Zukunftsforscher Lars Thomsen sensibilisierte mit einem Impulsreferat für Trends, Signale und Gefahren
Das „Ende der Dummheit“ rückt näher

Kirchheim. Um in die Zukunft zu blicken, braucht man keine geheimnisvolle Glaskugel und auch keinen Kaffeesatz. Wer einen sinnvollen Zukunftsdialog initiieren und ein für gedankliche Experimente offenes


Zukunftslabor einrichten will, sollte aber nichts dem Zufall oder gar dubiosen Zaubereien überlassen. Gefragt sind zunächst einmal gute Referenten, die Impulse geben und Visionen möglich machen.

Genauso gefragt sind aber auch Mitstreiter, die bereit sind, nicht zurück-, sondern nach vorn zu blicken, sich nicht bequem mit dem Erreichten zufrieden geben, sondern sich aktiv den Herausforderungen stellen, die im anstehenden Zeitfenster für die nächsten zehn Jahre zu erwarten sind.

Um auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet zu sein und vorausschauend agieren zu können, um nicht eines Tages reagieren zu müssen, wurde in Kirchheim der „Zukunftsdialog 2013“ ins Leben gerufen. Die vom Wirtschaftsbeirat der Stadt initiierte dreiteilige Vortragsreihe ist eine Kooperation zwischen Stadtverwaltung und Gemeinderat einerseits und dem Bund der Selbstständigen (BdS), der Gemeinschaft Kirchheimer Handel „City Ring“ und dem Verein „Frauen unternehmen“ andererseits.

Bei ihrer Begrüßung zeigte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker vor vollen Rängen zunächst noch einmal die anvisierten Projektschritte auf. Ziel des gemeinsamen Dialogs ist es, untereinander und mit der Bürgerschaft ins Gespräch zu kommen, Denkanstöße in Visionen umzuwandeln und in Workshops entsprechende Strategien zu entwickeln. Im Rahmen eines räumlich und virtuell funktionierenden Zukunftslabors sollen dann die Diskussionen fortgeführt werden, um die Visionen und Ideen eines Zukunftstages zu entwickeln.

Die Auftaktveranstaltung war vielversprechend und der vom weiteren Kooperationspartner Kreissparkasse für die gesamte Vortragsreihe zur Verfügung gestellte Henninger-Saal so gut besucht, dass bis kurz vor Beginn noch Stühle herangefahren wurden. Lars Thomsen, Gründer und Chief Futurist von „future matters“ zählt schließlich zu den renommiertesten Trend- und Zukunftsforschern Europas. Um Antworten auf die schwierigen Fragen der Zukunft geben und für deren Bedeutung zu sensibilisieren, ist ihm (fast) jedes Mittel recht. Das zeigte schon der entschlossene Satz, mit dem er ins Thema sprang.

Im Wissen um die enorme Sprungkraft und eindrucksvollen Reflexe eines Frosches wird dieser zur Veranschaulichung der Bedeutung der sogenannten „Tipping Points“ , der Trendbrüche – rein gedanklich – zunächst in heißes Wasser geworfen. Reflexartig und blitzschnell kann er mit einem weiten Sprung gestresst aber unverletzt der Gefahr entkommen. Was einmal gut geht, muss aber nicht immer so bleiben – dies war die wichtigste Lektion, die es an diesem Abend verinnerlicht werden sollte.

Derselbe mental zurechtgedachte Frosch muss – der direkten Vergleichbarkeit wegen auch noch dazu herhalten, augenfällig zu demonstrieren, wie mitleiderregend chancenlos er den Tücken des zweiten Experiments gegenüber steht. Wird das Wasser nämlich nur langsam erhitzt, erkennt der alerte Frosch mit den langen Beinen das Ausmaß der nicht gleich spürbar, aber immer näher an den „Point of no Return“ heranführenden Bedrohung zu spät, um körperlich noch reagieren zu können.

