Lokales

Catwalk im Pflegeheim

Im Fickerstift präsentieren Ehrenamtliche zwei Mal im Jahr Modetrends für Senioren

Modenschau fŸr Senioren im Fickerstift , Organisator: Seniorenmode HŠrle
Modenschau fŸr Senioren im Fickerstift , Organisator: Seniorenmode HŠrle

Inge Weber ist nicht Heidi Klum. Ihr Lächeln ist ein wenig scheuer, der Hüftschwung verhaltener, und anders als Heidi Klum versucht Inge Weber nicht, die Spuren, die das Leben im Gesicht hinterlässt,

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Antje Dörr

mit tonnenweise Make-up zu verdecken. Man darf es nicht verschweigen: Inge Weber ist auch ein wenig älter als die Klum. Und doch haben die Frauen eines gemeinsam: Beide sind Models.

An den Wänden des Foyers im Kirchheimer Seniorenzentrum Fi­cker­stift stehen verwaiste Rollatoren. Alle Stühle sind besetzt. Die Bewohner warten mit ihren Angehörigen auf einen Programmpunkt, der ihnen zwei Mal im Jahr den Alltag versüßt: Die Modenschau der Firma Härle, die sich auf Senioren-Mode spezialisiert hat. Statt Lachshäppchen gibt es Apfel-Rahm-Kuchen, statt Champagner Kaffee. Die Gäste stört das nicht. Sie sind hier, um die neueste Frühjahrsmode zu bestaunen. Und weil sie ein neues Oberteil oder eine leichte Sommerhose kaufen wollen.

Das erste Model betritt den Laufsteg. Sie trägt ein gemustertes T-Shirt in knalligem Orange und eine helle Sommerhose. Routiniert geht sie zwischen den Tischen hindurch und dreht sich einmal, damit man sie von allen Seiten bestaunen kann. „Frau Menzinger haben wir sommerlich angezogen in frischen, fröhlichen Farben“, sagt Jochen Härle ins Mikrofon. Er ist Inhaber der Firma Härle, Moderator, Alleinunterhalter und Verkäufer in Personalunion. „Die weiße Sommerhose ist nicht durchsichtig. Wir wollen sie ja schließlich nicht im Freien stehen lassen“, scherzt Härle. Die Gäste lachen und applaudieren. Das Model zieht sich in die Kabine zurück. In ein paar Minuten wird sie die nächsten Kleidungsstücke präsentieren.

Schrill, futuristisch und untragbar – so präsentiert sich bisweilen die Designermode, die in Paris, Mailand oder New York vorgeführt wird und die Trends für die nächste Saison setzt. Bei den Modenschauen der Firma Härle geht es etwas bodenständiger zu. Statt halsbrecherischer High Heels hat er Schuhe mit rutschfesten Gummisohlen im Gepäck – oder solche „für die Damen, die Probleme mit dem Hallux haben“. Die Hosen haben einen bequemen Gummibund und die Jacken sind mit extragroßen Knöpfen ausgestattet – „für die Damen, die den Reißverschluss nicht mehr zumachen können“.

Praktisch und pflegeleicht müssen die Kleidungsstücke also sein. Langweilig aber auf keinen Fall. Die Zeiten, in denen Frauen ab dem 60. Geburtstag nur noch zwischen mausgrau und beige wählen konnten, sind vorbei. „Ich sehe noch meine Großmutter vor mir“, erzählt Jochen Härle. „Die trug die ganze Woche ein dunkelblaues Kleid. Und sonntags dann zur Feier des Tages ein schwarzes.“ Deshalb bringt Härle den Frauen Farbe mit. Rosa, Orange, Rot und Lila – der Verkäufer weiß, was seinen Kundinnen steht. „Grün ist dagegen nicht so günstig“, sagt er. In Verbindung mit grauem oder weißem Haar mache das sehr blass.

„Schön zu sein ist auch noch im Alter wichtig“, sagt Angelika Lemke, die die Modenschau seit acht Jahren organisiert. Bequem müsse die Kleidung aber natürlich auch sein. „Die Leute wollen sich wohlfühlen.“ Der Beschäftigungstherapeutin gefällt an Härles Mode, dass sie seniorengerecht und pflegeleicht ist. „Das ist in Kirchheim gar nicht so leicht zu finden.“ Weil viele Bewohner nicht mehr so gut zu Fuß sind, sei die halbjährliche Modenschau für viele eine gute Gelegenheit, sich mit neuer Kleidung einzudecken.

Eine Atmosphäre schaffen, in der sich ältere Kunden wohlfühlen – das war Jochen Härles Ziel, als er vor acht Jahren seinen Job in einem Tübinger Modehaus an den Nagel hängte und sich selbstständig machte.„Ich habe damals gemerkt, dass es für Senioren immer schwieriger wird, etwas zu finden“, sagt er. Einerseits werde die Mode immer jünger, andererseits kämen ältere Menschen nicht mehr so leicht in die Stadt.

Ein Geschäft hat Jochen Härle nicht. Die Ware findet in einem Sprinter Platz, mit dem der Verkäufer in Seniorenheime, Kurkliniken, Seniorenwohnanlagen und auf Freizeiten fährt. Während der Saison, also von März bis Anfang Juli und von September bis Anfang Dezember, ist er mit seinen Mitarbeiterinnen sechs Tage in der Woche unterwegs.

Bei den Models setzt Jochen Härle auf lokale Stärke. Ehrenamtliche, die im Fickerstift den Kaffeenachmittag organisieren und Angehörige von Bewohnern präsentieren die Mode. Inge Weber war von Anfang an dabei. „Mir macht das Spaß, und die alten Leute freuen sich. Das ist die Hauptsache“, sagt sie. Das Hobby-Model trägt Härles Kleidung auch privat. „Die Mode ist nicht unmodern.“ Glücklicherweise müsse man heute im Alter nicht alt aussehen. „Auch Ältere legen viel Wert auf ihr Aussehen.“

Dem kann eine Angehörige, die mit ihrer Schwiegermutter zur Modenschau gekommen ist, nur zustimmen. „Natürlich ist die Kleidung ein bisschen bunt, aber die älteren Leute sprechen darauf an“, sagt sie. Die Schwiegermutter hat sich gerade ein Oberteil in knalligem Orange ausgesucht. „Das macht mir gute Laune“, hat sie gesagt. Die Schwiegertochter findet, dass der Einzelhandel noch nicht ausreichend auf die Bedürfnisse älterer Kunden eingeht. „Die Figur verändert sich ja im Alter.“ Die Modenschau findet sie deshalb klasse. „Viele können ja nicht mehr raus und genießen es deshalb, hier eine Shopping-Atmosphäre zu haben.“ Außerdem fühlten sie die Älteren bei Härle ernst genommen. „Hier sind sie nicht die mit dem Buckel oder dem kaputten Knie.“