Lokales

Arm und Reich in Deutschland

Vortrag des Marburger Sozialethikers Franz Segbers im Rahmen der Kirchheimer Versperkirche

Die Auferstehungskirchengemeinde hatte dazu eingeladen, sich mit einem brennenden Thema der Gesellschaft zu beschäftigen: Armut. Im Rahmen der Kirchheimer Reihe und der Vesperkirche hielt der außerplanmäßige Professor für Sozialethik in Marburg, Dr. Franz Segbers, den Vortrag „Deutschland – reich an Armut“.

Der Sozialethiker Franz Segbers sprach im Rahmen der Vesperkirche über das Thema Armut.Foto: Deniz Calagan
Der Sozialethiker Franz Segbers sprach im Rahmen der Vesperkirche über das Thema Armut.Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. Zum Einstieg wurde das Konzept der Vesperkirche vorgestellt. Zwar bräuchten die Armen „Recht und Gerechtigkeit, nicht Almosen“. Doch kirchliche Einrichtungen wie diese hülfen in der akuten Not da, wo der Staat versagt habe. Franz Segbers präsentierte als Wissenschaftler und auch Praktiker im Kampf gegen Armut zahlreiche nüchterne Statistiken und Daten, füllte sie aber auch mit Leben. Aus einem theologischen Blickwinkel heraus wandte er das Gleichnis des Reichen und des Lazarus auf die heutige Situation in Deutschland an.

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Obwohl es Deutschland – vor allem dem Südwesten – im weltweiten Vergleich gut gehe, empfänden drei Viertel der Bevölkerung die finan­ziellen Verhältnisse als ungerecht. Zahlen belegen, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland tatsächlich größer wird. Warum sich dies in den letzten Jahren so entwickelt hat und was dagegen zu tun ist, führte Franz Segbers anschaulich aus. Dabei erfuhren die Zuhörer von Phänomenen wie arbeitenden Armen, Altersarmut und wachsender Kinderarmut. Aus der veränderten Arbeitswelt, in der prekäre Arbeitsverhältnisse immer mehr zunähmen, resultiere auch die Spaltung der Gesellschaft.

Segbers stellte klar, dass Armut „nicht ein Naturereignis“ ist, sondern eine Folge von politischen Entscheidungen. In der Bibel sei Armut immer schon dadurch entstanden, dass der Arme um sein Recht gebracht worden sei, weswegen man viele Schutzgesetze in der Bibel finde. Davon leitete der Referent nicht nur das grundsätzliche Recht aller auf gerechte Verhältnisse und auf eine menschenwürdige Existenz ab, sondern auch die Notwendigkeit einer Rechtsprechung, die dies garantiert.

Mehrmals verwies er auf die sozialen Aufgaben der Kirche im Kampf gegen Armut: Als samaritanische Kirche müsse sie direkt in der Not helfen, wie es die Vesperkirchen mit ihrem Angebot täten. Als diakonische Kirche sei es jedoch auch ihre Aufgabe, sich politisch zu engagieren und den Staat aufzufordern, seinen Pflichten der gesamten Bevölkerung gegenüber nachzukommen.

In der anschließenden kurzen Diskussion mit dem Publikum kam jedoch auch mehrmals der Gedanke auf, dass sich nicht nur die Politik verändern müsse, sondern dass mehr Problembewusstsein, Solidarität und politisches Engagement aus der Gesellschaft heraus kommen müsse, auch und gerade innerhalb einer christlichen Kirchengemeinde. Mit diesem Anstoß, selbst etwas für eine Veränderung in Deutschland zu tun, ging die anregende und informative Veranstaltung zu Ende.