Kirchheim. „Einander verstehen – miteinander leben“: Unter diesem Leitgedanken stand das „Internationale Jahr der Behinderten“, das die UNO 1981 ausgerufen hatte. Ziel war die Integration und Rehabilitation von Menschen mit Behinderung.
Auch in der Teckstadt wurde vor 30 Jahren anlässlich des „Internationalen Jahres der Behinderten“ ein Arbeitskreis ins Leben gerufen. Sein Anliegen war, dafür zu sensibilisieren, dass auch Menschen mit Handicap zur Gesellschaft gehören. Außerdem wollten die Mitglieder Begegnungen schaffen und mit unterschiedlichen Aktionen darauf aufmerksam machen, dass behinderte Menschen in das alltägliche Leben mit einbezogen werden sollen.
„Die Stadt Kirchheim kann mit Stolz auf die vergangenen 30 Jahre zurückblicken“, betonte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker bei einem Pressegespräch zum 30-jährigen Bestehen des Arbeitskreises „Menschen mit Behinderung und Selbsthilfe“. Zwar sei Kirchheim noch keine komplett barrierefreie Stadt – aber in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis habe die Verwaltung in Bezug auf Barrierefreiheit und Behindertenfreundlichkeit schon einiges auf die Beine stellen können. „Bei gemeinsamen Stadtbegehungen mit Behindertengruppen haben wir erkannt, wo wir handeln müssen“, fügte die Oberbürgermeisterin hinzu.
So wurden zum Beispiel Ampelschaltungen verändert, Bordsteine abgesenkt und behindertengerechte öffentliche Toiletten eingerichtet. Außerdem diskutierte man darüber, ob die Behindertenparkplätze breit genug sind und ob die Standorte richtig gewählt wurden. Darüber hinaus wurden das Vogthaus und das Haus der sozialen Dienste barrierefrei umgebaut. Dasselbe soll noch in diesem Jahr mit dem Max-Eyth-Haus geschehen: Hier will die Verwaltung eine Rampe anbringen, damit Menschen im Rollstuhl problemlos die dort untergebrachte „Kirchheim Info“ besuchen können.
Auch bei der Sportentwicklungsplanung arbeiteten der Arbeitskreis und die Stadtverwaltung Hand in Hand. „Es wurden zwar nicht alle Anliegen des Arbeitskreises umgesetzt, aber viele haben Eingang gefunden“, sagte Roland Böhringer, Leiter des Amtes für Familie und Soziales. So hätten sich die Sportvereine, was ihre Angebote und Baulichkeiten anbelangt, gegenüber Menschen mit Behinderung geöffnet.
Mit Blick auf die Zukunft sprach die Oberbürgermeisterin noch ein weiteres Thema an: Inklusion – also die Miteinbeziehung behinderter Kinder an Regelschulen. Hierfür werden derzeit an der Freihof-Realschule, die sich im Umbau befindet, die Voraussetzungen geschaffen. „Damit Inklusion stattfinden kann, planen wir einen Aufzug in der Freihof-Realschule“, informierte Angelika Matt-Heidecker.
Barrierefreiheit müsse aber nicht nur tatsächlich vor Ort, sondern auch in den Köpfen der Menschen existieren, unterstrich die OBin. Der Arbeitskreis habe viel dazu beigetragen, dass dies der Fall sei und dass es bei den Kirchheimern die Bereitschaft gebe, Menschen mit Behinderung einzubeziehen. Das bestätigte Roland Böhringer: „Der Stadt Kirchheim wird bescheinigt, dass sie ein gutes Klima hat, was die Offenheit gegenüber behinderten Menschen anbelangt.“
Ein Grund zur Freude ist das auch für Gerhard Thrun, Geschäftsführer der Lebenshilfe Kirchheim: „In den vergangenen Jahren ist die Aufgeschlossenheit von Seiten der Verwaltung, der Gemeinderäte und der Vereine sowie im öffentlichen Leben gewachsen.“ Während früher oft „von oben nach unten“ entschieden wurde, arbeite der Arbeitskreis mittlerweile auf Augenhöhe mit der Verwaltung. „Es ist ein gegenseitiges Verständnis vorhanden. Dadurch fühlt man sich wertgeschätzt.“
Neben der Lebenshilfe gehören dem Arbeitskreis 29 weitere Gruppen und Organisationen, wie die Selbsthilfegruppe (SHG) nach Krebs, der Verein für Körperbehinderte oder die Amsel-Kontaktgruppe Wernau für Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind, an. Sie treffen sich ein bis zwei Mal im Jahr, um sich auszutauschen, einander zu helfen und um Projekte zu besprechen. „Dadurch bekommt man auch Verständnis für die anderen Gruppen mit ihren jeweiligen Problemen“, schilderte Anita Herbich, Leiterin der SHG nach Krebs. Außerdem erhalte man wertvolle Tipps – zum Beispiel dazu, wie Öffentlichkeitsarbeit funktioniert oder wie man Zuschüsse beantragen kann.
„Ein solches Netz an Hilfen kenne ich aus keinem anderen Landkreis. Das ist sinnvolles Facebooken“, betonte auch Ralf Fischer, Leiter der Amsel-Kontaktgruppe Wernau. „Wir haben es geschafft, die Menschen zu sensibilisieren und ein Miteinander zu schaffen. Kirchheim ist anderen Städten hier ganz weit voraus.“
