Holocaust-Gedenktag: Wilhelm Weißburgers Geschichte berührte die Neuner des Schlossgymnasiums
„Bleibt wachsam und erinnert Euch“

„Bleibt wachsam und erinnert Euch“, hat Gabi Goebel vom Bissinger Initiativkreis Wilhelm Weißburger den rund 100 Neuntklässlern des Schlossgymnasiums gestern mit auf den Weg gegeben. Im Rahmen des Holocaust-Gedenktags haben sich die Schüler mit dem Leben des in Auschwitz ermordeten Bissinger Juden Wilhelm Weißburger beschäftigt.

Bissingen. Auf einer Leinwand im Evangelischen Gemeindehaus Bissingen prangt ein Passfoto von Wilhelm Weißburger. Darunter steht eine brennende Kerze neben einem kleinen Rosenbouquet. Über 100 Schüler im Alter zwischen 14 und 16 Jahren füllen den Saal, und dennoch könnte man eine Stecknadel fallen hören. Die Lebensgeschichte, die die Sprecherin des vor zwei Jahren gegründeten „Initiativkreises Wilhelm Weißburger“, Gabi Goebel, erzählt, ist berührend und bewegt die Jugendlichen. Es ist die Geschichte eines Mannes, „der keinem etwas zu Leide tat, der ehrbar war und fleißig, bescheiden und fromm“ – und nur, weil er als Jude geboren wurde, im KZ Auschwitz von den Schergen des nationalsozialistischen Regimes ermordet wurde.

Für das Schlossgymnasium bietet der Holocaust-Gedenktag, der seit 1996 offiziell in Deutschland am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee, am 27. Januar, begangen wird, eine gute Gelegenheit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, wie Deutschlehrer Bernd Löffler sagte. In diesem Jahr nahmen er und sein Kollege, der Religionslehrer Markus Ocker, mit den Klassen 9 a-d gerne die Möglichkeit wahr, mehr über Wilhelm Weißburger und seine Ermordung zu erfahren. „Es ist toll, dass es in Bissingen einen solchen Initiativkreis gibt“, meinte Löffler und fügte an: „Er kam zwar spät, aber nicht zu spät, denn es gibt noch Zeitzeugen“.

Einige derer, die Wilhelm Weißburger noch aus eigenem Erleben gekannt hatten, waren bei der Veranstaltung im Gemeindehaus zugegen und ergänzten die Ausführungen Gabi Goebels. So etwa Ilse Hahn, das Patenkind von Wilhelms Frau Marie Weißburger, und Gisela Ostertag, geborene Nägele, die als Neunjährige telefonisch die Todesnachricht Wilhelm Weißburgers entgegennehmen musste, weil ihr Vater, Bürgermeister Nägele, nach einer schweren Krankheit in Kur weilte.

Wilhelm Weißburgers Leben war gekennzeichnet durch schwere Schicksalsschläge. 1902 in Kochendorf geboren, wurde er bereits mit sechs Jahren Vollwaise. Über das Waisenhaus in Esslingen und seine Arbeitsstelle bei einem Köngener Bauern kam er im Frühjahr 1919 nach Bissingen. Der Landwirt und Schäfer Fritz Ziegler hatte ihn in seine Dienste geholt. Aufgrund seines Fleißes und seiner Zuverlässigkeit erhielt er einen Ehrenbrief des „Landwirtschaftlichen Vereins“, auf den er sehr stolz war. Kurz vor der Heirat mit Anna Karoline Braun kam diese bei einem tragischen Arbeitsunfall ums Leben. Der Verlobte seiner späteren Frau Marie Ehni ertrank im Bissinger See. So hatten beide ihre Liebsten verloren, was sie, so vermutete Gabi Goebel, zusammenfinden ließ. Am 12. Oktober 1933 heirateten Wilhelm und Marie Weißburger in der Bissinger Marienkirche. Ein Jahr nach der Hochzeit ließ er sich taufen und kovertierte zum evangelischen Glauben. Er ging sonntags in die Kirche und besuchte mit seiner Frau nachmittags die Altpietistische Gemeinschaft. Weil er den Nazis dennoch ein Dorn im Auge war, wurde er aus der „arischen“ Landwirtschaft hinausgedrängt. Bürgermeister Ernst Nägele sorgte dafür, dass Weißburger bei Kolb & Schüle einen Arbeitsplatz erhielt. Anschließend war er bei Grü­ninger & Prem beschäftigt. Weil er den Judenstern nicht öffentlich trug, sondern in der Hosentasche dabei hatte, bekam er immer wieder Schwierigkeiten.

Wilhelm Weißburger war ein wacher und aufmerksamer Mensch, der genau wusste, was um ihn herum vor sich ging. Zu seiner Frau soll er einmal gesagt haben, „wenn sie mich abholen, dann hast du Ruhe“. Dies geschah im Oktober 1942. Der Bis­singer Landjäger brachte ihn nach Nürtingen, von dort kam er ins KZ nach Welzheim. Seine Frau Marie sollte ihren Mann nie mehr wiedersehen. Im Januar 1943 erhielt Gisela Nägele den Anruf, Wilhelm Weißburger sei an einer Lungenentzündung in Welzheim verstorben. Lange Zeit war dies die offizielle Version. Durch die Recherchen von Initiativkreismitgliedern konnte diese Version berichtigt werden. Wilhelm Weißburger war im KZ Auschwitz ermordet worden. An der Mitteilung über die angeblich tödliche Lungenentzündung hatte Marie Weißburger, die bis 1987 im gemeinsamen Haus in der Hinteren Straße 41 lebte, schon gleich nach Bekanntwerden ihre Zweifel.

Nach dem Tod von Wilhelm Weißburgers Witwe kaufte das Künstlerehepaar Tränkner das Haus. Als sie von Weißburgers Ermordung erfuhren, war für Winfried und Gabi Tränkner klar, sie wollten an den Mann erinnern, der zuvor die gleichen Räume bewohnt hatte. Damit rannten sie bei den Initiativmitgliedern offene Türen ein. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, so Gabi Goebel. Dieses Zeichen schuf der Bissinger Bildhauer Winfried Tränkner in Form einer Stele mit Bronzetafel, die zum 110. Geburtstag Wilhelm Weißburgers vor seinem früheren Domizil feierlich enthüllt wurde. Auch die Verwaltung und der Gemeinderat unterstützten die Initiativgruppe dabei.

Der Besuch dieser Stele bildete den Schlusspunkt des gestrigen Holocaust-Gedenktags der Neuntklässler des Schlossgymnasiums.