Lokales

Blattstadt wählt den Bürgermeister

In der Spielstadt des Mehrgenerationenhauses Linde entdecken Kinder spielerisch die Welt der Erwachsenen

Bis zu 60 Kinder tauchen in dieser Woche im Rahmen des Kinderferienprogramms der Kirchheimer Linde in die Welt der Erwachsenen ein. Noch bis morgen schnuppern sie in der „Blattstadt“ in verschiedene Berufe hinein und üben sich im Arbeiten, Geldverdienen und Regieren.

Applaus bei der Blattstädter Bürgerversammlung: Die jungen Bürgermeisterkandidaten stellten am Mittwoch ihre Wahlprogramme vor.
Applaus bei der Blattstädter Bürgerversammlung: Die jungen Bürgermeisterkandidaten stellten am Mittwoch ihre Wahlprogramme vor. Foto: Jean-Luc Jaques

Kirchheim. Die Bürger von Blattstadt sind am Mittwoch besonders unruhig gewesen: Am Morgen hat das Rathaus den Streik der Stadtwerke, die unter anderem für die Müllbeseitigung zuständig sind, gerade noch abgewendet. Deren Mitarbeiter waren unzufrieden mit den hohen Steuerabgaben und drohten deswegen damit, ihre Arbeit niederzulegen. Das Rathaus beschloss kurzerhand, ihnen die Steuern für den heutigen Tag zu erlassen. Vielleicht können ja die neuen Bürgermeister das Problem zufriedenstellend lösen und die Parteien beschwichtigen. Schon lange fieberten die Bürger der bevorstehenden Bürgermeisterwahl entgegen.

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Einige eifrige Jungen und Mädchen haben sich zur Wahl gestellt und schon im Vorfeld „Wahlkampf“ betrieben, natürlich inklusive Wahlversprechen. Überall lassen sich an den Wänden und Türen des Mehrgenerationenhauses Linde ihre „Wahlkampfplakate“ begutachten: „Ich bin der beste Bürgermeister für ganz Blattstadt“, wird da selbstbewusst verkündet. „Nie wieder Steuern!“, verspricht eine weitere junge Kandidatin. Andere Bewerber um den begehrten Posten versprechen zumindest, die Steuern zu senken und die Löhne zu erhöhen. Ob sich die ehrgeizigen Ziele und Wahlversprechen der jungen Kandidaten auch wirklich so problemlos umsetzen lassen, wird sich noch zeigen. Begeistert sind die kleinen Blattstädter Bürger allemal, und so erntet auch jeder Kandidat Jubelrufe und Applaus, als ein letztes Mal vor der Wahl das jeweilige Wahlprogramm vorgestellt wird.

„Die Kinder können hier spielerisch die Realität der Erwachsenen kennenlernen“, erklärt Daniela Loes vom Team des Mehrgenerationenhauses Linde den pädagogischen Hintergrund des Kinderferienprogramms. In der Blattstadt lernen sie, warum es Steuern gibt und wohin das hart verdiente Geld fließt. Auffallend ist dabei die besondere Ernsthaftigkeit der Kinder im Mikrokosmos „Blattstadt“: Sie spielen nicht nur Rathausangestellter oder Bankangestellte, sie sind es auch für einen Tag, mit allen damit verbundenen Aufgaben und Pflichten – und haben sichtlich Spaß daran. Egal, ob sie sich für den Tag als Angestellter in der Schreinerei, dem Gesundheits- und Forschungszentrum, der Kreativmanufaktur oder für die Stadtwerke oder das Postamt betätigen, es wird nicht „gebastelt“, sondern gearbeitet. Die hergestellten Produkte und ange­botenen Dienstleistungen werden nämlich größtenteils für das Zusammenleben in der Stadt tatsächlich gebraucht und müssen mit dem selbst erarbeiteten Geld, den sogenannten Blüten, bezahlt werden.

Jobs gibt es in Blattstadt glücklicherweise genügend, deshalb ist das Thema Arbeitslosigkeit hier auch ein Fremdwort. In diesem und einigen anderen Punkten unterscheidet sich die Kinderspielstadt von der Realität. So sind etwa kleine Presse-Teams vom Blattstädter Fernsehen mit einem Camcorder auf der Suche nach Interviewpartnern, ein Postbote vom Blattstädter Postamt verteilt die eingegangenen Aufträge an die produzierenden Betriebe, und Mitglieder der Stadtwerke fegen den Hof und errichten Briefkästen, die zuvor in der Blattstädter Schreinerei hergestellt und in der Kreativmanufaktur verziert wurden. Langeweile kommt hier keine auf. Verdienen tun alle übrigens dasselbe, nämlich 8 Blüten pro Stunde.

Damit an den gut ein Dutzend Spielstationen alles glattläuft, hat die Linde auch in diesem Jahr in Kooperation mit der Familien-Bildungsstätte wieder jede Menge Mitarbeiter mobilisiert. Neben Haupt- und Ehrenamtlichen sind auch Auszubildende, Freiwillige und Schüler im Praktikum in die Kinderstadt eingebunden. Von morgens um 9 bis abends um 17 Uhr können so die teilnehmenden Kinder ganztags betreut und beschäftigt werden. Schon im März mussten interessierte Eltern ihre Kinder für das Kinderferienprogramm anmelden, das in diesem Jahr auf 60 Kinder im Grundschulalter beschränkt ist. „Wenn der Zulauf weiterhin so gut bleibt, können wir vielleicht in den nächsten Jahren aufstocken“, kommentiert Daniela Loes den bisherigen Erfolg der Kinderspielstadt zuversichtlich.

Tag der offenen Tür

Interessierte Eltern, Großeltern, Geschwister und andere neugierige Besucher können am morgigen Samstag, 2. Juni, die Blattstadt besichtigen. Dann ist die Spielstadt nämlich von 15 bis 17 Uhr auch für ältere Besucher geöffnet. Zusätzlich gibt es an diesem letzten Tag auch noch eine Aufführung vom Kinderzirkus Teckolino.