Kirchheim. Im frühen 19. Jahrhundert war die Idealisierung der Natur Thema der romantischen Kunst und Literatur. Die Romantiker spürten
Kai Bauer
den Naturverlust zu Beginn des Industriezeitalters. Und was ist Natur für uns heute? Empfinden wir Naturschönheit als Fiktion oder als wissenschaftlich-ökologisches Ideal? Ist das Schöne an der Natur nur noch die Sehnsucht nach ihr? Wird Natur nicht zur Bedrohung, wenn sie nach einer relativ kurzen Phase der Zivilisationen in Form des Klimawandels zurückschlägt?
Der Künstler Frank Darius, der momentan in der Städtischen Galerie im Kornhaus in Kirchheim ausstellt, findet die Schönheit immer noch und will nicht von ihr lassen. Er wird getrieben, ist fast besessen von der Sehnsucht nach Naturschönheit. Er fotografiert Landschaften und zwar in Berlin und dessen Umland, beispielsweise am Beetzer See in Brandenburg. Die Schönheit der Natur findet er jedoch nur durch gedankliche Selbstdisziplin und harte Arbeit. Sein künstlerisches Konzept, diese Schönheit in Form von Fotografien hervorzubringen, hat er über 25 Jahre immer weiterentwickelt. Dieses Konzept ist von Reduktion und Konzentration geprägt.
Zunächst gehört das genaueste Hinschauen dazu, das „selber sehen“ und damit das „selber denken“, das er braucht, um durch die verwirrende Bilderflut, die das visuelle Gedächtnis füllt, hindurchzusehen. Dann erst entdeckt er das Eigentliche, die individuelle, augenblickliche Realität der Landschaft. Formal muss dann der richtige Ausschnitt mit dem Teleobjektiv gefunden werden. Es gehört zum Konzept der Reduktion und Konzentration, dafür zu sorgen, dass nichts Belangloses auf das Bild gerät. Es dürfen nur Elemente, die wirklich etwas bedeuten, vom Objektiv erfasst werden. Denn Frank Darius verzichtet auf jede Nachbearbeitung der Bilder. Es scheint ihm stattdessen mehr um den künstlerischen Prozess zu gehen, der vor der eigentlichen Aufnahme liegt. Die entscheidende Rolle spielt dabei immer wieder die Zeit, das lange, geduldige Abwarten des richtigen Augenblicks, um den richtigen, den seltenen Moment, für die Aufnahme des Wesentlichen in der Wirklichkeit der Motive zu finden. Ungewöhnliche Wetterlagen, Jahreszeiten und damit das natürliche Licht selbst spielen eine wichtige Rolle und sorgen mit dafür, dass diese Bilder anders aussehen als übliche Landschaftsfotografie. Tatsächlich lässt der Künstler die Natur an seinen Bildern mitarbeiten. Er wartet darauf, dass dichter Nebel oder die unberührte Schneedecke einen großen Teil seiner Bildformate mit blendendem Weiß „erfüllen“, oder besser „entleeren“. Sichtbar bleiben nur wenige Halme, Zweige oder Schilfbüschel, die wie feine Spuren der Natur selbst über das Format verstreut sind. „Fotografie“ heißt ursprünglich „Zeichnen mit Licht“.
Landschaftselemente, Objekte, Flächen, Farben und Strukturen werden auf einem Fotonegativ nur über reflektiertes Licht aufgenommen. Gibt es davon allerdings zu viel, wird das Bild an diesen Stellen zu leerem Weiß überblendet, das Fotopapier als Trägermaterial wird sichtbar.
In Frank Darius‘ Fotografien nimmt dieses überblendete weiße Trägerpapier große Teile der Komposition ein. Schnee und Nebel decken wie Schablonen große Teile der Landschaft ab und machen sie unsichtbar. Sie produzieren auf den Farbfotografien das viele Weiß und schaffen damit die leeren Bedeutungsräume, die den Betrachter zum Füllen inspirieren. Es bestehen Analogien zwischen den Zeiträumen, in denen der Fotograf wartet, während er keine Aufnahmen macht, und den scheinbar leeren, für den Fotoapparat nicht wahrnehmbaren Flächen. In den mit „Untiteld, Botanik“ betitelten Pigmentprints beispielsweise ist der gesamte Hintergrund zu einer weißen Papierfläche geworden, auf der einzelne Gräser, die aus der Schneedecke ragen, wie in einem Herbarium gepresst und damit als Objekte real erscheinen, wären da nicht die fotografischen Unschärfen, die im Vorder- und Hintergrund das technische Medium erkennen lassen. Frank Darius‘ fotografische Bilder haben, trotz ihrer strengen Reduktion, trotz ihrer Rahmen aus Nussbaum, den grünlich-grauen Schilfmotiven und dem wunderbaren Baumwollpapier rein gar nichts von asiatischem Wabi-Sabi-Kitsch. Mit ihren Motiven gehen sie jedoch frei von den drei buddhistischen Sünden um: der Habgier, dem Hass und der Verblendung. Das disziplinierte Vorgehen des Künstlers legt vielmehr die Verletzlichkeit der Naturelemente frei. Die Fotografien lassen die Zweige, die Halme und die Rankhilfen der Hopfenpflanzen so sein, wie sie sind. Der Fotograf behandelt sie mit größtem Respekt und zeigt sie unbelastet von den bildlichen Vorgaben der Naturklischees, die man in Werbung und medialer Gestaltung findet. Die Begeisterung für die Schönheit wird damit immer gemischt mit einer gewissen Melancholie und dem Mitgefühl für die Botanik, die wie gefrostet in der Winterlandschaft still zu stehen scheint. Der Blick auf die Natur ist hier nicht von Grün, Braun oder Blau, sondern von der Farbe Weiß und damit von einer bestimmten visuellen Härte geprägt. Dass Fotografie als Kunst noch inspirierend sein kann, ist heute nicht mehr selbstverständlich, kann aber in der Städtischen Galerie im Kornhaus betrachtet und erlebt werden.
Die Ausstellung „Das Paradies ist hier“ mit Bildern von Frank Darius ist noch bis Sonntag, 19. Januar, dienstags von 14 bis 17 Uhr, mittwochs bis freitags von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr zu sehen. Am 24., 25. und 31. Dezember sowie am 1. Januar ist die Städtische Galerie geschlossen. Finissage ist am 19. Januar um 16 Uhr.