Kirchheim. Einen Hörgenuss der besonderen Art versprach der traditionelle Abend mit historischer Musik auf historischen Instrumenten
am Dreikönigstag zu werden. „Mit Weihnachten ins neue Jahr“: Der Titel ist inzwischen Programm in der Kirchheimer „Szene“. Zahlreiche Liebhaber barocker Kammermusik machten sich auf den Dreikönigsweg, und so war die Kreuzkirche gut besetzt. Mit Joseph Bodin de Boismortier und dessen Sonate für Flöte, Violine und Basso Continuo in B-Dur eröffneten die erfahrenen Musiker – Martin Hermann an der Barockflöte, Dr. Bernhard Moosbauer an der Barockvioline, Sabine Bruns am Barockcello und Bezirkskantor Ralf Sach am Cembalo – den Abend. Der in Thionville im Nordosten Frankreichs geborene Boismortier war Sohn eines Konditormeisters und ging zunächst der Arbeit eines Steuereintreibers für die Königliche Tabakgesellschaft nach. Erst 1722 ermöglichte ihm die großzügige Unterstützung eines wohlhabenden Kaufmanns, seine Finanzlaufbahn zu beenden und schwerpunktmäßig zu komponieren.
Dem Cello gefiel die Temperaturschwankung in der Kreuzkirche nicht, und so musste Sabine Bruns das Allegro unterbrechen, um die Saite nachzustimmen. Nach dem Neubeginn wurde schnell deutlich, dass die Hauptrolle dem Flötisten zugedacht war. Die Sonate in B-Dur ist in ihrem Ursprung für Flauto traverse komponiert, wie überhaupt ein Großteil des kammermusikalischen Schaffens Boismortiers der Traversflöte gewidmet ist. Die Vermutung, dass Boismortier dieses Instrument selbst gespielt hat, liegt nahe.
Die lebhafte Melodieführung zwischen Flöte und Violine könnte man schon beinahe als fugenhaft bezeichnen, Cembalo und Cello dienten als Gerüst des Ganzen. Im Affetuoso entfaltete sich der weiche Flötenton Martin Hermanns und tirilierte in manchen Passagen gar wie ein Vögelein. Das Vivace bot der Virtuosität von Martin Herrmann und Dr. Bernhard Moosbauer Raum. Im Presto traten überraschend Unsicherheiten auf, aber mit der antreibenden und zusammenführenden Kraft des Basso Continuo waren bald alle wieder an Bord. Die Sonate war eine fabelhafte Einstimmung in einen Konzertabend ganz im Zeichen der Barockmusik.
Der begeisterte Beifall des Publikums war gleichzeitig ein Ruf nach mehr, und diesem kamen die Musiker mit Antonio Vivaldi gerne nach. Die Sonata für Violine und Basso Continuo in g-Moll, die ursprünglich als Umrahmung der Messe gedacht war, komponierte Vivaldi für seine Schülerin mit dem sinnigen Namen Anna da Violin. Vivaldis Violinsonaten op. 2 entstanden im Rahmen seiner Tätigkeit als Leiter des Orchesters im „Ospedale della Pietà“, einem Heim für Waisenmädchen in Venedig, das durch seinen legendären Ruf viele Italienreisende anlockte.
Die sehnsüchtig seufzende Violine im Preludio im Klagegesang mit dem Cello ging dem Zuhörer wahrlich ins Gemüt – die anschließende Giga, mit ihrem lebhaft tänzelnden Charakter und einer fortwährenden Cembalostimme, eher in die Beine. In der Sarabande wurde Dr. Bernhard Moosbauer nur von Pizzicatotönen des Cellos unterstützt, wodurch der Violine ein fast alleiniger Solopart gewährt wurde. Bernhard Moosbauer griff diesen Moment auf und füllte den Kirchenraum mit dem warmen Klang seiner Barockvioline.
