Lokales

Der Kampf um die Fläche

Diskussion über das Spannungsfeld Landwirtschaft und Naturschutz im Biosphärengebiet

Eine engagierte Runde traf sich bei Biolandwirt Arnim Kächele am Fuße der Sulzburg. Die munteren Kälber auf der Weide im Blick, ging es um ein brisantes Thema: den erbitterten Kampf um die Flächen.

Arnim Kächele (rechts) lud zum Dialog auf seinen Wiesenhof ein. Mit dabei war Paul Locherer, landwirtschaftspolitischer Sprecher
Arnim Kächele (rechts) lud zum Dialog auf seinen Wiesenhof ein. Mit dabei war Paul Locherer, landwirtschaftspolitischer Sprecher der CDU.Foto: Jean-Luc Jacques

Lenningen. Es könnte eine Reportage für die zurzeit so beliebten Zeitschriften über das schöne, idyllische Leben auf dem Land werden: der Berner Sennenhund hat sein Reich im Blick, die Katze streunt über den Hof und die Kälber toben auf der Weide. Doch der Schein trügt. Das Leben als Landwirt ist der ständige Kampf um die Existenz.

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Um auf das Spannungsfeld aufmerksam zu machen, hatte Biolandwirt Arnim Kächele nach Unterlenningen auf seinen Wiesenhof eingeladen. Der waren Fachleute aus Politik, Verwaltung, Landwirtschaft und Naturschutz gefolgt. Gemeinsam diskutierten sie angeregt über „Landwirtschaft und Naturschutz im Biosphärengebiet“, wie die Veranstaltung offiziell überschrieben war. Doch schnell kristallisierte sich ein Schwerpunkt heraus: die immer knapper werdenden, guten Flächen.

Dies hat mehrere Ursachen, gerade im Landkreis Esslingen. „Wir haben einen wahnsinnigen Flächendruck. Würden alle Anfragen umgesetzt, wäre der Kreis mit Logistik­zentren zugebaut“, verdeutlichte Siegfried Nägele, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Esslingen und Nebenerwerbslandwirt in Bissingen, die Problematik. Täglich werden in Baden-Württemberg etwa sechs Hektar neu versiegelt, die damit unwiederbringlich für die Landwirtschaft verloren sind. „Nicht selten handelt es sich dabei um wertvollen Ackerboden“, bedauert Arnim Kächele.

Er kritisiert jedoch auch die Agrarpolitik: „Jeder Landwirt bekommt zu hören, dass er seinen Betrieb vergrößern muss, um existieren zu können. Das bedeutet: wachsen und weichen, denn die Flächen lassen sich nicht vermehren.“ Der Kampf um die guten Flächen sei unter den Landwirten längst entbrannt, auch wegen Biogasanlagen. „Ich wundere mich, was die Kollegen an Pacht bezahlen und frage mich, was am Ende davon noch übrig bleibt“, so Arnim Kächele.

Die Entwicklung, in der Landwirtschaft auf Wachstum zu setzen, betrachtet er mit großer Sorge. Dadurch gebe es nicht nur den Druck auf die Flächen, sondern auch das Arbeitspensum nehme Dimensionen an, die an die Grenzen der Belastbarkeit führen. Ein Verlust der Qualität sei da im Prinzip mit einkalkuliert. „Die glücklichsten Landwirte sind die mit 20 Kühen“, erfuhr der Biobauer, der selbst 50 Kühe mit entsprechendem Nachwuchs im Stall stehen hat, von einem Molkereimitarbeiter.

Um nach Lösungen zu suchen, sucht er den Dialog. „Gespräche sind das A und O – und zwar nicht nur mit denjenigen, mit denen man sowieso einer Meinung ist, sondern mit allen Beteiligten“, sagt der Landwirt. Er wünscht sich alle an einen Tisch: Kommunen, Landschafts- und Naturschutz sowie Bauern. Gemeinsam könnte ein Biotopentwicklungsplan erstellt werden, den alle als ein ganzes Netz betrachten, eine Maßnahme nach der anderen angehen und sich um die Pflege kümmern. So hatte er neben Fachleuten auch Abgeordnete aller Parteien eingeladen, die jedoch allesamt Terminprobleme hatten. Gekommen ist der landwirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Paul Locherer. Der Oberschwabe war auf dem Weg zu einer Sitzung in Stuttgart und nahm sich einige Stunden Zeit, sich die Sorgen und Nöte anzuhören, die in einem Ballungsraum im Spannungsfeld Industrie, Naturschutz und Landwirtschaft auftreten.

Für Paul Locherer steht außer Frage, dass die Gesellschaft die Arbeit der Landwirte honorieren muss, die diese in der Landschaftspflege leisten. Als weiteres mögliches Standbein brachte er ins Gespräch, dass „der Flächenausgleich durch die Pflege aus bäuerlicher Hand“ stattfinden soll. Dem widersprachen jedoch alle Diskussionsteilnehmer vehement. „Ich bin ein klarer Gegner solcher Vorhaben. Damit werden die Kommunen belohnt, die sich noch nie darum gekümmert haben, das Artensterben aufzuhalten, ihre Flächen nicht gepflegt und jahrzehntelang geschlafen haben – beispielsweise ihre Wiesen verkommen haben lassen“, erklärte Dr. Roland Bauer von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Esslingen.

Einer dieser verkommenen Wiesen nahm sich Arnim Kächele an. Sie liegt am Südosthang der Sulzburg und war völlig mit Sträuchern und Bäumen zugewachsen. Eineinhalb Wochen lang war die Familie samt Helfern damit beschäftigt, das Gelände zu roden, von dem Arnim Kächele aus seiner Kinderzeit wusste, welch bunte Artenvielfalt dort herrschte. „Kartiert wurde die Fläche schon 1994 und verschwand dann in den Schubladen im Rathaus und im Landratsamt“, kritisiert der Landwirt. Schon in den 1990er-Jahren bestand dringender Handlungsbedarf. Quasi in letzter Sekunde schritt die Familie ein, und so zeigen sich beispielsweise Wachtelkraut, Wiesenflockenblume und Wundklee in ihrer ganzen Pracht. „Hier blüht eigentlich fast das ganze Jahr über irgendwas“, freut sich Arnim Kächele über das Resultat seiner Arbeit.