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„Da hat a jed’s schwimmen g‘lernt“

Vor 85 Jahren eröffnete der Stifter Adolf Scheufelen das Oberlenninger Freibad 

So sah das Oberlenninger Freibad im Jahr 1927 aus.
So sah das Oberlenninger Freibad im Jahr 1927 aus.

Lenningen. Ein Jungbrunnen ist das Lenninger Freibad für alle, die gern baden gehen. Seit Generationen ist es ein Treff für Jung und Alt. Eine Verjüngungskur erhielt die 85-jährige Sport-Spaß-Spiel-Stätte vor einem

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Jahrzehnt, als die Gemeinde das Schwimmbad für eineinhalb Millionen Euro erneuert, erweitert und mit moderner Technik, warmen Duschen, Sanitär- und Solaranlagen ausgestattet hatte. Die Lenninger gehen nicht unter: „Da hat a jed’s schwimmen g‘lernt“, heißt es dazu im Ort.

Hallenbäder im Jugendstil gab es seit der Jahrhundertwende für die gehobene städtische Bürgerschaft. Das Oberlenninger Freibad für die gesamte Dorfgemeinschaft ist jedoch eines der ältesten im Württemberger ländlichen Raum. Die Stadt Kirchheim hatte im selben Jahr auch ihr Freibad eingeweiht und war stolz, eines der größten Freibäder im Ländle zu haben. Um diese historische Besonderheit wetteifern noch einige andere Städte. Impuls- und Geldgeber waren meist sozial engagierte Unternehmer oder modern entscheidende Stadträte.

Das Oberlenninger Architekturensemble mit Turn- und Festhalle, Sportplatz, Schwimmbad und dem freien Platz, flankiert von Wohnhäusern im Stil der „klassischen Moderne“, ist eine Stiftung der Papierfabrikanten Scheufelen. Der renommierte Architekt Albert Eitel hatte es entworfen. Er gehörte zur „Stuttgarter Schule“ um Paul Bonatz, Paul Schmitthenner und Ludwig Eisenlohr, die beispielhaft die Reformbewegung in der Baukunst vertraten. Badegäste erfreuen sich auch heute noch daran, wie die Gesamtanlage mit der Landschaft harmoniert.

Diese denkmalgeschützte Gesamtanlage entstand zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise. Deutschland war 1926 in den Völkerbund aufgenommen worden. Die Devise „Nie wieder Krieg“ gab den Jugend- und Wanderbewegungen und Vereinen Auftrieb. In unternehmerischer Weitsicht sahen die Stifter in Arbeit, Bildung, Kultur und Sport einen Garant für stabile Bevölkerungsstrukturen. „Wir wollen – beginnend mit der frühesten Jugend, das Heimatgefühl, den Sinn für Kameradschaft auf der Grundlage erzieherischer Arbeit und Freuden der Erholung in Spiel und Sport wecken, . . . um einen Stamm körperlich und geistig frischer Arbeiter zu schaffen und erhalten,“ sagte Dr. Adolf Scheufelen damals bei der Einweihung. Und der Teckbote lobte im Juni 1927 das „Schwimm-, Licht- und Sonnenbad mit der damals modernsten Kläranlage. „Nun ist unserer Jugend Gelegenheit gegeben, das Schwimmen zu erlernen. Diese Kunst ist ungeheuer wichtig für einen Menschen . . .“, heißt es darin.

Bei der Wiedereinweihung am 9.  Juni 2001 nannte Bürgermeister Michael Schlecht den Sanierungsbeschluss des Lenninger Gemeinderats eine weise Entscheidung: „Die Geschichte des Lenninger Freibads als sportlich-sozialer Treff ist in den vergangenen Jahrzehnten eng verknüpft mit der Dorfgeschichte und den Erinnerungen der Lenninger“. Das spiegele sich auch in den Aktivitäten des Fördervereins „Interessengemeinschaft Lenninger Freibad“ wider, der mit Spenden, Brotbackaktionen, einem Schulprojekt und mit „Schwimmbadfeschtle“ für den Erhalt und die Sanierung geworben habe.

Das kleine aber feine Freibad kann sich mit großen Erlebnisbädern mit mehreren Becken durchaus messen. Die Besucherzahlen sind auch in kühlen Regensommern mit 23 000 bis 29 000 Besuchern pro Jahr sozial vertretbar. Im Hitzesommer 2003 freilich zählte man fast 46 000 Gäste. Das Bildungszentrum und der Tobelkindergarten liegen ideal nahe. Die Schwimm- und Aquafit-Kurse sind gut besucht. Sportlehrer und Bademeister Martin Langner bringen den Schulklassen das Schwimmen bei und wecken bei den Wasserscheuen die Lust zum Tauchen, Springen und Wettkampf im 25 x 10-Meter-Bassin. Über die sonnengelbe breite Rutsche sausen die Kleinen und Großen ins Nichtschwimmerbecken, einmal, noch einmal, noch x-mal – ein nimmersattes Wasserglück.

Auf der Liegewiese können sich im runden Planschbecken mit Minirutsche unter einem Wasserpilz die jüngsten Badegäste tummeln. Zu dieser Kinderzone gehören auch der Spiel- und Matschbereich mit einem Wasserlauf und einer Brunnenhandpumpe. Sonnensegel und Sonnenschirme schützen die Badegäste an heißen Tagen.

Auf den gesundheitlichen Gewinn schwören die Badegäste, vor allem die „Bei-Wind-und-Wetter-Schwimmer“. Sie schätzen die Wassertemperatur um die 23 Grad und die zuverlässigen Öffnungszeiten und sagen: „So fit bin ich nach 30 Minuten schwimmen.“ Vielen geht es nicht um Geschwindigkeit oder absolvierte Strecken, sondern um körperliche Erfahrungen, um Rhythmus und tiefere Atmung. Der Kreislauf kommt in Schwung. Wirbelsäule und Gelenke lassen sich freier und schonender bewegen, alle Muskeln werden trainiert. Das Spiel von Spannung und Entspannung erleben manche Schwimmer meditativ. Und die Gedanken werden frei . . . Die Besucher freuen sich auf die Begegnung mit anderen. Wasser macht alle gleich. Schwimmer nehmen aufeinander Rücksicht und üben soziales Verhalten auf recht schwerelose Art – dem Wasser sei Dank.

Parkplätze gibt es in Freibadnähe; auch genügend Fahrradständer, eine Einladung, an heißen Badetagen in den Heerweg zu radeln – in den Heerweg, der ehemaligen Straße der Römer auf die Alb. Die Römer exportierten ihre Badekultur ja auch in die eroberten Provinzen und machten bekanntlich das Baden zu einem geselligen Event. Dazu lädt auch heuer das Lenninger Bade-Logo: „Schwimm mal wieder!“ zur Badesaison 2012 ein, die am morgigen Samstag beginnt.