Lokales

Busse unter der Lupe

Große Kontrollaktion von Polizei und Zoll am Autohof im Kirchheimer Kruichling

18 Reisebusse haben Polizei und Zoll am Donnerstag am Kirchheimer Autohof überprüft – und dabei einige schwarze Schafe entdeckt. Die Beamten stießen auf durchgerostete Karosserien, übermüdete Fahrer und Schmuggelware. Um einige Busse stand es so schlecht, dass sie nicht wieder zurück auf die Straße durften.

Am Autohof Kirchheim, Polizeikontrollen Reisebusse (Lenkzeiten, Techn. Mängel)

Prüfende Blicke: Polizisten kontrollieren Ersatzreifen. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Der tschechische Reisebus ist morgens einer der ersten, der per Polizeieskorte auf den Autohof gelotst wird. Drinnen sitzt eine israelische Reisegruppe auf Tour durch Europa. Nächstes Ziel wäre eigentlich das Daimler-Benz-Museum in Stuttgart gewesen. Das allerdings scheint erst einmal in weite Ferne zu rücken. Stattdessen müssen die Fahrgäste Vorlieb mit dem Kirchheimer Kruich­ling nehmen. „Ein Teil des Rahmens ist durchgerostet“, meldet ein Polizeibeamter, was ein erster Blick mit der Taschenlampe unter das Gefährt ergeben hat. Damit steht fest: Ein Gutachter ist gefragt, der Bus muss auf die Prüfstrecke. „Gut möglich, dass die Weiterfahrt untersagt wird“, sagt Karsten Bolz, Einsatzleiter und Leiter der Verkehrspolizei in Esslingen.

Die Kontrollaktion auf dem Kirchheimer Autohof am gestrigen Donnerstag ist groß angelegt. Insgesamt 13 Beamte der Verkehrspolizei, sieben Mitarbeiter der Autobahnpolizei, zwölf Zollbeamte und drei Vertreter des Bundesamts für Güterverkehr sind mit von der Partie. Auf dem Parkplatz des Autohofs steht ein Zelt mit der Aufschrift „Zoll“, davor parkt ein Lieferwagen mit mobilem Röntgengerät. „Wir untersuchen die Busse auf technische Mängel und überprüfen die Lenkzeiten der Busfahrer“, informiert Karsten Bolz. Allzu oft halten Busfahrer die Ruhezeiten nicht ein, manche arbeiten illegalerweise auch mit zwei Fahrerkarten, oder fahren, obwohl sie eigentlich Urlaub haben. Um etwaige Schmuggelware zu entdecken, werden auch die Fahrzeuge sowie gegebenenfalls Insassen und Gepäck durchsucht. „Da geht es um Drogen, Zigaretten und Waffen“, so Karsten Bolz.

Kontrolliert werden dem Einsatzleiter zufolge „querbeet durch“ alle Busse, die den Polizeibeamten unterkommen. Vor allem Reisebusse und die in Deutschland erst seit diesem Jahr zugelassenen Fernreisebusse winken die Beamten raus. Deutsche Fahrzeuge nimmt sich das Einsatzteam ebenso vor wie ausländische. „Es gibt auch genügend deutsche Fahrer, die gegen die Ruhezeiten verstoßen“, weiß Karsten Bolz aus Erfahrung. Immer wieder stoßen die Polizisten bei solchen Kontrollen auch auf dubiose Kaffeefahrten.

Ein deutscher Reisebus parkt am anderen Ende des Parkplatzes auf dem Autohof. Die Insassen stehen rund um das schmucke Gefährt, während die Polizeibeamten das digitale Kontrollgerät auslesen und den Bus untersuchen. „Da scheint alles okay zu sein“, meldet Roland Thiel von der Autobahnpolizei. Vier Tage Brüssel steht für die Reisegruppe an, der erste Halt kam kurz nach der Abfahrt. „Wir sind ja erst in Ulm gestartet“, erzählt ein Mann. Eine Frau gibt zu, anfangs gar nicht begeistert von der unfreiwilligen Pause gewesen zu sein. „Im ersten Moment habe ich mich geärgert, aber jetzt bin ich froh, dass kontrolliert wird“, erzählt sie und erntet Zustimmung von ihren Mitreisenden. „Man kann gar nicht genug auf die Sicherheit achten, es passiert ja so viel“, betont einer von ihnen. Wenig später gibt es grünes Licht: Der Bus darf weiterfahren.

Aufregung gibt es unterdessen um einen slowakischen Bus, der direkt neben dem tschechischen Bus parkt. Schwitzend und schnaufend wuchtet der Busfahrer das riesige Ersatzrad unter dem Bus hervor. „Ein Reifen ist komplett abgefahren“, erläutert Matthias Bellmer, Pressesprecher der Polizeidirektion Esslingen. Die Reisegruppe jedoch hat Glück: Das Ersatzrad ist in gutem Zustand, und sobald der Reifen ausgewechselt ist, darf der Bus wieder auf die Straße.