Er wird – nach einem anfänglichem Hochgefühl und dem trügerischem Vetrauen in die von ihm ja gewissenhaft betriebene „lineare Trandforschung“ – zum tragischen Opfer. Genauso fatale Folgen können aber auch nicht – oder zu spät getroffene – Unternehmensentscheidungen haben. Das galt es mit diesem grausamen Bild schockartig vor Augen zu führen.

„Wir sind von Dummheit umgeben“ lautete die nächste provozierende Aussage von Lars Thomsen. Bevor sich die Menschen im Publikum aber ihre Nachbarn genauer anschauen, oder an den einen oder anderen Kollegen denken konnten, machte Lars Thomsen deutlich, dass er von den von vielen hochgelobten, von noch mehr aber nur für nützliche Idioten gehaltene Computer sprach.

In Zeiten inflationärer Informationsfluten könne das „Ende der Dummheit“ erst dann erreicht werden, wenn aus einem nur durch Befehle und Programmierungen erfolgreich steuerbaren Rechner tatsächlich ein „personal digital assistent“, ein auf der Basis seiner gespeicherten enormen Datenmenge selbstständig mitdenkender echter Helfer geworden ist. Der Computer der Zukunft müsse beispielsweise selbstständig wissenschaftliche Publikationen auswerten und analysieren können, mit einem Wort also „smart“ sein.

Erst wenn es neben dem hilfreichen Internet für Menschen auch ein Internet für Dinge gibt, werde der Computer in die Lage versetzt, sich das erforderliche Wissen selbst zu beschaffen, um in Abwesenheit der ihn sonst bedienenden Menschen autonom Heizungen zu regeln oder die Markisen zu steuern. Die nächste Stufe sei erreicht, „wenn Haushaltsgeräte Beine und Hände bekommen“ und humanoide Roboter in der Lage sind, menschengleich Routinetätigkeiten zu übernehmen, erklärte Lars Thomsen und machte darauf aufmerksam, dass das teilweise ja schon gelungen ist.

Um aus der Welt einen besseren Planeten zu machen, sei ein vernünftiger Umgang mit Energie und „ein Ende der unglaublichen Vergeudung unumgänglich“, mahnte Lars Thomsen, der überzeugt ist, dass das Speichern von Energie das große Thema der Zukunft sein werde. Am stärksten betroffen sei die Autoindustrie, die es nach seiner Einschätzung bis 2016 / 2017 geschafft haben wird, ein Elektroauto zu entwickeln, das billiger und dabei wesentlich effektiver sein wird, als ein mit fossilen Brennstoffen betriebenes Fahrzeug.

Werden bei Verbrennungsmotoren nur 20 Prozent zum Antrieb genutzt, während 80 Prozent als Abwärme verpuffen, gehe bei Elektromotoren die effektive und fast „abfallfreie“ Energienutzung gegen 100 Prozent. Der Anfang vom Ende des fossilen Zeitalters sei daher schon eingeleitet.

Eine schwere Hypothek ist auch die demographische Entwicklung in den nächsten 520 Wochen, denn die Generation des sogenannten „Baby-Booms“ verabschiedet sich in den Ruhestand. Den nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Menschen – immerhin 29 Prozent der Bevölkerung – stünden „als nachwachsendes Kapital“ deren Kinder gegenüber, die diese sich auftuende Lücke bei weitem nicht schließen können.

Der daraus folgende „Kampf um Talente“ sei unumgänglich. Geld werde dabei eine weit geringere Rolle spielen als in der Wirtschaftswunderzeit, alte Werte wie Erfahrung, Wissen und Qualifikation würden dagegen wieder an Bedutung gewinnen. „Die Standortqualität wird wieder ein echter Wettbewerbsfaktor“ ist Lars Thomsen überzeugt, der sich über jede Stadt freut, die sich so vorbildlich und frühzeitig Gedanken um die Zukunft macht wie Kirchheim. Zukunft ist schließlich kein Zufall oder Schicksal, sondern in Teilen auch gestaltbar, wenn man sich rechtzeitig kümmert. Im Blick auf den zu Beginn mental präsentierten Tierversuch sprach er allen Beteiligten Mut zu und schloss mit der vielsagenden Warnung: „Seien Sie kein Frosch . . .“