Lokales

Alles, bloß kein Stromausfall

Netzbetreiber wappnen sich für Engpässe im Stromnetz und bei der Versorgung

Die Stromnetzbetreiber warnen vor Engpässen im Stromnetz und bei der Versorgung. Schuld sei die Energiewende. Damit es im Winter nicht zu größeren Stromausfällen kommt, müssen die Versorger auf Reservekraftwerke zurückgreifen.

Transnet BW, Ohmstr. 4 in Wendlingen, Pressegespräch zum Thema Versorgungssicherheit im Winter 2012/13-wie eng wird es im Netz?
Transnet BW, Ohmstr. 4 in Wendlingen, Pressegespräch zum Thema Versorgungssicherheit im Winter 2012/13-wie eng wird es im Netz?

Wendlingen. Das Stromnetz ist eine Diva. Bekommt es zu viel Strom, gerät es aus dem Gleichgewicht. Bekommt es zu wenig Strom, droht der Kollaps. Schuld daran ist laut den Netzbetreibern Transnet BW und EnBW die Energiewende. Photovoltaikanlagen, Windräder und Wasserkraftwerke produzieren zwar sauberen Strom, doch die Energiemenge ist witterungsbedingt starken Schwankungen unterworfen. An klirrend kalten, windstillen, sonnenarmen Tagen führt das zu Stromengpässen. Dazu kommt, dass der Energieertrag in Deutschland unterschiedlich ist. Im Norden produzieren Offshore-Windräder an stürmischen Tagen so viel Energie, dass die Spannung im Netz gefährlich absinkt. Es drohen flächendeckende Stromausfälle.

Solche Szenarien zu verhindern, ist Aufgabe von Übertragungsnetzbetreibern wie der Transnet BW GmbH, die ihre Leitstelle in Wendlingen hat. Transnet betreibt in Baden-Württemberg das Transportnetz und sorgt für das Gleichgewicht zwischen Stromangebot und Stromverbrauch. Übertragungsnetzbetreiber haben das große Ganze im Blick, während Verteilnetzbetreiber wie die EnBW dafür zuständig sind, den Strom in die Haushalte und Unternehmen zu bringen.

Kurz vor Winterbeginn ist die Stimmung in der Hauptschaltleitung der Transnet BW besonders angespannt. „Im letzten Winter hat sich gezeigt, dass wir einen Mangel an Erzeugungsleistung hatten“, sagte Geschäftsführer Rainer Joswig beim Pressegespräch. Aufgrund der Abschaltung von Kraftwerken in Deutschland reiche an kalten Tagen ohne Einspeisung von Strom aus Wind- und Sonnenenergie die Erzeugung nur knapp aus, um den hohen Verbrauch zu decken. Ein Baustein in der Sicherungsstrategie für diesen Winter lautet deshalb: Vorsorge. Um zu verhindern, dass im Winter der Strom ausfällt, hat die Transnet BW Reservekraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 250 Megawatt (MW) unter Vertrag genommen. Verhandlungen mit ausländischen Energieversorgern über weitere Reserveleistungen sind noch nicht abge­schlossen.

Ein weiterer Grund für die Anspannung ist, dass der Netzausbau dem Ausbau der erneuerbaren Energien nicht hinterherkommt. „Für eine sichere und zuverlässige Versorgung brauchen wir allein in Baden-Württemberg 90 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen und 240 Kilometer Verbindungen in Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung“, sagte Rainer Joswig. Doch nicht nur innerhalb Baden-Württembergs fehlen Netze. Weil die Leitungen von Norden nach Süden nicht ausgebaut sind, können die gigantischen Strommengen aus Offshore-Windkraft, die an besonders stürmischen Tagen erzeugt werden, nicht in den Süden transportiert werden, wo der Strom dringend gebraucht würde. Wegen dieses Nord-Süd-Gefälles fordert die Transnet BW als Übergangslösung den Bau neuer Gas- und Kohlekraftwerke. Potenzielle Investoren stehen laut Rainer Joswig allerdings nicht gerade Schlange.

Laut Markus Fürst, Leiter der Systemführung, ist das Elektrizitätsversorgungssystem seit der Liberalisierung des Strommarkts und der Energiewende ohne das ständige Eingreifen der Transportnetzbetreiber nicht mehr sicher. Warum das so ist, lässt sich am sogenannten Starkwindszenario verdeutlichen. Es geht von einem windreichen Tag aus, an dem in den Offshore-Windparks im Norden Deutschlands 30 000 Megawattstunden Strom erzeugt werden. „Dieser Strom müsste in den Transportnetzen bevorrechtigt nach Süden gebracht werden, was allerdings nicht in vollem Maße möglich ist“, sagt Markus Fürst. Damit das Gleichgewicht im Netz erhalten bleibt, müssen die Transportnetzbetreiber sogenannte Redispatch-Maßnahmen anwenden. Das heißt: Im Norden Deutschlands werden alle konventionellen Kraftwerke gedrosselt, während im Süden alle Reservekraftwerke hochgefahren werden.

Allerdings können solche Notfallpläne nicht alle Risiken abfedern, sagt Markus Fürst. Zwar gebe es Reservekraftwerke, viele seien aber nur mit langen Vorlaufzeiten einsetzbar und könnten im Störungsfall nicht sofort aktiviert werden. „In kritischen Situationen ist daher eine wesentliche Gefährdung der Systemsicherheit zu befürchten“, sagt er. Das Risiko für Großstörungen und Notmaßnahmen, beispielsweise Lastabschaltungen insbesondere in Süddeutschland, nehme zu.

Auf eine solche Lastabschaltung, also auf einen kontrollierten Stromausfall, bereitet sich auch die EnBW Regional AG vor, allerdings nur als sogenanntes „Worst Case-Szenario“. Sollten alle anderen Optionen ausgereizt sein, ließe die EnBW bei Stromknappheit die Lichter ausgehen – allerdings nicht überall gleichzeitig. Nach dem Prinzip der rollierenden Abschaltung, falle in verschiedenen Regionen Baden-Württembergs circa alle 15 Stunden für anderthalb Stunden der Strom aus, sagte Dr. Martin Konermann von der EnBW Regional AG. Falls es so weit kommt, will die EnBW die Bevölkerung so früh wie möglich informieren. Angepeilt sind ein bis zwei Tage Vorlaufzeit. Alle Beteiligten hoffen, dass es dazu nicht kommen muss. Rainer Joswig von Transnet BW ist jedoch überzeugt: „Wenn wir dem Markt freie Hand lassen würden, würde das System ins Unglück stürzen.“

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