Am Sonntag wird in der Ötlinger Johanneskirche Vikar Manuel Kiuntke verabschiedet
„Da hat es mir die Gemeinde leicht gemacht“Abschied

Nehmen wir es ganz genau: Seit er am Sonntag in Nürtingen ordiniert wurde, ist Manuel Kiuntke kein Vikar mehr, sondern ein richtiger Pfarrer. Das „z. A.“, früher für „zur Anstellung“, ist heute weggefallen. Seinen Doktortitel darf Kiuntke beim Abschied aus Kirchheim noch nicht tragen. Aber fast.

Kirchheim. Der Untertitel von Kiuntkes Doktorarbeit ist zum Abdruck bei Weitem zu lang und kompliziert. Es geht in der Arbeit um die Beurteilung der menschlichen Leistung aus ethischer Sicht. Die Doktorarbeit ist abgegeben, seine mündliche Prüfung hat Kiuntke im Januar absolviert. „Jetzt muss ich nur noch veröffentlichen“, sagt er. Ist das auch noch erledigt, darf er seinen „Dr. theol.“ führen.

Neun Semester hat Kiuntke in Tübingen Theologie studiert, sieben Semester an seiner Doktorarbeit gearbeitet. Zweieinhalb Jahre war er im Vikariat in Ötlingen, wurde im Team mit drei Kollegen ausgebildet, war währenddessen für 20 Wochen auf Kursen in Stuttgart-Birkach und Bad Boll. „Ich habe gelernt, was es heißt, Pfarrer zu sein“, sagt Kiuntke über seine Kirchheimer Zeit. „Da hat es mir die Gemeinde einfach gemacht.“ Angst davor, was passiert, wenn etwas schiefgeht? Sie war Kiuntke in dieser Gemeinde fremd. „Ich habe mich wohlgefühlt. Man hatte das Gefühl, sich ausprobieren zu dürfen.“ Sein Chef, Pfarrer Christian Lorösch, habe die nötige Gelassenheit mitgebracht, lobt Kiuntke. Er habe seinen Vikar zugleich sehr gut unterstützt.

Das war umso wichtiger, weil Kiuntkes Großprojekt, die Kirchheimer Zeltkirche, in seine Elternzeit fiel. Mehr als 200 Ehrenamtliche machten mit, der Vikar leitete die Vorbereitungsgruppe. „Über 40 Veranstaltungen zu planen, die Kosten im Blick zu behalten, das war eine Herkulesaufgabe“, sagt Kiuntke. „Ich habe das gern gemacht und viel gelernt dabei.“ Es lief nicht so, dass Kiuntke nun „einmal und nie wieder“ denkt. Im Gegenteil: Die Zeltkirche an seinem neuen Wirkungsort, in Bondorf bei Herrenberg, das könnte er sich schon einmal vorstellen – wenn auch noch nicht in den nächsten ein, zwei Jahren. Hat er doch wegen seiner elf Monate alten Tochter Charlotte bewusst eine 50-Prozent-Stelle angenommen.

Als Pfarrer Wolf Peter Bonnet im November 2012 Kirchheim verließ, übernahm Kiuntke dessen Konfirmandengruppe, war sogleich allein für eine Konfirmation zuständig. Mit Jugendlichen, genauer Siebt- bis Neuntklässlern, hatte er auch als Religionslehrer an der Mörikeschule in Ötlingen und der Johannes-Keppler-Realschule in Wendlingen zu tun. Und das – was man nicht von jedem Pfarrer sagen kann – mit großer Freude. „Wenn die Schüler nicht mehr zu uns in die Kirche kommen, müssen wir als Pfarrer zu ihnen gehen“, sagt er mit Überzeugung.

In der Begleitung der Schüler über mehrere Jahre hinweg sieht er eine große Chance. Ebenfalls gerne vermittelte Kiuntke bei Beerdigungen Trost. „Ich habe das Gefühl, dass Menschen das dankbar annehmen.“ Kiuntke verweist auf den großen Trost, den der Apostel Paulus an die Christen in Rom schrieb: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“

Nun freut sich Kiuntke in Bondorf auf seine erste eigene Pfarrstelle und eine – wie in Ötlingen bereits gewohnt – sehr offene Gemeinde. Er wohnt nun in Tübingen, pendelt die etwa 20 Kilometer lange Strecke nach Bondorf hinüber. Dass seine dortigen Gemeindemitglieder sich auf zwei Orte verteilen, kennt er von Ötlingen und Lindorf schon. Was anders ist: In Bondorf gibt es einen großen Posaunenchor mit mehr als 40 Bläsern. „Das hat mir in Ötlingen gefehlt“, bekennt der Organist, Pianist und Sänger.

Jetzt fehlt den Ötlingern außer einem Posaunenchor noch etwas – ihr Vikar. Sie werden vorerst keinen neuen bekommen. In der nächsten Ausbildungsrunde ist Jesingen an der Reihe.

Der Abschiedsgottesdienst am morgigen Sonntag in der Ötlinger Johanneskirche beginnt um 9.30 Uhr. Es folgt ein Stehempfang mit Grußworten und kleinen Darbietungen.