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Der Kirchheimer „Kupferladen“ lebt weiter

Fritz Götz setzt die Tradition seines gleichnamigen Vaters in der Dettinger Straße fort – Verkauf samstags von 9 bis 13 Uhr

Ein einzigartiges Stück Kirchheimer Wirtschaftsgeschichte hält Fritz Rainer Götz am Leben. Nach aufwendiger Umgestaltung hat er den Laden seines Vaters in der Dettinger Straße 17 wieder geöffnet. Jeden Samstag von 9 bis 13 Uhr ist er für seine Kunden da.

Der Kirchheimer „Kupferladen“ lebt weiter

Kirchheim. Die Familientradition reicht zurück bis ins Jahr 1840. Damals hatte Johann Heinrich Heinkel das Gebäude mit der Hausnummer 15 erworben – also das Haus neben dem heutigen Laden –, um darin eine Kupferschmiede einzurichten. Später kam dann auch noch das Gebäude nebenan hinzu. Acht Jahre nach dem Tod des Firmengründers hat dessen Sohn Christian Heinkel 1873 im Alter von 24 Jahren sein eigenes Geschäft im elterlichen Haus gegründet. Spezialisiert war er mit seiner „Kupferschmiederei und Apparatebauanstalt“ auf Brennerei­anlagen, wie sein Urenkel erzählt, der Historiker Rolf Götz.

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In einem vierseitigen Prospekt, der mit Jugendstilornamenten verziert ist, preist Christian Heinkel seinen „neuen Wasserbadbrennapparat“ an, wobei er – wenn auch in erster Linie zu Werbezwecken – ein historisches Zeugnis für den Niedergang der heimischen Landwirtschaft im zweiten deutschen Kaiserreich ablegt: „Infolge vielseitiger Aufforderung meines Kundenkreises, einen für die Kleinökonomie zweckmäßigen Brennapparat zu konstruieren, mittelst welchem man der Konkurrenz der Großgrundbesitzer wirksam begegnen kann, habe ich eine Anlage zusammengestellt, die allen denkbare Anforderungen entspricht, und sollte eine solche selbst auf dem kleinsten Bauerngut nicht fehlen, weil sich der Anbau fast sämtlicher landwirtschaftlichen Produkte, namentlich der Körner und Kartoffeln schlecht rentiert und der Landmann oft sein Obst, Kirschen, Zwetschgen, Birnen u.s.w. um Spottgeld abzugeben gezwungen ist.“

Als Christian Heinkel, der übrigens der Onkel des Flugzeugbauers Ernst Heinkel war, 1927 starb, wurde sein Schwiegersohn Friedrich Götz zu seinem Nachfolger. Und damit begann eine ganz neue Tradition, denn die Firmen- beziehungsweise Ladeninhaber heißen seither über drei Generationen hinweg Friedrich oder Fritz Götz. Bis in die 1950er-Jahre hinein florierte die Kupferschmiede. Dann gab es immer weniger Bedarf an den Erzeugnissen handwerklicher Arbeit. Ob Vasen, Schirmständer oder Bettflaschen – der Konkurrenz der Massenproduktion hielt die Kupferschmiede nicht mehr Stand.

Als Friedrich Götz 1961 im Alter von 87 Jahren starb, führte sein Sohn Fritz Erich Walter den Betrieb als Laden weiter. In seinen alten Beruf als Flugzeugingenieur konnte er nicht mehr zurück. Bis 1945 war Fritz Götz, der dieses Jahr am 30. Dezember hundert Jahre alt werden würde, für Ernst Heinkel tätig gewesen, den Cousin seiner Mutter. Als es nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland verboten war, Flugzeuge zu bauen, war Fritz Götz in Kirchheim in den väterlichen Betrieb eingestiegen. In den 1960er-Jahren hatte er aber schon zu lange nichts mehr mit der Flugzeugentwicklung zu tun gehabt, um nochmals seiner eigentlichen Tätigkeit nachgehen zu können.

„Dieser Laden war das Lebenselixier meines Vaters bis ins hohe Alter hinein“, erzählt Rolf Götz. „Auch mit 93 Jahren hat er noch Kunden empfangen. Aber wenn man hier hereinkam, musste man Zeit mitbringen. Er hatte viel zu erzählen.“ Außerdem war Fritz Götz von der Sammelleidenschaft gepackt. „Er konnte nichts wegwerfen“, berichten seine beiden Söhne Rolf und Fritz (junior). Weggeworfen wurde inzwischen zwar immer noch nicht viel, nachdem der ältere Fritz Götz vor

sechs J

ahren gestorben ist.

Aber immerhin hat sein Sohn Fritz Rainer den Laden entrümpelt und gemeinsam mit seinem Schwager wieder in den Zustand aus der Zeit um 1913 zurückversetzt.

Zum Mitternachtsshopping im September war der „Kupferladen“ erstmals wieder geöffnet. Unter diesem Namen sei der Laden den meisten Kunden ein Begriff, sagt Fritz Götz, auch wenn die Familie diesen Namen nicht selbst geprägt hat. „Material ist genügend da zum Verkaufen“, meint der neue Ladeninhaber, der das Erbe seines Vaters jeden Samstag als Hobby fortsetzen will. Ein altes Blechschild seines Urgroßvaters, das in der alten Kupferwerkstatt hinter dem Haus hängt, ist mit einem Zweizeiler versehen, der kaum mehr lesbar ist. Der Spruch fasziniert Fritz Götz bis heute. Deshalb kann er ihn auch auswendig aufsagen: „Kupfer, Messing, Zinn und Blei / Kauft dr Christian Heinkel glei“.

Heute gilt das allerdings nicht mehr. Immer wieder muss Fritz Götz junior möglichen „Kunden“ erklären, dass er keine Ware annimmt, sondern in seinem Laden verschiedene Metallwaren

allenfalls verkauft. Aber er bietet längst nicht den gesamten Ladeninhalt feil. Vielfach handelt es sich auch um Erinnerungsstücke, die unverkäuflich sind, die aber dennoch repräsentativ wirken sollen im neuen alten Laden.

Ein paar besondere Erinnerungsstücke birgt hier übrigens sogar der Rollladen vor einem der großen Schaufenster: Zwei bis drei Einschusslöcher vom Ende des Zweiten Weltkriegs weist er auf. „Die Amerikaner haben damals ein paar Schüsse von der Walkstraße aus abgegeben“, erzählt der neue Ladeninhaber. Die Tradition also wird im Hause Götz so hoch gehalten, dass selbst diese historischen Einschüsse mit zum Inventar gehören – zum unverkäuflichen natürlich.

Der Kirchheimer „Kupferladen“ lebt weiter
Der Kirchheimer „Kupferladen“ lebt weiter
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