Buß- und Bettag ist in Oberlenningen ein besonderer Tag der Erinnerung. Vierzig Jahre nach Kriegsende hatte nach langen Jahren des Schweigens die evangelische Kirchengemeinde mit einer Gedenktafel Pfarrer Julius von Jan und
seine mutige Bußtagspredigt vom 16. November 1938 gewürdigt und das Gemeindehaus nach ihm benannt. Er hatte das schändliche Vorgehen des Regimes bei den Novemberpogromen verurteilt. SA-Mitglieder misshandelten danach von Jan und nahmen ihn in „Schutzhaft“. Die württembergische Kirchenleitung wies ihre Pfarrer an, den „Kanzelparagraphen“ zu befolgen – das heißt, keine Predigten mit politischen Beurteilungen zu halten. Schon bald nach der „Machtergreifung“ wurden Pfarrer und ihre Predigten bespitzelt und „NS-zuverlässige“ Pfarrer registriert. Namhafte Kirchenhistoriker haben in den frühen Achtzigerjahren über die Oberlenninger „Sternstunde in dunkler Zeit“ geforscht und geschrieben. Seitdem ist über dieses lokale Geschehen vom furchtlosen Reden und furchtsamen Schweigen viel publiziert worden. Nach 75 Jahren gibt es derzeit keine neuen Erkenntnisse mehr.
Reicht heute das Gedenken allein? Die Erinnerung will in die Gegenwart übertragen sein. Der Predigttext vor 75 Jahren war der dreifache Mahnruf des Propheten Jeremia „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort“. Der schwäbische Pfarrer und ehemalige Offizier im Ersten Weltkrieg wollte, wie der junge Jeremia vor über zweieinhalbtausend Jahren, die Machthaber und religiöse Elite seines Landes wachrütteln. Er forderte die Umkehr zu Gerechtigkeit und den Schutz der Entrechteten. Auch heute sind Radikalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Missständen eine Herausforderung zum Reden und Handeln.
Eine Erinnerungsspur holt nach sieben Jahrzehnten auch lange Verdrängtes in die Gegenwart. Dunkles Schweigen lag in der NS-Zeit über manchem Gerücht, über Zwangsenteignungen und Deportationen, Schicksalen von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen. „Geheime Kommandosachen“ schürten Ängste und Verdächtigungen, auch das streng abgesperrte Gebiet im Gewand der Schröcke und der Battenwiesen in der Markung Schlattstall, also irgendwo ganz weit hinten im Tal. Vor 25 Jahren hatte der Teckbote mehrfach das Thema von einem Barackenbau am Seltenbach im letzten Kriegsjahr aufgegriffen, ein Ereignis, über das es noch manche Forschungslücken gibt. Das sind Namen, Anzahl der Männer und Frauen, genaue Herkunftsorte, eventuelle Todesfälle, Entschädigung und Wiedergutmachung. Der Teckbote berichtete am 5. November 1988 von einer Rundfahrt der Mitglieder der „Vereinigung von Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) mit dem Kreisjugendring Esslingen. Die Gruppe erfuhr damals von dem Geheimprojekt „Industriebaracken“, das im Jahr 1943 bereits geplant und im Herbst 1944 mit fremden Arbeitskräften begonnen wurde: „Eine Frau schrieb der VVN, dass es sich dabei um in Kirchheim untergebrachte weißrussische Zwangsarbeiter gehandelt haben muss . . . beauftragt mit dem Bau war das Konzentrationslager im elsässischen Natzweiler“.
Nach der Aktenlage im Lenninger Archiv handelte es sich offiziell um ein Baugesuch von Presswerk Teck Hans Weise OHG Kirchheim, Dettinger Straße 96, und betraf drei Fertigungshallen und eine Wachbaracke mit entsprechender Umzäunung. Die Baugenehmigung wurde am 4. September 1944 erteilt; der Kostenvoranschlag nennt 310 000 Reichsmark; Baumaterial mit 155 Raummeter Holz und 54 Tonnen Eisen. Eine Starkstromleitung war angefordert und genehmigt. Der Anschluss an die bestehende Wasserversorgung war fraglich, auch, ob die vorhandene Quelle des Seltenbachs genügend Wasser für die vorgesehene Belegschaft liefere. Die Baupläne entwarf das Stuttgarter Architekturbüro P. J. Manz, datiert am 25.08.1944. Dieses Projekt unterstand der Organisation Todt. Das war eine nach militärischem Vorbild organisierte Truppe für kriegsstrategische Bauten, begründet 1938 und benannt nach Fritz Todt, einem Bauingenieur. Er war Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen. Paul Bonatz war sein künstlerischer Berater bei den vielen Brücken der Reichsautobahnen. Ab 1940 war Todt Reichsminister für Bewaffnung und Munition. 1942 kam er bei einem „mysteriösen Flugzeugabsturz“ ums Leben. Sein Nachfolger war Albert Speer. Ab 1943 war die Organisation zunehmend für Luftschutzanlagen und Untertageverlagerung von Industriegebieten zuständig. Ende 1944 verfügte die Organisation weit über eine Million Arbeitskräfte, mehrheitlich Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.