Georg Philipp Telemann schrieb über sich selbst, er sei stolz darauf, dass seine Trio-Sonaten wegen ihrer „corellischen Tugenden“, also ihrer Anlehnung an die Komponierweise des italienischen Tonsetzers Arcangelo Corelli, so erfolgreich seien. Und sie seien zur „Belustigung von Fürsten und hohen Herren bei herrlichen Mahlzeiten“ bestimmt. Typisch für den Autodidakten Telemann sind gesangliche Melodien, einfallsreich eingesetzte und hoch differenzierte Klangfarben, zum Teil und vor allem im Spätwerk auch ungewöhnliche harmonische und rhythmische Effekte. Die Instrumentalwerke sind oftmals stark von französischen und italienischen Einflüssen geprägt, womit der junge Telemann als Schüler in Berührung kam.
So erklingt in der Sonate für Flöte, Violine und Basso Continuo in c-Moll ein wunderschöner Melodiebogen sogleich mit den ersten Tönen des Adagio, ein sehnsüchtig liebend anmutendes Gespräch zwischen den beiden Hauptinstrumenten sollte eigentlich stattfinden. Nur war dieses Zusammenspiel leider nicht spürbar, zu individualistisch, anstatt aufeinander abgestimmt zu sein. Der Basso Continuo war an dieser Stelle erneut zusammenführendes Element.
Und dann rauschte das Allegro frisch und munter heran, ein leichtes und fröhliches miteinander Spielen der Instrumente, wie Kinder beim Toben. Leider wurde die Flöte mitunter von den anderen Instrumenten zugedeckt. Im anschließenden Adagio traf die cantabile Melodieführung durch die Instrumente direkt ins Herz und ließ die Seele jubeln. Es wirkte schon beinahe seltsam vertraut, wie ein bekanntes Nachtlied mit folkloristisch erscheinenden Elementen. Das Allegro als Schlusssatz ließ der Virtuosität der beiden Hauptakteure freien Lauf und begeisterte mit dem Frage-Antwort-Spiel.
1701 traf Telemann in Halle den 16-jährigen Georg Friedrich Händel, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Händels Sonate in C-Dur für Flöte und Basso Continuo ist vermutlich 1725 entstanden und besteht aus Umarbeitungen älterer Vorlagen. Sie beginnt mit einer wundervollen Melodie, die Gänsehaut erzeugte. Hier kam der weiche Flötenton Martin Hermanns endlich zu vollkommener Geltung. Im Allegro war ein unglaubliches, in irrwitzigem Tempo vorgetragenes Zusammenspiel von Cembalo und Cello im Hintergrund zu hören. Die komplette Sonate gab der Flöte Raum. Der Flötist ließ sie geradezu singen, und der ganze Kirchenraum war erfüllt von diesem Klang!
Ralf Sach interpretierte in einem Solo Präludium und Fuge in A-Dur von Johann Sebastian Bach aus dem Wohltemperierten Klavier. Man konnte ihm abspüren, dass Bach zu seiner musikalischen Heimat zählt. Die relativ einfach gebaute Fuge hat eine Besonderheit: In ihr kommt der tiefste Ton des gesamten „Wohltemperierten Klaviers“ vor.
Sehr melodiös gestaltete sich der Schluss des barocken Abends noch einmal mit Georg Philipp Telemann.
In der Sonate für Flöte, Violine und Basso Continuo in d-Moll wurde der ganze Konzertraum zum Klangkörper, und im Allegro kam plötzlich noch ein Schellenkranz zum Einsatz, sozusagen Percussion auf Barockisch. Die Musiker entschlossen sich aber glücklicherweise zu einer wunderbaren Zugabe. Es erklang noch das weihnachtliche „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter“, eine Choralbearbeitung von Johann Sebastian Bach. Unter lang anhaltendem Beifall ging ein gelungenes Konzert zu Ende. Zum letzten Mal in der Kreuzkirche? Größe und Akustik sind doch eigentlich prädestiniert für Konzerte in diesem Rahmen!
