Lokales

„Den Hang falsch eingeschätzt“

Dritte Sanierung der Plochinger Steige in Kirchheim – Starker Regen brachte Berg in Bewegung

Nicht lange um den heißen Brei herum reden die Straßenbauer in Bezug auf die Plochinger Steige in Kirchheim: Sie haben den Hang falsch eingeschätzt. Die Straße wird nun mit der „Mercedes-Variante“ saniert.

Die Plochinger Steige ist seit dem Frühjahr in Bewegung. Foto: Jean-Luc Jacques
Die Plochinger Steige ist seit dem Frühjahr in Bewegung. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „So was sieht man wirklich nicht alle Tage, das ist was Spektakuläres“, sagt Klaus Ullrich, Baudirektor beim Regierungspräsidium Stuttgart, Baureferat Süd, mit Sitz in Göppingen. Der Hang zwischen Kirchheim und Wernau bewegt sich seit diesem Frühjahr langsam aber stetig bergabwärts. An einer Stelle ist die Abbruchkante etwa einen Meter tief – direkt neben dem Straßenbelag ist das Erdreich abgesackt, die 70 Zentimeter tief verlegten Drainagenrohre liegen offen da. Auch der Asphalt der neuen Trasse ist mehrfach gerissen und weist eine beeindruckende Delle auf. Zehn Zentimeter breite und etwa einen halben Meter tiefe Spalten sind zudem deutliche Beweise für die Bewegung des Erdreichs. Dabei war die Straße 2008 aufwendig saniert worden.

„Wir haben den Hang nicht richtig eingeschätzt. Da gibt es nichts zu beschönigen“, gibt Klaus Ullrich unumwunden zu, nimmt gleichzeitig aber auch die Geologen in Schutz, die angehalten sind, nach praktikablen und gleichzeitig bezahlbaren Lösungen zu suchen – nicht nach der teuren maximalen. „In neun von zehn Fällen geht das gut, hier nun nicht. Bei Nassach haben wir nach den starken Regenfällen im Frühjahr eine ähnliche Situation“, erklärt der Straßenbauer.

Etwa zehn Meter unter der Steige kommt ein fester Untergrund aus Mergel- und Tongestein, so das Ergebnis von Bohrungen. Darüber liegen einzelne Schollen aus lockerem, verwittertem Erdmaterial, die sich auf dieser Gleitfuge talwärts bewegen, insbesondere wenn viel Wasser die Erde aufgeweicht hat. „Der Boden verliert dann seine Festigkeit. Das ist typisch für unsere Landschaft in Süddeutschland. Auch bei den Albsteigen ist das ein Problem. Die Frage ist deshalb: Wie bekommen wir dieses Material stabilisiert“, erklärt Klaus Ullrich. Dafür gibt es unterschiedliche Lösungen: teure und kostengünstigere.

Bei der Plochinger Steige führt nun kein Weg am „Mercedes“ der Hangsicherungsmaßnahmen vorbei. Dabei handelt es sich um eine rückverhängte Bohrpfahlwand. Dazu werden etwa 85 Stahlbetonpfähle mit einem Durchmesser von rund 90 Zentimetern im Boden versenkt. Die Tiefe beträgt etwa zehn bis zwölf Meter bis sie in dem festen Gestein fest verankert sind. Zwischen den Pfählen besteht eine ebenfalls 90 Zentimeter breite Lücke, damit das Wasser abfließen kann. Jeder Pfahl wird mit einem Stahlseil versehen, das an der gegenüberliegenden Hangseite im tragfähigen Fels einzementiert wird, um das Ganze zu stabilisieren. „Wie ein Zelt, das mit einer Schnur und einem Hering gespannt wird“, verdeutlicht Klaus Ullrich das Verfahren. Die Überlegung, die Straße wieder auf die alte Trasse zurückzuverlegen, wurde schnell verworfen. „Es ist nichts gespart, und die neue Trasse hat die alte Kurve entschärft“, so der Baudirektor.

Ein Ingenieurbüro muss nun die Maßnahmen genau berechnen und planen, ehe mit den Arbeiten begonnen werden kann. Die Grundlagen dafür bilden Messungen und Bohrungen, die bereits abgeschlossen sind. „Ehe die Planung nicht abgeschlossen ist, können wir nicht mit dem Bau beginnen“, so Klaus Ullrich. Geklärt werden muss beispielsweise auch, ob der Untergrund das große und schwere Bohrgerät trägt. Wegen des instabilen Untergrunds ist die Plochinger Steige deshalb seit Wochen für Lkws mit einem Gewicht über 3,5 Tonnen gesperrt, damit nicht noch mehr Schaden auf der Straße angerichtet wird. Doch nicht alle Brummifahrer halten sich daran. Aus diesem Grund wird in den nächsten Tagen eine Höhenkontrolle installiert, um klar vor Augen zu führen, dass es ordentlich am Aufbau rumpelt, wenn die Sperrung ignoriert wird. Die Straßenmeisterei Kirchheim kontrolliert täglich die Strecke und beobachtet, ob die Risse im Asphalt größer werden, um die Sicherheit der Autofahrer zu gewährleisten.

„Wir haben schon zweimal Schiffbruch erlitten und den Hang unterschätzt, jetzt muss eine sichere Lösung her“, so Klaus Ullrich. Er hofft, dass die Planungen im November abgeschlossen sind und noch in diesem Jahr ausgeschrieben werden kann. Baubeginn der etwa drei Monate dauernden Hauptbauzeit soll im kommenden Frühjahr sein, wobei sich eine mehrwöchige Vollsperrung nicht vermeiden lässt. Ersten Schätzungen zufolge wird die gesamte Maßnahme etwa 800 000 Euro kosten.

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