Lokales

Abfall, der Nutzen bringt

Natur- und Landschaftsschützer wollen aus Abfall Energie machen

Ein Modellprojekt hat gestern in Owen seinen vorläufigen Abschluss gefunden. Wird es fortgesetzt, dann wäre das eine dauerhaft positive Verbindung von Natur- und Vogelschutz, Landschaftspflege und nachhaltiger Energiewirtschaft.

Streuobstprojekt
Streuobstprojekt

Owen. Die Klage wird vielfach erhoben, und sicher auch zu Recht: Streuobstwiesen zu pflegen, lohnt sich nicht mehr. Viele Wiesen sind deshalb mitsamt den Bäumen darauf in einem beklagenswerten Zustand. Aber nicht nur der Baum, der Ertrag bringen soll, braucht Pflege, sondern auch der Baum, der im Sinne des Naturschutzes mehr Biotop als „Obsterzeuger“ ist. Je nachdem, welchen Zweck der Baum hat, ist der Ansatz zum Baumschnitt sehr unterschiedlich. Aber trotzdem sollten die Bäume in beiden Fällen geschnitten werden. Und dabei fallen unglaublich große Mengen an Schnittabfall an, die energetisch zu nutzen sind. Meistens aber wird der Schnittabfall an Ort und Stelle verbrannt, ohne Nutzen zu bringen.

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Zur Pflege vernachlässigter Streuobstwiesen setzt das Regierungspräsidium EU-Fördergelder für den Naturschutz ein. Viele Streuobstwiesen liegen inzwischen ja in Vogelschutzgebieten. Bei einer Informationsveranstaltung über Fördermittel für Streuobstwiesen war Anfang des Jahres in Owen großer Unmut entstanden. Diejenigen Wiesenbesitzer nämlich, die ihre Bäume mit eigener Arbeit und mit Einsatz eigener Mittel pflegen, wurden den Eindruck nicht los, dass nur die anderen gefördert werden, die ihre Wiesen – aus welchen Gründen auch immer – verwahrlosen lassen.

Dieser Eindruck ist zwar in dem Fall nicht ganz falsch. Andererseits aber sind die speziellen Fördermittel hier eben für den Natur- und Vogelschutz gedacht und nicht für die Arbeit in den Streuobstwiesen. Aber immerhin haben die Owener jetzt einen gewissen Kompromiss gefunden. „Wir wollen alle Streuobstwiesenbesitzer unterstützen“, sagte Bürgermeisterin Verena Grötzinger beim gestrigen Pressetermin am Ortsausgang Richtung Teck. Alle Wiesenbesitzer waren nun aufgefordert, ihr Schnittgut an zwei Sammelstellen abzuliefern. Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Esslingen sorgte dafür, dass ein Unternehmer den Schnittabfall gestern gleich an Ort und Stelle häckselte.

Welches energetische Potenzial in diesem Holzabfall steckt, erläuterte Manfred Kopp, Abteilungsleiter des Abfallwirtschaftsbetriebs: Ein Containerlastwagen, wie er gestern an der Auffahrt zur Teck stand, hat ein Fassungsvermögen von 40 Kubikmetern. Wenn man nun die Heizölmenge, der ein Kubikmeter Hackgut entspricht, in Kilowattstunden umrechnet, dann könne so ein Container voll Holzabfall fünf Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen.

Professor Dr. Christian Küpfer von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen sprach gestern von einer „Kettenreaktion“, die im Rahmen des Life+-Projekts ausgelöst worden sei: „Wir müssen die Bäume schneiden, wenn wir die Landschaft erhalten wollen.“ Wenn das Material aber vor Ort verbrannt wird, werde unnötig CO2 freigesetzt, und die Energie verpuffe ungenutzt. Wenn das Schnittgut stattdessen zu Holzhackschnitzeln verarbeitet und anschließend zur Energiegewinnung genutzt werde, dann sei das „im Ener­giethema“ vielleicht nur ein kleiner Aspekt. In der Pflege von Streuobstwiesen sei es aber ein besonders wichtiger Aspekt.

Viele Leute würden sagen: „Wenn ich weiß, was mit meinem Material gemacht wird, dann bin ich auch bereit, meine Bäume zu schneiden.“ Das Schnittgut sei dann nämlich kein wertloser Abfall mehr, sondern ein wertvoller Rohstoff.

Obstbaumpfleger und Baumfachwart Michael Veith hat auf der 80 Hektar großen Modellfläche auf Owener Gemarkung rund 50 Obstbäume geschnitten. „Bei einem vernachlässig­ten älteren Baum fällt eine große Menge Schnittholz an“, sagt er. Dem Baum werde die Hälfte oder gar zwei Drittel an Volumen genommen, ohne dass er kleiner wird. Aber auch bei gut gepflegten Bäumen fällt wie gesagt regelmäßig Schnittabfall an.

Das Problem, aus diesem Abfall Energie zu gewinnen, ist eigentlich nur ein Problem der Logistik. Den Planern rund um Christian Küpfer schwebt eine Art „Müllabfuhr“ vor, die Schnittgut an bestimmten Sammelstellen abholt, weil nicht jeder Wiesenbesitzer seinen Abfall zur Grünschnittstelle bringen kann. Wann und ob es überhaupt zu dieser „Schnittgutmüllabfuhr“ kommt, das hängt jetzt von der Auswertung des Owener Modellversuchs ab: Wenn Aufwand und Ertrag einander aufwiegen, dann könnte das Modell fortgesetzt werden. Für die Streuobstlandschaft, für den Naturschutz und für eine nachhaltige Energiewirtschaft wäre das sehr zu wünschen.