Lenningen, Owen und Erkenbrechtsweiler bieten Gemeinsame Jugendarbeit an
„Das kann spannend werden“

Der ländliche Raum geht wieder einmal neue Wege und blickt bewusst über den eigenen Kirchturm hinaus: Gemeinsam bieten Lenningen, Owen und Erkenbrechtsweiler Offene Jugendarbeit an.

Iris Häfner

Lenningen. Von den Alten zu den Jungen: Was mit Unser Netz und DOLE vor geraumer Zeit im Lenninger Tal und auf der Alb seinen Anfang nahm, wird nun dank guter Erfahrungen mit der Gemeinsamen Jugendarbeit fortgesetzt. „Wenn man Neuland beschreitet, kann man auf keine Erfahrungen zurückgreifen, und wir sind uns bewusst, dass alle Seiten Fehler machen werden“, sagt Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht, der zum gemeinsamen Pressegespräch nach Oberlenningen eingeladen hatte. Der Wunsch der drei Gemeinden Lenningen, Owen und Erkenbrechts­weiler ist, gemeinsam mit der Pädagogin Heike Deigendesch und den Jugendlichen Projekte und Ideen zu entwickeln, die realisiert werden können – mit entsprechenden Rahmenbedingungen. Dies bedingt jedoch eine gewisse Flexibilität der offiziellen Gremien, damit sich die Jugendlichen wiederfinden. „Möglicherweise sind nicht alle Ideen im Einklang mit unseren Interessen“, sagt Michael Schlecht augenzwinkernd.

Bei null beginnt die Jugendarbeit in keinem der drei Orte. Neben dem Lenninger Schulzentrum gab es beispielsweise schon Offene Jugendarbeit mit 1,75 Stellen, doch jetzt folgt eine Neukonzeption. Ralf Schäfer bleibt mit seiner 0,75-Prozent-Stelle dort unter rein Lenninger Federführung. Anders sieht es dagegen bei Heike Deigendesch aus. Sie stockt ihre Stelle auf 100 Prozent auf. Diese Stelle wird zur Hälfte vom Kreisjugendring, sprich dem Landkreis Esslingen, finanziert, und die restlichen 50 Prozent teilen sich Lenningen, Owen und Erkenbrechtsweiler anteilig nach der Einwohnerzahl. „Diese Verteilung betrifft lediglich die Finanzierung. Wir werden nicht mit der Goldwaage kommen und nach diesem Prinzip Projekte angehen“, sagt Michael Schlecht. Wichtig sei, was von den Jugendlichen selbst kommt, und dann gelte es, dieses standortunabhängig in Angriff zu nehmen.

„Es wird eine spannende Frage sein, wie wir mit den Ideen der Jugendlichen umgehen“, ist sich der Lenninger Schultes bewusst. Er und seine Kollegen samt den drei Ratsgremien wollen mit den Kids in Diskussion treten. Hier beginnt die Arbeit von Heike Deigendesch. Sie will auf die Jugendlichen zugehen und wird sich daher auf den Weg in alle Gemeinden einschließlich sämtlicher Ortsteile begeben. „Ich will erfahren, was die Jugendlichen wollen und als Vermittlerin zwischen den Kids und den Gemeinden auftreten“, sagt Heike Deigendesch. Sie plant ein Jugendforum, damit sich der Nachwuchs am Gemeindeleben beteiligen kann. „Mal schauen, was möglich ist“, so die Päd­agogin. Bereits in diesem Jahr soll das erste stattfinden, dann regelmäßig zweimal jährlich. Daraus können sich Arbeitsgruppen bilden und deren Ergebnisse dann den politischen Gremien vorgestellt werden. Sie will Institutionen wie die Bücherei einbinden, ebenso Vereine, um so möglicherweise auch Projekte verknüpfen und entstehen lassen zu können. „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich Konkurrenz bin“, so ihre Einschätzung. Im Gegenteil: Sie hofft, dass alle Beteiligten von der Vernetzung profitieren. „Ich ziehe die Jugendlichen nicht von den Vereinen ab, eher andersrum – im besten Fall ist es eine Win-Win-Situation“, sagt Heike Deigendesch.

Bereits jetzt gibt es schon formulierte Interessen seitens der Jugendlichen und mit denen will sie ihre Arbeit beginnen. Da sind etwa die Kids in Schopfloch, die sich darüber ärgern, dass sie sich nicht auf dem Spielplatz treffen können. „Der ist bewusst für Kinder bis zwölf Jahre. Deshalb muss die Gemeinde Grenzen setzen. Nun geht es darum, eine Lösung zu finden, denn unterm Strich müssen die Jugendlichen wissen, dass sie ernst genommen werden“, so Michael Schlecht.

Er und seine Kollegen sind sich des bisherigen Defizits wohl bewusst. „Selbstkritisch muss man sagen: Wir tun vieles für die Kinder bis zum Grundschulalter“, so der Schultes. Mit großem finanziellen Aufwand wird die Kleinkind- und Ganztagsbetreuung gestemmt. „Aber im schwierigen Alter der Pubertät verlieren wir sie“, bedauert er. Dies soll sich nun ändern. Nicht nur die, die in Lenningen zur Schule gehen, sollen mit der neuen Offenen Jugendarbeit angesprochen werden, sondern auch diejenigen, die in Kirchheim oder Nürtingen weiterführende Schulen besuchen.

„Ich fühle mich für diese Arbeit nicht qualifiziert. Deshalb brauchen wir einen Profi“, sagt Owens Bürgermeisterin Verena Grötzinger. Sie sieht Heike Deigendesch als Sprachrohr der Jugendlichen und als Moderatorin, wenn es darum geht, die Kids in politische Entscheidungsprozesse einzubinden – insbesondere wenn es in der Diskussion darum geht, was realistisch, umsetzbar und finanzierbar ist.

Ähnlicher Ansicht ist ihr Kollege aus Erkenbrechtsweiler, der diesen interkommunalen Schritt trotz kritischer Stimmen klasse findet: „Wir kaufen uns den Sachverstand ein – das sind wir unseren Jugendlichen schuldig“, sagt Roman Weiß. Er ist sich bewusst, dass in den vergangenen Jahren wenig für Jugendliche getan wurde. „Deshalb bündeln wir die Aktionen und arbeiten enger zusammen“, so der Schultes, der von einem guten Ergebnis überzeugt ist.

Kurt Spätling, Geschäftsführer beim Kreisjugendring, ist restlos begeistert von diesem Projekt, nennt es gar außergewöhnlich. „Das ist Offene Jugendarbeit im wahren Sinn, und das kann tatsächlich richtig spannend werden – und vielleicht auch unangenehm“, sagt er. Damit nicht von Anfang an Schreckgespenster beim einen oder andern auftauchen, relativiert er gleich: „Ich bin immer wieder verblüfft, wie bescheiden die Jugendlichen sind.“