Lokales

Besser kreisen als abtauchen

Helikopter-Eltern sind ihm lieber als U-Boot-Eltern, sagt Alleenschul-Rektor Uwe Häfele

Sie fahren ihre Kinder bis vors Schulgebäude, tragen ihnen das Vesper hinterher und zoffen sich mit Lehrern, die es wagen, schlechte Noten zu verteilen: Helikopter-Eltern. Kreisen sie auch über Kirchheims Schülern? Nur vereinzelt, sagt der Leiter der Kirchheimer Alleenschule. Er hält die momentane Debatte rund um überengagierte Eltern für völlig übertrieben.

Zufahrt verboten: Das „Männle“ an der Zufahrt zur Alleenschule soll Eltern davon abhalten, ihre Kinder direkt vors Gebäude zu fa
Zufahrt verboten: Das „Männle“ an der Zufahrt zur Alleenschule soll Eltern davon abhalten, ihre Kinder direkt vors Gebäude zu fahren.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Bleibe vor dem Schulhaus stehen, sage „Tschüss“ und lass mich gehen“. Diese Aufforderung eines Schulkindes „an alle Eltern, Omas, Tanten oder sonstigen Verwandten“ prangt in Gedichtform an der Eingangstür der Kirchheimer Alleenschule. Das Schild passt gut in die Debatte über Helikopter-Eltern, die mit dem Brandbrief des Rektors der Stuttgarter Schillerschule begonnen hat. Und auch wieder nicht. Denn Uwe Häfele, Leiter der Grund- und Werkrealschule, hat wenig Grund zur Klage. Sicher gebe es Helikopter-Eltern an seiner Schule, sagt er. Die habe es im Übrigen schon immer gegeben. „Aber sie sind die Ausnahme“.

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Wo sie jedoch ihre Kreise ziehen, kosten sie Häfele und seine Mitarbeiter ganz schön viele Nerven. Sichtbar wird das nicht nur an dem Schild, das Eltern bittet, ihre Kinder die letzten Meter bis zur Schulbank allein gehen zu lassen. Auch an der Zufahrt zur Schule wird deutlich, dass viele Eltern beim Bringen und Holen ihrer Kleinen regelmäßig Grenzen überschreiten. „Liebe Eltern, das Befahren des Schulgeländes ist nicht erlaubt“, steht auf einem Männle, das der Hausmeister jeden Tag an der Zufahrt aufstellt. Bei diesem Thema kennt Uwe Häfele keinen Spaß: „Manche Eltern fahren sehr schnell, und die Zufahrt gehört zum Schulhof. Da laufen Kinder hin und her“, weiß er um die Gefahren. Sein Tipp: Den Kindern auf dem Schulweg nach und nach mehr Verantwortung übergeben. Überhaupt würden meist die Kinder bis vors Schultor gefahren, die den kürzesten Schulweg hätten.

Häfeles Ansicht nach zeigt das „Männle“ jedoch schon Wirkung. „Wenn man mit den Eltern spricht, sind sie meistens einsichtig“, sagt er. Brandbriefe zu schreiben, wie es der Leiter der Schillerschule getan hat, hält er für den falschen Weg.

Regina Schöllkopf, Leiterin der Ganztagspädagogik an der Alleenschule, will nicht allen Helikopter-Eltern Absicht unterstellen. „Viele handeln aus Gedankenlosigkeit. Wenn man ihnen sagt, dass das Kind seinen Schulranzen auch selbst tragen kann, hilft das oft schon“, weiß sie. Auch falle vielen Eltern der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule schwer. „Im Kindergarten ist man es gewohnt, die Kleinen bis in den Gruppenraum zu bringen. Viele Eltern machen in der Grundschule einfach so weiter“. Allerdings werden die Eltern bei der Einschulung darüber informiert, dass sie ihre Kinder bei der Schultür abgeben und das Haus nur bei Terminen betreten sollen. Laut Klassenlehrerin Angela Wankmüller hat das auch Sicherheitsgründe: „Man verliert sonst schnell den Überblick, ob Erwachsene, die sich im Haus aufhalten, Eltern sind oder nicht“.