Einige Oberlenninger und Schlattstaller Zeitzeugen erinnern sich noch an die russischen abgemagerten Menschen, die täglich mit dem Güterzug von Kirchheim gekommen und über den Heerweg, die Kugelgasse durch die Au nach Schlattstall gegangen seien. Da hätten die Mütter und Großmütter manch Milchkrüglein oder Äpfelkörble auf die Gartenmauer gestellt. „Sei bloß still“, habe man die Kinder ermahnt. Und die Russen seien in Schlattstall – unter Duldung der Aufseher – nicht auf der Straße, sondern im tiefer gelegenen Bachbett gegangen, hätten kleine Säcke an die Zäune gehängt und auf dem Rückweg darin oft ein paar Brotscheiben gefunden. Denn das direkte Betteln war strengstens verboten. Die Verpflegungssätze für die in der Rüstungsindustrie beschäftigten sowjetischen Arbeiter waren durch das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft strikt geregelt. Es galt unter anderem ab 1942: „Magermilch wird nicht ausgegeben. Für 250 Gramm Fleisch pro Woche ist Pferde- oder Freibankfleisch zu verabreichen, für 135 Gramm Fett wird Margarine oder Schlachtfett ausgegeben, Gemüse nach Aufkommen, zum Beispiel Kohlrüben. Brot soll von 72 Prozent Roggenschrot und 28 Prozent vollwertigen Zuckerschnitzeln hergestellt werden. Tee-Ersatz 14 Gramm die Woche . . .Vollmilch, Eier Geflügel, Bohnenkaffee und so weiter stehen den Kriegsgefangenen gemäß der Erlasse II – C – 9 -. . . nicht zu.“ Der Teckbote berichtete am 21. Mai 1988 unter anderem über die Erinnerungen eines ehemaligen Gemeinderats „dass für die rund 60 bis 80 dürftig gekleideten und schlecht ernährten Menschen das Essen mit einem Elektrowagen der Firma Weise direkt aus Kirchheim angefahren worden sei“.
In einem Schreiben vom 14. Dezember 1944 ordnete die Organisation Todt an, dass das Bauvorhaben Presswerk Weise unter der Nr. V /VA A 126 (M) zu streichen sei. Durch amerikanische „Brandblättchen“ – das sind Flammenwerfer – und Artilleriebeschuss von Gutenberg und Grabenstetten her, wurde der Bautorso im Gebiet beim Scheuerlesberg und den Battenwiesen im April 1945 zerstört. Zwischen der eingeebneten Wiese und dem „Zigeunerbuckel“ findet man von den Grundmauern keine Steine mehr. Die seien vom „Russensteinbrüchle beim unteren Mühlbergweg am linken Waldhang gewesen“, so sagen manche älteren Bewohner. Ob irgendwann aus diesem kaum noch erkennbaren Steinbruch doch ein Stolperstein, ein Erinnerungsstein, ein Gedenkstein für die namenlos Vergessenen werden könnte? Und gleichwohl gilt, was der jüdische Historiker und Kulturphilosoph Egon Friedell zu den Ereignissen der Geschichte geschrieben hat: „Die wirklichen Erlebnisse liegen im Bereich des Unausgesprochenen und Unaussprechlichen. Was sich sagen lässt, kann niemals ganz wahr sein . . .“
Info: Lenninger Gemeindearchiv; Teckbotenarchiv; Zeitzeugen; Wikipedia zur Organisation Todt und Egon Friedell: Als die SA ihn am 16. März 1938 in seiner Wiener Wohnung abholen wollte, sprang er aus dem Fenster in den Tod.