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„Apfelsinen in Omas Kleiderschrank“Info

Jugendliche setzten sich mit dem Thema Demenz auseinander

„Das betrifft mich doch noch lange nicht!“, würden viele Jugendliche sagen, die man mit dem Thema Demenz konfrontiert. In der Reihe „Blaue & Graue Tage“ des ­Sozialen Netzes Raum Weilheim konnten sich Konfirmanden und Ministranten eine andere Meinung bilden.

Weilheim. Die Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinden Weilheim, Neidlingen, Hepsisau, Ohmden und Holzmaden sowie die Ministranten der katholischen Kirchengemeinde Weilheim beschäftigten sich dank des Engagements von Christina Kleiner (DRK) mit dem Thema.

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Die Expertin im Altenpflegebereich zeigte den Jugendlichen in sechs Einzelveranstaltungen den Dokumentarfilm „Apfelsinen in Omas Kleiderschrank“, ergänzte den Streifen mit Erzählungen über ihre Erfahrungen mit Demenzkranken im Arbeitsalltag des Fickerstifts und gab den Jugendlichen dadurch auch Gelegenheit, eigene Ängste und Sorgen zu offenbaren.

„Meine Oma hat Demenz. Bekomme ich das dann später auch?“, war beispielsweise die besorgte Frage, einer Konfirmandin. „Mein Opa hat mich beschuldigt, sein Geld gestohlen zu haben“, empörte sich ein anderer Jugendlicher. Demenz ist, wie sich im Laufe der Gespräche zeigt, ein Thema, das alle Altersgruppen betrifft. Die einen als Erkrankte, die im Laufe der fortschreitenden Erkrankung auf immer mehr Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Die anderen als betreuende Angehörige oder Familienmitglieder, die mit Vergesslichkeit, Orientierungsschwierigkeiten und in späteren Erkrankungsphasen mit dem Verlernen alltäglicher Dinge wie Zähne putzen oder Anziehen zurechtkommen müssen.

Auch Daniels „Oma Anna“ aus dem Film muss von ihrer Tochter, beginnend beim Aufstehen, Waschen und Anziehen, den ganzen Tag liebevoll begleitet und beschäftigt werden. Kann man als Zuschauer bei dem Dialog am Esstisch über Annas anstehenden 70. Geburtstag noch schmunzeln, wenn sie ihrer Tochter sagt „so alt siehst du noch gar nicht aus!“, so bleibt einem doch bei der Erzählung des 16-jährigen Daniel über die Behauptung seiner Oma, sie habe mehrere Kinder, nämlich seinen Vater, ihn, seine kleine Schwester und seinen Onkel, das Lachen im Halse stecken. Die hauptsächlich mit der Pflege und Sorge beschäftigte Mutter hatte Oma Anna einfach als ihr eigenes Kind in der Aufzählung vergessen.

Christina Kleiner erzählte auch aus ihrem Arbeitsalltag, dass dieses Abdriften der Demenzkranken in eigene Welten und der allgemeine Fähigkeitsverlust für Angehörige nicht immer leicht zu ertragen sei. Sie als Pflegeperson habe es leichter, sich an die Empfehlung zu halten, den Kranken nicht an seinen Defiziten zu messen, sondern sich an den erhaltenen Fähigkeiten zu freuen. Meist lerne sie die Personen erst erkrankt kennen und vermisse somit auch nicht den „intellektuellen, engagierten Schuldirektor“, dem die Angehörigen nachtrauerten. Weiterhin erleichterte die Kenntnis des Krankheitsverlaufs und der krankheitsbedingten Veränderungen – wie das spontane Ausleben einer intensiven Gefühlswelt – den Umgang mit Demenzkranken. Die heitere Anekdote aus dem Fickerstift über die lachende „Altenrunde“ am Tisch vermittelte den Jugendlichen anschaulich, dass es auch viele „blaue Tage“ im Leben Demenzkranker gibt.

Wahrscheinlich werden sich viele Konfirmanden oder Ministranten noch länger an diesen Nachmittag mit „Oma Anna“, „Daniel“ und Christina Kleiners Alltagserfahrungen aus dem Pflegeheim erinnern. Und vielleicht verstehen danach einige den „Lebensmittel bunkernden Opa“ oder die „Spontanumarmungen und Küsse“ der Oma in ihrer eigenen Umgebung besser oder können eher in der Familie über ihre Probleme mit diesen Themen sprechen.

Christina Kleiner brachte den Jugendlichen die Bedeutung des Demenzkampagne-Titels „Leben mit Demenz – Blaue & graue Tage“ mit ihrer offenen, sympathischen Art anschaulich näher.

Der Film „Apfelsinen in Omas Kleiderschrank“, produziert vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA), kann nach Ende der Veranstal­tungsreihe Ende April wie andere Medien zum Thema Demenz beim Sozialen Netz Raum Weilheim ausgeliehen werden.pm