Angela Wankmüller hat nur wenige Helikoptereltern in ihrer Klasse, „vielleicht zwei von 19“, schätzt sie. An ihrer Vorgängerschule im ländlichen Raum seien es deutlich mehr gewesen, „vielleicht, weil dort weniger Mütter berufstätig waren und mehr Zeit hatten“, so ihre Mutmaßung. Größere Sorgen als die Helikop­ter-Eltern bereiteten ihr allerdings die sogenannten U-Boot-Eltern, sagt die Klassenlehrerin, und erntet Kopfnicken bei ihren Kollegen. „U-Boot-Eltern sind Eltern, die zu wenig nach ihren Kindern schauen. Die kein Vesper mitgeben, nicht nach den Hausaufgaben schauen, nie bei Elternabenden oder zu Elterngesprächen erscheinen“, sagt die Klassenlehrerin. Regina Schöllkopf beschreibt einen Extremfall: „Ein Kind wird tagelang krank in die Schule geschickt. Wenn wir dann zu Hause anrufen, geht niemand ans Telefon“. Uwe Häfele weiß, dass viele U-Boot-Eltern aus Überforderung abtauchen. „Viele haben Probleme mit der Sprache oder sind alleinerziehend“, sagt er. Für solche Kinder sei die Ganztagsgrundschule ein Segen. Bei allem Ärger, den es mit überengagierten Eltern oder solchen, die sich wenig kümmern, gibt: „Der überwiegende Teil unserer Eltern ist verantwortungsvoll, engagiert, schätzt unsere Arbeit und weiß, dass die Kinder hier gut aufgehoben sind“.

Alleeschule - das Befahren des Schulgeländes ist nicht erlaubt - Parkplatz - Schulparkplatz
Alleeschule - das Befahren des Schulgeländes ist nicht erlaubt - Parkplatz - Schulparkplatz

„Eltern sollten Kindern vertrauen“

„Eltern sollten Kindern vertrauen“
„Eltern sollten Kindern vertrauen“

Momentan ist oft die Rede davon, wie genervt Schulleiter und Lehrer von sogenannten Helikoptereltern sind. Aber was macht es mit den Kindern, wenn sie von ihren Eltern überbehütet werden?

HERBERT RENZ-POLSTER: Prinzipiell ist es für Kinder ganz wichtig, wenn ihre Eltern sie behüten. Es wird aber dann ein Problem, wenn die Kinder den Raum oder die Gelegenheit verlieren, sich selbst zu bewähren. Um sich entwickeln zu können, müssen Kinder sich ja kennenlernen, Erfahrungen mit anderen Menschen machen und die Welt erkunden. Das können wir den Kindern nicht als Erwachsene vermitteln, auch nicht aus unserem Erfahrungsschatz heraus. Jedes Kind muss diesen Weg selber gehen. An eigenen, vielleicht auch negativen Erfahrungen, führt kein Weg vorbei. Wenn Kindern immer alles abgenommen wird, gewöhnen sie sich irgendwann daran. Sie werden ängstlicher, mutloser, vielleicht auch bequemer.

Warum glauben Sie, dass es immer mehr Eltern gibt, die sich so verhalten?

RENZ-POLSTER: In den 70er-Jahren gab es viel Aufwind für die Mittelschicht, da musste man sich keine großen Sorgen um die Zukunft der Kinder machen. Heute bläst der Mittelschicht der Wind ins Gesicht. Viele haben Abstiegsängste und sagen sich: Meine Kinder müssen funktionieren. Ich tue ihnen etwas Gutes, wenn ich sie antreibe.

Aber die Gesellschaft wird ja auch immer leistungsorientierter. Haben Eltern also nicht recht, wenn sie für ihr Kind die bestmögliche Ausbildung fordern? Und damit Lehrern und Schulleitern halt auch mal auf die Nerven gehen?

RENZ-POLSTER: Natürlich. Die Eltern haben alles Recht der Welt, für das Wohl ihres Kindes zu sorgen. Die Frage ist nur, wie. Nicht, indem man den Kindern alle Steine aus dem Weg räumt. Sondern, indem man den Kindern zutraut, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sicher wird es auch mal Fälle geben, in denen etwas von Erwachsenem zu Erwachsenem besprochen werden muss. Aber was lernen Kinder denn dadurch, dass Mami alles regelt? Und wie können sie der Welt begegnen, wenn es kein Risiko geben darf? Natürlich müssen Eltern auch die Sicherheit der Kinder im Auge haben, aber man muss ihnen dabei doch nicht die Freiheit im Alltag nehmen. Denn Eltern sind ja durchaus bereit, ihren Kindern Risiken zuzumuten, wenn es zu ihren Zielen für die Kinder passt. Ski fahren auf der schwarzen Piste ist in Ordnung, aber auf den Baum klettern nicht. Fußball spielen, wo praktisch immer was passiert, ja. Unbeaufsichtigtes Spielen in der freien Natur, nein.

Ihr Rat an die Eltern?

RENZ-POLSTER: Mein grundsätzlicher Rat ist, dass Eltern nicht so viele konkrete Ziele für ihre Kinder haben sollten. Eltern sollten einen Rahmen von Verlässlichkeit, von Feinfühligkeit, von funktionierenden authentischen Beziehungen bieten. Dieses Kapital nutzen die Kinder dann, um sich auf den Weg zu machen. Und zwar aus sich selbst heraus.