Lenningen. Es ist Samstag, 16 Uhr, als die Funkmelder der Lenninger Feuerwehrkameraden Alarm schlagen. Der Hilfstrupp ist auf den Beinen. Jetzt muss alles schnell gehen, auch wenn es sich – wie in diesem Fall – nur um eine Hauptübung handelt. Die Türen der Einsatzfahrzeuge fliegen auf und im Eilschritt nehmen die Männer auf den Sitzbänken Platz, während sich die Zufahrtstore im Gerätehaus am Pouilly-Platz öffnen. Mit Blaulicht und Sirene geht es die Hauptstraße hinunter zum Freibad, wo zwei bewusstlose Personen gefunden wurden.
Jürgen Rupp ist bereits auf dem Gelände, als seine Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr, Abteilung Lenningen und Abteilung Brucken, am Ort des Geschehens eintreffen. Schnell ist dem Einsatzleiter klar, dass hier kein Feuer ausgebrochen ist, sondern ein Chlorgasunfall vorliegt. Denn im unteren Teil des Aufsichtsturms, wo sich die Chlorgasanlage befindet, steht die Tür weit offen und eine weiße Gaswolke ist zu sehen.
Unterdessen haben die Atemschutzgeräteträger bereits Schläuche ausgerollt und sie an die Verteiler angeschlossen. Markus Hummel und Sören Gökeler schlagen mit einem Wassersprühstrahl die Gaswolke nieder. Eine weitere Ausbreitung soll so verhindert werden. „Chlorgas ist schwerer als Luft“, erklärt Clemens Löw.
Zwischenzeitlich haben die Kameraden die beiden bewusstlosen Personen zu den Einsatzkräften des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) – Bereitschaft Lenninger Tal gebracht. „Im Ernstfall hätte man den Opfern ihre mit Chlorgas kontaminierte Kleidung ausgezogen“, erklärt Clemens Löw. „Und sie wären vor der Übergabe ans Rote Kreuz mit Wasser abgespült worden.“ Immerhin bestehe auch bei kontaminierter Kleidung die Gefahr, dass sie mit Feuchtigkeit in Berührung komme. Das könne zu Hautverätzungen führen.
Zwischenzeitlich haben Sven Timar und Lutz Ramminger in Säureschutzanzügen das Leck an der Chlorgasanlage abgedichtet. Auch sie müssen nach dem Kontakt mit dem Chlorgas dekontaminiert werden. Aus diesem Grund haben die Feuerwehrleute ein Becken aufgebaut, indem Timar und Ramminger gründlich abgespritzt werden. Michael Eberle betont, dass ein Chlorgasunfall nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. „Im Realeinsatz würden wir das Gelände in einem Radius von 50 Metern absperren“, erzählt der Kommandant der Abteilung Lenningen.
Im zweiten Teil der Hauptübung wurde angenommen, dass eine Person in der Chlorgaswolke gestanden hat und ohnmächtig geworden ist, wobei die DRK-Helfer feststellten, dass der Betroffene einen Herzinfarkt aufweist. Zunächst wurde die Übungspuppe von der Feuerwehr auf dem Balkon des Gebäudes in eine Schleifkorbtrage gelegt und über eine Leiter abgeseilt. Katja Kazmaier vom DRK stellte fest, dass der Patient keinen Puls mehr aufweist. Die stellvertretende Bereitschaftsleiterin und ihre Kollegen setzten deshalb einen Defibrillator ein.
Bei der Hauptübung stellten Feuerwehr und DRK einmal mehr unter Beweis, dass sie für den Ernstfall bestens vorbereitet sind. Günther Hummel, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Lenningen, zeigte sich beeindruckt. Die Simulation habe gezeigt, dass die Lenninger Wehr für einen Einsatz dieser Art bestens gerüstet sei. Hans-Jürgen Jung zog ebenfalls ein positives Fazit. „Natürlich werden Dinge wie Reanimation oder die Lagerung von Patienten laufend geübt“, so der DRK-Bereitschaftsleiter. „Aber es ist ein Unterschied, ob das in einem abgeschlossenen Raum in einer Gruppe oder realitätsnah wie heute trainiert wird.“ Auch unter großem Stress müsse jeder Handgriff sitzen und die Abstimmung gelingen.
