion eine Theateraufführung anzusehen?

Ja, und nochmals ja. Den jungen Leuten wird nachgesagt, dass sie von Kindesbeinen an mit Handys, Spielkonsolen und Computertastaturen herumhantieren. Das heißt, plakativ ausgedrückt, dass sie nur konsumieren, in einer virtuellen Welt leben, ein Leben aus zweiter Hand führen. ­Theater ist Spiel, keine Wirklichkeit, hat aber mit konkreten Personen und mit dem konkreten Ich zu tun. Es ist kein Erlebnis aus der Konserve, sondern immer live. Es verhilft, sich selbst und die anderen zu erkennen. Im Spiel kann man andere Identitäten ausprobieren, vor Publikum sein Selbstbewusstsein stärken und somit seine Persönlichkeit weiterentwickeln.

Das Harlekintheater bietet Theater von höchstem pädagogischen Nährwert und gleichzeitig höchstem Vergnügen. Die Gruppe gibt es seit zwanzig Jahren. Sie hat die Improvisation auf ihre Fahnen geschrieben und den „Theatersport“ als Wettbewerb populär gemacht. Nach Kirchheim kam sie mit einer „Impro-show“, Theater ohne die gewohnten Komponenten Text, Rollen oder Requisiten. Mitgebracht haben sie aber professionelle Spielkompetenz. Dazu gehört geistige Wendigkeit, virtuose Sprachbeherrschung und Musikalität. Nur die Rahmenbedingungen für eine Szene werden vorgegeben – auf Vorschlag des Publikums. Insofern sind die Jugendlichen aktiv beteiligt.

Stefan Töpelmann stimmte als Moderator die Zuschauer ein. Er gab vor, in einer Fernsehshow zu sein und begann mit einem Applaustraining. Die jungen Zuschauer werden künftig Begeisterungsstürme vom Fernsehpubikum als manipuliert durchschauen. Nun ging‘s los mit den Improvisationen.

Eine Frau und zwei Männer erzählten, vom Fingerschnipsen des Moderators dirigiert, mit dem vom Publikum vorgegebenen Thema „Vor der Himmelspforte“. Die Bedingungen für die frei erfundenen Fortsetzungssätze wurden noch verschärft, bis schließlich nur noch ein Erzähler übrig blieb. Udo Zepezauer brachte die Geschichte unter Gitarrenbegleitung des Moderators mit einem Song zu Ende. Ein improvisierter Song mit einem improvisierten Text in Reimen mit einem vorgegebenen Ende, einer Katastrophe – das ist Improvisationskunst hoch drei und kann nur von einem routinierten Improvisationsprofi geleistet werden.

Udo Zepezauer ist nicht irgendwer. Er ist sozusagen nach Kirchheim zurückgekehrt, hat er doch vor Zeiten das Kirchheimer Seminar besucht, sich aber für die Künstlerlaufbahn entschieden. Jetzt lehrt er eine begeisterte Jugend, wie man durch Witz, Schlagfertigkeit und Können durchs Leben kommt. Und schließlich ist er durch seine Auftritte im Fernsehen der Star der Truppe, die aber bei den folgenden Nummern tapfer mithielt.

Eine Ballade vom Klopapier wurde in klassischer Sprache erzählt, bayrisch wurde es bei einer Szene à la Pilcher mit dem originellen Thema „Bauer sucht Kuh“. Mirjam Woggon, die die Weiblichkeit im Ensemble vertrat, verwandelte sich in eine Kuh, die in einem Café auftaucht. Es folgte ein wissenschaftlicher Beitrag in chinesischer Sprache über die Kokosnuss mit Simultanübersetzung. Zur Abwechslung zeichnete sich der junge Samuel ­Zehentner mit einem Song aus, in dem bestimmte Stichworte vorkommen mussten. Den Abschluss bildete eine Fortsetzungsgeschichte mit vorgegebenen Anfangsbuchstaben.

Über so viel Spontaneität und Kreativität konnte man nur staunen. Das junge Publikum wurde ermuntert, seine eigenen Fähigkeiten in dieser Hinsicht auszuprobieren und auszubauen. Dies ist ein so fruchtbarer pädagogischer Ansatz, dass man sich weitere zehn Jahre „Szenenwechsel“ wünschen möchte. Die Kulturinstitute und die Buchhandlungen, die in erfreulicher Weise unter der Koordination der Stadtbücherei zusammenarbeiten, können sich ermuntert fühlen.