Die Zeit hat unterdessen der Zoll ausgenutzt, um das Gepäck der Insassen zu durchleuchten – und ist sofort fündig geworden. „Wir haben 3,3 Gramm Marihuana gefunden“, berichtet Karl-Heinz Tewes. Der Zollbeamte sitzt vor einem Bildschirm im Lieferwagen und analysiert mit gekonntem Blick die Röntgenbilder des Gepäcks. Ein großer Fang ist der Drogenfund nicht: „Das ist eine Kleinmenge für den Eigengebrauch. „Da hat Karl-Heinz Tewes schon ganz andere Sachen erlebt. „Im Juni haben wir auf der A 6 vier Pistolen entdeckt“, berichtet er und demonstriert eine Datei mit dem Fund auf seinem Monitor. „Die Munition war übrigens in Honig- und Marmeladegläsern versteckt.“ Noch heißer ging es vergangenes Jahr her, als Tewes nachts um 3 Uhr auf dem Bildschirm etwas Ungewöhnliches entdeckte: „Das war eine scharfe Handgranate – ein Fall für die Kampfmittelbeseitigung.“

In Kirchheim ist mittlerweile ein italienischer Reisebus an der Kontrollstelle eingetroffen. Drinnen sitzen aber keine italienischen Reisegäste, sondern eine Gruppe aus dem asiatischen Raum. „Das ist eine Income-Tour“, meldet einer der Polizeibeamten – ein ähnlicher Fall wie bei dem tschechische Reisebus: Große Unternehmen bieten Reisen durch Europa für ausländische Touristen zu Spottpreisen an. Eingesetzt werden Subunternehmen aus Ost- oder Südeuropa. „Solche billigen Angebot rechnen sich nur, wenn irgendwo Abstriche gemacht werden“, weiß Karsten Bolz und fügt hinzu: „Oft wird eben an der Wartung gespart.“

Bei der Kontrolle der Tachoscheiben, die ebenso wie ihre modernen digitalen Pendants Auskunft über Lenkzeiten, Ruhezeiten, Fahrerwechsel und Arbeitstage geben, stellt sich schnell heraus, dass einiges im Argen liegt: „Der italienische Fahrer war nonstop 24 Tage im Einsatz“, berichtet Polizei-Pressesprecher Matthias Bellmer. Damit nicht genug: Im Laufe des Tages finden die Beamten heraus, dass das Busunternehmen erhebliche Steuerschulden hat. Zudem folgt das italienische Fahrzeug dem tschechischen Bus auf den Prüfstand – mit fatalem Ergebnis: Es sind tragende Teile durchgerostet – ein Grund, das Fahrzeug zwangszuentstempeln: „Der Bus wird nie wieder fahren“, so Bellmer. Wenig später zieht der 42-jährige Fahrer die Konsequenzen aus den Machenschaften seines Arbeitgebers: Er kündigt telefonisch. Die Lenkzeitüberschreitung bleibt an diesem Tag aber kein Einzelfall. Ein anderer Fahrer saß bei Ankunft in Kirchheim bereits 17 Stunden am Steuer – statt der erlaubten zehn. „Leidtragende sind immer die Insassen“, bedauert Bellmer. Für sie zieht die Schlamperei der Busunternehmen Zwangspausen und verpasste Reiseziele nach sich.

Rund 200 Meter vom Autohof entfernt überprüft ein Gutachter Karosserie und Bremsen des tschechischen Reisebusses. Schon ein leichtes Klopfen mit dem Hammer genügt, um das durchgerostete Metall des Rahmens bröckeln zu lassen wie losen Putz. Auch die Bremsen funktionieren nicht wie vorgeschrieben. „Der Bus ist zwölf Jahre alt und wurde offenbar längere Zeit nicht gewartet“, sagt Karsten Bolz. Wenig später steht fest, dass das Fahrzeug nicht weiterfahren darf. Offenbar lässt sich ein Ersatzbus beschaffen – das Großunternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, ausländische Reisegruppen im Hauruck-Verfahren durch Europa zu karren, verfügt über 100 weitere Reisebusse.

Der tschechische Fahrer jedenfalls darf wieder ans Steuer. Einem Polizisten gegenüber gesteht er jedoch, dass er es bereue, die Fahrt überhaupt angetreten zu haben. Er sei nur für einen ausgefallenen Kollegen eingesprungen, erzählt er. Denn eigentlich hätte er jetzt gerade zusammen mit seiner hochschwangeren Frau in Kroatien am Strand liegen sollen.

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