Lokales

Charmanter Nachwuchs

Notzingen. Keck schaut die Kleine mit ihren langen Wimpern in die Welt und erkundet selbstbewusst die Weide – zieht hier an einem zähen Ästchen und knabbert ein paar Meter weiter an vertrockneten Gräsern.

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Dazwischen können die Zaungäste ein paar Sondereinlagen bewundern: übermütige Bocksprünge und kurze, schnelle Galoppsprints. Völlig unbeeindruckt davon ist Mama Peggy, die fünfjährige Lama-Stute, wenngleich sie regelmäßig ein wachsames Auge auf ihre Tochter Amira hat. Der Name ist persischen Ursprungs und bedeutet Königin, Herrscherin oder Prinzessin. Und genau als solche kann sich das wenige Wochen alte Lama fühlen, denn es ist der ganze Stolz von Tanja und Rudi Grininger.

„Alpakas hat mittlerweile jeder, dann könnten wir mal ein Lama auf den Hof holen“, erklärte Rudi Grininger eines Tages seiner Frau. Die hatte nichts dagegen, und so zogen Peggy aus Albstadt und Blanco aus Nürtingen in die großzügigen Pferdeboxen am Ortsrand von Wellingen ein. Wurde das Duo zunächst am Ende des Tages von der Koppel geholt, machte es eines schönen Abends deutlich, dass es ihm unter freiem Himmel weitaus besser gefällt, und so blieb es winters wie sommers auf der Weide.

Ob sich wohl Nachwuchs bei dem Lama-Paar einstellt? – Diese Frage hat die Familie immer wieder zur Sprache gebracht. Irgendwann fiel Tanja Grininger auch eine gewisse Veränderung auf. „Peggy hat einen anderen Bauch bekommen, er wurde nach unten spitziger“, erinnert sie sich. Doch weder ihr Mann noch ihr Vater – die Griningers leben auf dem elterlichen Hof von Tanja – schenkten ihren Beobachtungen Glauben und führten die kaum wahrnehmbare Veränderung auf das dichte Winterfell zurück. Umso größer war die Überraschung, als Rudi Grininger am Morgen des 16. Dezembers bei seinem üblichen Kontrollgang etwas Merkwürdiges im Gras erblickte. „Ich dachte zuerst: Was ist denn das für ein Haufen? Doch dann dämmerte es mir: Es war ein Stück Hals und ein Kopf“, erzählt er lachend. Sofort lief er ins Haus zurück und teilte die frohe Botschaft der Familie mit. Die Geburt muss kurz vorher geschehen sein, denn das Fell von Amira war noch nass. Deshalb wurden Mutter und Kind schleunigst in den warmen Stall gebracht. „Die Kleine ist ausgerechnet an einem dieser kalten Tage geboren, das Fell der Mutter war gefroren“, erinnert sich Rudi Grininger.

Doch eine weitere Aufregung sollte dem Ehepaar bevorstehen. Der aufgeregte Lama-Vater sprang bei all dem Durcheinander kurzerhand über den Zaun und wollte sich partout nicht einfangen lassen. „Er lief Richtung Hauptstraße, und wir konnten ihn gerade noch zum Umdrehen bewegen. Auf den Wiesen ließ er uns zwar recht nah an sich heran, rannte dann aber immer wieder davon“, erzählt Tanja. Irgendwann hatte die wilde Jagd ein glückliches Ende und Blanco zog in die Box neben Mutter und Tochter ein, von wo aus er die Kleine bewundern kann. Seit der Geburt sind getrennte Weidegänge angesagt, denn der Hengst verhält sich wenig gentlemanlike gegenüber der säugenden Peggy. „Der Eisprung wird bei Lamas durch den Deckakt ausgelöst. Dabei wird die Stute von ihm auf den Boden gezwungen – und zwar mit allen Mitteln“, beschreibt Tanja Grininger das gewöhnungsbedürftige Liebesspiel der Lamas, dem eine etwa 360 Tage dauernde Tragzeit folgt.

Die Fohlen fallen regelrecht ins Leben. „Die Stute legt sich bei der Geburt nicht hin, das Fohlen plumpst auf die Erde“, hat sich Rudi Grininger schlaugemacht. Leben die Neuwelt-Kamele in Herden, stehen alle Stuten um das gebärende Lama als eine Art Schutzschild im Kreis um sie herum. Auch die morgendliche Geburt ist typisch für diese Tierart. So steht das Neugeborene in der Regel bis zum Abend sicher auf den Beinen und ist kräftig genug, den kalten Nächten in den Anden zu trotzen.

