Lokales

Als die grauen Busse kamen . . .

Der Historiker Thomas Stöckle berichtet über „Euthanasie-Morde“ 1940 in Grafeneck

Über den staatlichen Massenmord an 10 654 Männern, Frauen und Kindern im Jahr 1940 in Grafeneck hat der Historiker Thomas Stöckle vom Dokumentationszentrum Gedenkstätte Grafeneck im Bissinger Abendforum berichtet. Den Vortrag hat die „Initiative Wilhelm Weißburger“ veranstaltet.

In grau gestrichenen Bussen der Deutschen Reichspost wurden die selektierten geistig behinderten und psychisch kranken Menschen
In grau gestrichenen Bussen der Deutschen Reichspost wurden die selektierten geistig behinderten und psychisch kranken Menschen 1940 nach Grafeneck transportiert.Foto: Bildarchiv Gedenkstätte Grafeneck

Bissingen. Von langer Hand von den NS-Machthabern bürokratisch unter den Vorzeichen des geplanten Kriegs vorbereitet, zentral von Berlin geleitet und, wie Zeugenaussagen belegen, skrupellos akribisch durchgeführt, wurden zwischen dem 18. Januar und dem 13. Dezember 1940 auf Schloss Grafeneck bei Marbach 10 654 geistig behinderte und psychisch erkrankte Menschen systematisch ermordet.

Anzeige

Grafeneck war das erste von insgesamt sechs Vernichtungszentren in Hitler-Deutschland. „Damit begann aufgrund der Arbeitsteiligkeit das industrialisierte Morden“, sagte der Historiker Thomas Stöckle. Sozusagen der Probelauf für die millionenfache Ermordung von Juden.

Stöckle beschrieb genau die in Berlin von der sogenannten „Aktion T4“ festgelegte Todeschoreografie. 1939 und 1940 versandte das Reichsinnenministerium Merkblätter an die großen psychiatrischen Kliniken in Württemberg, Hohenzollern, Baden, Bayern, Hessen und am Niederrhein, wonach diese folgende vier Personengruppen zu melden hatten: Personen, deren Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war; Personen, die länger als fünf Jahre in einer Anstalt weilten; Personen, die gerichtlich eingewiesen worden waren und Personen „nicht deutschen oder artverwandten Blutes“, was sich in der Regel auf Menschen jüdischer Religionszugehörigkeit bezog.

Die „Verlegung“ in die „Landes-Pflegeanstalt Grafeneck“ – so wurde die Mordfabrik auf der Münsinger Alb genannt – wurde Thomas Stöckle zufolge nur möglich, weil das Württembergische Innenministerium unter Innen- und Justizminister Jonathan Schmid der „Euthanasie-Aktion T4“ sekundierte.

Wie verlogen die Mordbürokratie von Grafeneck agierte, belegte Stöck-le anhand eines Briefes an die Familie des ermordeten 36-jährigen Theodor Kynast aus Göppingen, der am 29. November 1940, sofort nach seiner Ankunft in der „Landes-Pflegeanstalt“ mit 16 weiteren Patienten aus Göppingen in den Tod geschickt wurde. Seine Eltern erhielten einen Breif, wonach ihr Sohn am 3. Dezember an Lungentuberkulose gestorben sei. Selbst die Unterschriften des Arztes und des Standesbeamten waren gefälscht worden.

Außer Grafeneck unterhielten die Nationalsozialisten in Brandenburg, Bernburg bei Magdeburg, Sonnenstein/Pirna bei Dresden, Hartheim bei Linz und Hadamar bei Frankfurt Vernichtungsanstalten. In ihnen wurden insgesamt 70 000 Menschen getötet – „unwertes Leben“, wie die Rassehygieniker der Nationalsozialisten befanden, beziehungsweise „unnütze Esser“, wie sie Viktor Brack, einer der Hauptorganisatoren der „Aktion T4“ bezeichnete. Eine unterstellte erbbiologische und gesellschaftliche „Minderwertigkeit“ prädestinierte gerade Anstaltspatienten in den Augen von Rassehygienikern, Psychiatern, Medizinalbeamten und Ökonomen zu Opfern eines medizinisch verbrämten Massenmordes. Dabei besitzt diese Idee eine lange Vorgeschichte, wie Thomas Stöckle ausführte. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden, ausgehend von sozialdarwinistischen Vorstellungen, Ideen der Rassenhygiene und der Erbgesundheitspflege propagiert. Diese Idee soll laut einem Zuhörer auch der Präsident des Evangelischen Konsistoriums, Dr. Friedrich Reinöhl, verfolgt haben, der 1945 die Bissinger Ehrenbürgerwürde erhielt.

Unmittelbarer Anlass für die industriell durchgeführten „Euthanasie-Morde“, so mutmaßte Historiker Stöckle, waren für die Nationalsozialisten aber finanzielle und wirtschaftliche, nahrungspolitische und militärische Gründe.

Doch die Massenmorde blieben nicht lange verborgen. Proteste vielfältiger Art blieben nicht aus, wie Thomas Stöckle sagte. Nicht nur Angehörige der Opfer protestierten, auch Kirchenmänner wie Theophil Wurm, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche Württemberg, Clemens Graf von Galen, Bischof von Münster, und selbst die NS-Frauenschaftsführerin und Kulturreferentin der Stadt Stuttgart, Else von Löwis, legten ihr Veto ein. Am 19. Dezember 1940 schlug Reichsführer SS, Heinrich Himmler, Viktor Brack vor, „die Verwendung der Anstalt“ einzustellen. Zu diesem Zeitpunkt jedoch waren die Schornsteine bereits kalt, denn die Landes-Pflegeanstalt Grafeneck hatte ihr grausames Soll übererfüllt. Nicht 20 Prozent, wie gefordert, sondern 50 Prozent der jeweiligen Heilanstaltsinsassen waren ermordet worden.