Die neu gegründete Theater-AG der Kirchheimer Waldorfschule überzeugte mit Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“
Das Leben mit allen Facetten – tragisch und komisch zugleich

Kirchheim. Mit Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ hat sich die neu gegründete Theater-AG der Kirchheimer Waldorfschule unter 
der Leitung von Jörg Rudolf nicht gerade das einfachste Werk ausgesucht, das sich auf einer Schulbühne umsetzen lässt. Schließlich geht es in diesem Stück um zwei wesentliche Tabus, die auch hundert Jahre nach der Wilhelminischen Zeit noch längst nicht enttabuisiert sind: Suizid und Sexualität. Der Titel spielt natürlich vor allem auf das Erwachen des Geschlechtstriebs bei pubertierenden Schülerinnen und Schülern an. Dazu gesellt sich aber mitunter ein Todestrieb, der in diesem Fall bei Moritz Stiefel zum Selbstmord eines überforderten Schülers führt.

Der Theater-AG der Waldorfschule ist es hervorragend gelungen, diese Tabus auf der Bühne darzustellen, die freilich heutzutage weitaus weniger provozieren als bei der Uraufführung 1906 – ganze 15 Jahre nach dem Erstdruck. Die gekürzte Fassung der Kirchheimer AG-Aufführung war schlüssig, und sie beschränkte sich vor allem auf die Szenen, in denen die Jugendlichen allein vorkommen. Das ist letztlich der Grund, warum sich „Frühlings Erwachen“ eigentlich hervorragend eignet für eine Schüleraufführung.

Wenn aber schon Schüler Schüler spielen, was liegt dann näher als die Idee, dass auch Lehrer Lehrer darstellen? Nach der Pause war das nämlich der besondere Clou, den man sich durchaus auch für andere Schüleraufführungen wünschen könnte. Dafür freilich wäre nicht jedes Stück so geeignet wie dieses frühe Werk Frank Wedekinds. Die Lehrerkonferenz in „Frühlings Erwachen“ ist ein besonders genialer Einfall des einstmals wohlsituierten Bürgerschrecks Frank Wedekind, rüttelt er dabei doch kräftig an einem dritten Tabu der Kaiserzeit: an der Autorität der Erwachsenen.

Die Lehrer, die Moritz Stiefel durch ihre schulischen Anforderungen in den Selbstmord treiben, haben bereits einen Sündenbock gefunden: Moritz‘ besten Freund Melchior. Immerhin fand sich in Moritz‘ Nachlass eine „mit lebensgroßen Abbildungen versehene, von den schamlosesten Unflätigkeiten strotzende, zwanzig Seiten lange Abhandlung“ von Melchiors Hand, die mit dem Titel „Der Beischlaf“ versehen war und die „den geschraubtesten Anforderungen, die ein verworfener Lüstling an eine unzüchtige Lektüre zu stellen vermöchte, entsprechen dürfte.“

Wer also seine als unschuldig gedachten Mitschüler so schonungslos mit der Wahrheit der sexuellen Aufklärung konfrontiert, der treibt sie in den Augen der selbstgerechten Pädagogen wohl auch in den Selbstmord. Und so können die Lehrer in ihrer Konferenz auch nicht über Melchiors Schulverweis ernsthaft diskutieren. Sie ereifern sich lediglich bei der Frage, ob während der Konferenz ein Fenster geöffnet werden soll, und gegebenenfalls, welches. Großartig, dass die Lehrer der Waldorfschule diesen satirischen Spaß Frank Wedekinds in so überzeugender Weise mitgemacht haben.

Technisch haben die Lehrer den vorgegebenen Bühnenrahmen gesprengt, indem sie ihre Konferenz auf der Vorbühne und selbst noch in den Zuschauerrängen abgehalten haben. Ein netter Einfall der Regie, die sonst auf der Bühne mit einigen wenigen aussagekräftigen Möbelstücken als Requisiten auskam, mit wechselndem Licht in unterschiedlichen Farben und mit sehr flexibel eingesetzten „Gardinen“. Hinter diesen Gardinen ließ sich pantomimisch trefflich maturbieren, ohne dies allzu offen darstellen zu müssen. Das gleiche gilt auch für die Kugel, die sich Moritz hinter einer solchen Gardine in den Kopf jagte.

In der beeindruckenden Schluss­szene steigt zunächst Melchior durch einen dieser Vorhänge auf den Friedhof, bevor Moritz den Riss benutzt, um sich geschickt mit dem Kopf unter dem Arm als Geist darstellen zu können. Weitere wesentliche Handlungen vollziehen sich hinter der Bühne: Die Verführung oder Vergewaltigung Wendlas durch Melchior geschieht kurz aber heftig hinter einer Mauer von Strohballen. Die tödliche Abtreibung, die Wendlas Mutter später vornehmen lässt, findet gänzlich hinter der Bühne statt. Lediglich zum Sterben wankt die blutverschmierte Wendla wieder auf die Bühne.

Wendlas Mutter ist die einzige Erwachsene – von der Lehrerkonferenz abgesehen –, die in diesem Stück nach der Bearbeitung für die Kirchheimer Aufführung noch notwendig ist: Schließlich ist es sie, die ihrer Tochter noch Geschichten vom Storch erzählt, anstatt sie so aufzuklären, wie es Melchior mit seinem Freund Moritz tut. Nach langem Drängen sagt sie ihrer Tochter lediglich nebulös, sie müsse – um Kinder zu bekommen – den Mann, mit dem sie verheiratet ist, lieben, „wie sich‘s nicht sagen lässt“. Deshalb sagt Wendla zu Melchior im Heu auch nur: „Nicht Küssen, Melchior. Man liebt sich, wenn man küsst.“

Aus heutiger Sicht ist diese mangelhafte Aufklärung natürlich nicht mehr so leicht nachvollziehbar. Das Tabu aber bleibt, und beim Erwachen der Frühlingsgefühle bleiben sich alle Generationen doch immer wieder selbst überlassen. Und sie machen dabei Erfahrungen unterschiedlichster Ausprägungen oder hören zumindest davon – ob es dabei um Schläge geht, die sich Wendla nach den Erzählungen ihrer Freundin Martha wünscht, oder auch um die extremen Ausschweifungen, von denen Modell Ilse Moritz noch erzählt, kurz bevor er sich erschießt. Denn letztlich gehört das alles zum Leben oder doch zumindest zum Wissen vom Leben. Und das Leben ist es, das Melchior in Gestalt des vermummten Herrn am Ende vom Friedhof wegführt. Zurück bleibt der arme tote Moritz, mit seinem Kopf unter dem Arm.

Dieses Ende ist mehr komisch als tragisch. Aber der Theater-AG der Waldorfschule ist es mit dieser Aufführung und durch großartige schauspielerische Leistungen gelungen, das Leben mit all seinen Facetten überzeugend auf die Bühne zu bringen – tragisch und komisch zugleich.