Amira gedeiht prächtig. „Lange Beine hatte sie schon immer, aber jetzt ist sie richtig breit geworden“, freut sich Tanja Grininger. Die Zitzen von Peggy sind kaum zu sehen. „Lamas geben nur etwa 60 Milliliter Milch pro Saugvorgang. Deshalb muss Amira sehr oft trinken“, so ihre Beobachtung.

Auf dem Hof leben noch weitere Exoten: Willi und Rosi, die beiden Mikroschweine. Vor allem Willi entspricht dem Rassestandard und ist ein kleines, äußerst charmantes Schweinchen im Taschenformat. Zunächst lebte der Eber mit der fünfköpfigen Familie und Golden-Retriever-Hündin Laila unter einem Dach. „Willi hat viel weniger Dreck gemacht als der Hund und sein Geschäft auch immer schön in seinem Klo verrichtet“, beschreibt ihn Tanja Grininger als vorbildlichen Mitbewohner. Doch als er anfing, Socken und Unterwäsche von Vater und Sohn anzufressen, war es aus mit der Harmonie, und Willi wurde ausquartiert. Damit er im Freien nicht darben musste, zimmerte ihm Rudi Grininger eine schützende Box. „Doch er traute sich nicht rein. Erst als ich ihm meinen alten Bademantel reingelegt habe, hat er sich ein Herz gefasst“, erzählt Tanja Grininger. Damit das kleine Kerlchen nicht an Einsamkeit leidet, gab es mit Rosi einen weiteren Familienzuwachs. Die ist jedoch um einiges größer als der zarte, kastrierte Willi, weshalb die Rollen bei den beiden klar verteilt sind: Rosi hat das Sagen.

Damit ist die Menagerie auf dem Hof aber noch lange nicht komplett. Während Rudi Grininger schwungvoll eine Rübe – die Lieblingsspeise der Mikroschweine – mit einem großen Messer zerkleinert, wird er vorwurfsvoll von gegenüber beobachtet. „Vivi mag die Rübenschnitze genauso gern“, weiß der Hobbylandwirt und verteilt auch hier großzügig die Leckerei. Bei der Ziegenmutter mit Nachwuchs handelt es sich jedoch nur um die kleine Vorhut. Im Stall eine Ecke weiter ist der große Rest untergebracht. Zig Augenpaare sind neugierig auf die Besucher gerichtet und Berührungsängste kennen die aufgeweckten Tiere nicht. Vor allem Ziegenbock Oskar besticht durch seine verschmuste Anhänglichkeit und dezente Duftmarke. Die jungen Geißlein hüpfen kreuz und quer umher, erklettern die Heuraufe oder üben sich im spielerischen Nahkampf. Einige Ziegen bewohnen mit ihrem Nachwuchs ein eigenes Separee. So entsteht eine stabile Mutter-Kind-Beziehung und die Zicklein sind so auch vor der einen oder anderen rabiaten Geiß geschützt. Nahezu alle Tiere haben Namen. „Wo ist Peterle?“, vermisst Tanja Grininger in all dem Durcheinander ein fuchsfarbenes Böcklein. Wenig später hält es ihr Mann im Arm, und der kleine Mann genießt sichtlich die Streicheleinheiten. Unter die vielen Ziegen haben sich auch ein paar Schafe gemischt. „Lotta und Lilli haben wir von Lore Bosch, die sie als Lämmer von Hand aufgezogen hat und die nun bei uns leben. Mittlerweile sind sie selbst Mamas“, erzählt die Wellingerin. Anfang September 2011 berichtete der Teckbote über die ungewöhnliche Wohngemeinschaft und das Engagement von Lore Bosch in Notzingen. Die Mütter hatten damals ihre Lämmchen verstoßen, und ohne menschliche Hilfe wären sie verhungert.

Ein seltsames Geräusch in hoher, leicht schriller Tonlage ist hinter der Stallwand zu vernehmen. Dabei handelt es sich um Perlhühner, die die kleine Hühnerschar mit ihren lauten Warntönen vor Feinden schützen sollen. „Wenn die schreien, höre ich das auf dem Hof und kann nach dem Rechten schauen“, sagt Tanja Grininger aus leidvoller Erfahrung. Schon zwei Mal hat ein Fuchs im Blutrausch ein regelrechtes Massaker angerichtet und viele Hühner getötet. Die Griningers hoffen nun, dass sich solch ein Vorfall nicht mehr ereignet.

Tanja Griningers Schwester setzt auf eine andere Methode. Ab dem Frühjahr sollen Peterle und Paul zum Schutz der Hühner mit auf die Weide. Die beiden Zicklein aus Wellingen können sich im Alter von etwa fünf Monaten leicht an die aufgeregte Hühnerschar gewöhnen – und die Hennen an ihre gewitzten Bewacher.

Neugeborenes Lama, Wellingen, Im Hof 5
Neugeborenes Lama, Wellingen, Im Hof 5