Plochingen. Heute ist Clarissa Schöttle 20 Jahre alt, besucht die Verbundschule
Dettingen und freut sich ihres Lebens, besonders wenn „Mimi“ mit ihr spielt oder ihr Geschichten vorliest. „Mimi“, wie Miriam Schöttle in der Familie liebevoll genannt wird, ist nicht nur Clarissas um zwei Jahre jüngere Schwester, sondern eben auch ihr Ersatzbabysitter, ihre Bezugsperson und beste Freundin.
„Wir kennen niemand, mit dem man Clarissas Schicksal vergleichen könnte“, sagt ihre Mutter, Hanna Schöttle. Als sie mit der Kleinen schwanger war, hatte sie vom ersten Tag an das Gefühl „da stimmt was nicht“. Ganz anders bei ihrer Schwangerschaft mit Miriam: „Da wusste ich, es ist alles in Ordnung“, sagt die gelernte Krankenschwester, die ihren Beruf aufgeben musste und nun als Sprachförderin in einem Kindertagesheim arbeitet.
Clarissa wohnt mit ihren Eltern in Plochingen. Sie steht jeden Morgen um 5.45 Uhr auf, damit genügend Zeit zum Anziehen und Frühstücken bleibt, bevor um 7.30 Uhr der Schulbus vorfährt und sie mit anderen Kindern nach Dettingen in die Verbundschule bringt. Kurz nach 8 Uhr beginnt der Unterricht. Inzwischen ist sie in der Berufsschulstufe im letzten Schuljahr in einer gemischten Klasse von geistig und körperbehinderten Jugendlichen.
Mittwochs und freitags kommt Clarissa gegen 12 Uhr von der Schule nach Hause. Dann geht‘s nach dem Mittagessen ab ins Bett, denn sie braucht aufgrund von vier Herzfehlern viel Ruhe. Sie kann deshalb auch keine langen Strecken bewältigen und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Montags, dienstags und donnerstags bringt sie der Schulbus erst um 16 Uhr zurück.
Clarissa geht gerne zur Schule und Ferien sind für sie die Höchststrafe, weiß ihre Mutter. Gott sei Dank ist „Mimi“, die sich gerade auf das Abitur vorbereitet, immer irgendwie in der Nähe. Und damit der Verlust der Klassenkameraden während der Vakanz nicht gar so groß wird, sorgt Mutter Schöttle auch in der schulfreien Zeit für ein Treffen mit Klassenfreundinnen.
Wenn diese nicht zur Verfügung stehen, gibt es immer noch das Schuljahresbuch, dass Clarissa gemeinsam mit Miriam anschauen kann. Darin kleben Fotos von Mitschülern und Lehrern, die sie sofort erkennt, stundenlang betrachten kann, und über die sie sich riesig freut.
Clarissa hasst Schnee, liebt Musik und Tiramisu, den Besuch von Freundinnen und der Oma und ihre Meerschweinchen. Sie hatte sechs der putzigen Tierchen, wobei „Zilli“ ihr Liebling war. Jetzt sitzt Zilli in Form eines wuscheligen Steiff Meerschweinchens auf ihrem Bett und wartet geduldig, bis es von Clarissa gestreichelt wird.
„Ich habe bereits im Kindergarten festgestellt, dass meine Schwester anders ist“, erinnert sich Miriam Schöttle. „Doch ich kenn‘s nicht anders, und deshalb ist es für mich überhaupt nicht schlimm, eine behinderte Schwester zu haben“.
Clarissa schaute vieles von „Mimi“ ab. So lernte sie mit fünf Jahren von und mit ihrer Schwester auch das Laufen. Beide verstehen sich ohne Worte. „Für Clarissa ist Miriam der wichtigste Mensch. Die beiden haben eine sehr große Bindung“, sagt Hanna Schöttle. Und wenn Mama verhindert ist, bringt „Mimi“ ihre Schwester ins Bett. Sie schauen aber auch gemeinsam Bilderbücher an, malen und musizieren miteinander.
Als beide noch jünger waren, spielten sie viel mit ihren Puppen oder Kasperletheater. Gutmütig ließ sich die ältere Schwester von Miriam auch verkleiden und einen Bart ins Gesicht malen. „Clarissa ist ein sehr liebenswerter und fröhlicher Mensch“, sagt Miriam Schöttle.
Freilich konnten oder wollten das manche ihrer Freundinnen in der Schule nicht erkennen. „Da zeigt sich schnell, wer wirklich zu einem hält“, sagt Miriam, die bereits im Kindergarten eine Patenschaft für ein behindertes Kind übernahm. „Für Mimi war das nichts Neues“, erinnert sich ihre Mutter.
Nach Clarissas Geburt wurde auch der Freundeskreis der Eltern kleiner. Doch neue Freunde kamen hinzu. „Wir haben ein anderes Familienleben“, sagt Hanna Schöttle, „es ist, obwohl wir auf vieles verzichten müssen, intensiver“. Auch Urlaubspläne richten sich nach der behinderten Tochter, denn der Rollstuhl muss immer mitgenommen werden. Deshalb war früher meist ein Urlaub auf einem Bauernhof angesagt, „was für die Mädchen immer sehr spaßig war“, erzählt deren Mutter. Inzwischen wagte die Familie auch einen gemeinsamen Flug nach Mallorca, und siehe da, Clarissa gefiel‘s im Flieger so gut, dass sie gar nicht mehr aussteigen wollte.
Miriams junges Leben wurde geprägt durch die Beziehung zu ihrer Schwester. Sie konnte dabei viele wichtige Erfahrungen sammeln. Entsprechend sieht ihre Berufswahl aus. „Ich möchte gerne Gesundheitswissenschaften studieren. Einen Bürojob kann ich mir nicht vorstellen“, sagt sie.
Wahrscheinlich wird sie dann nicht mehr so viel Zeit haben, um mit Clarissa bunte Kugeln zu filzen oder Bücher anzuschauen und vorzulesen. Vielleicht wird auch, je nach Studienort, die räumliche Nähe fehlen. Dennoch wird eines immer gegeben sein – die liebevolle Bindung zur besten Freundin, ihrer kleinen behinderten älteren Schwester.
