Lokales

Der Waschbär kommt

Immer häufiger dringen die Wildtiere in Wohngebiete im Landkreis Esslingen vor

Der Waschbär scheint den Kreis Esslingen auf der Landkarte entdeckt zu haben. In letzter Zeit häufen sich die Meldungen von Waschbären, die bis in die Wohngebiete vordringen. Jägern und Biologen bereitet der Neubürger Sorge. Denn der Allesfresser könnte die heimische Tierwelt verändern.

Auch wenn so ein Waschbär possierlich aussieht, kann er mit seinen kleinen Greifhänden für manche Vögel und Reptilien zur Gefahr
Auch wenn so ein Waschbär possierlich aussieht, kann er mit seinen kleinen Greifhänden für manche Vögel und Reptilien zur Gefahr werden. Foto: dpa

Kreis Esslingen. Im hessischen Kassel leben Tausende Waschbären. Sie haben sich auf Dachböden, in Schornsteinen und Vorgärten zu einer Plage entwickelt, kippen Mülleimer um, werfen Dachziegel ab und zernagen Isolierungen.

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So weit ist es im Landkreis Esslingen noch lange nicht. Doch Jens Denzinger, stellvertretender Revierleiter der Stadt Esslingen, erhält immer öfter Anrufe aus Wiflingshausen, He­gensberg, Berkheim oder vom Zollberg, dass Waschbären sich im Vorgarten über das Katzenfutter hermachen oder das Fallobst fressen. Wie viele es tatsächlich sind, lässt sich nicht sagen. Im Jagdjahr 2009/10 wurden drei erlegt, im Jahr 2010/11 waren es 13. „Diese Zahlen sind zwar nicht repräsentativ für die Waschbärpopulation, aber sie sind ein Hinweis, dass der Waschbär im Kommen ist“, sagt Bernd Budde, Kreisjägermeister und ehemaliger Wildtierbeauftragter im Landkreis. Der Waschbär wirft zwei bis fünf Junge im Jahr und breitet sich daher schnell aus.

Der Kleinbär ist in Nordamerika zu Hause. Doch 1934 setzte ein Forstmeister zwei Pärchen am hessischen Edersee aus – Pelz war groß in Mode, man hielt die Tiere für ökonomisch wertvoll. Zusätzlich brachen immer wieder Tiere aus Zuchtfarmen aus. Heute befindet sich der Schwerpunkt des Verbreitungsgebietes laut dem Bundesamt für Naturschutz innerhalb Deutschlands im Dreiländereck Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

„Der Waschbär hat keine natürlichen Feinde und er frisst alles: Obst, Reptilien, Eier, Vögel, Krebse“, erklärt Denzinger. Bei der Nahrung konkurriert er zum Beispiel mit Fuchs, Dachs und Wildschwein. „Aber was ihn von allen anderen Tierarten, die bei uns heimisch sind, unterscheidet, ist seine Greifhand.“ Damit könne der Waschbär zum Beispiel in eine Spechthöhle greifen und die Eier herausholen. „Der knackt sogar einen Igel“, sagt Denzinger. Den zusammengerollten Stachelball kullert der findige Kleinbär einfach in eine Pfütze. „Und bevor er ertrinkt, macht der Igel natürlich auf.“

Kreisjägermeister Budde ist überzeugt: „Wenn die Waschbärpopulation zunimmt, haben wir ein Problem mit unserer Fauna.“ Welche ökologischen Auswirkungen die Verbreitung des Waschbären genau haben wird, lässt sich aber laut Roland Bauer, ökologischer Berater bei der Naturschutzbehörde des Landkreises, kaum abschätzen: „Es ist ungeheuer schwierig festzustellen, wenn zum Beispiel in einem Gebiet eine Krebsart ausstirbt und was die Ursachen sind.“ In Gebieten, wo der Waschbär stark verbreitet ist, gibt es einzelne Belege für negative Auswirkungen. In Brandenburg beispielsweise hat er sich auf das Ausgraben von Eiern der Europäischen Sumpfschildkröte spezialisiert, die auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten steht.

Mit der Jagd sei dem Waschbär kaum beizukommen, sagt Denzinger. Denn bei Tageslicht schlummern er gut verborgen in Baum- oder Dachshöhlen. Falls doch einer geschossen werde, sei das ein Zufallstreffer, wenn die Jäger nachts auf Schwarzwild ansitzen.

Warum aber dringen die Waschbären immer weiter in die Städte vor? „Das Problem ist der Mensch, weil wir den Lebensraum der Tiere immer mehr einschränken. Ständig werden Neubaugebiete ausgewiesen und dann wundert man sich, wenn man Waschbären im Garten hat“, sagt Kreisjägermeister Budde. „Das ist wie bei den Füchsen, sie haben es hier bequemer“, erklärt Denzinger. Die zahlreichen verwilderten Gartengrundstücke in Esslinger Höhenlage, das viele Streuobst, das niemand erntet, böten dem Waschbär ideale Bedingungen. „Manche Leute füttern ihn auch an, weil sie ihn lustig und interessant finden.“ Dabei sollte man nicht vergessen, dass der Waschbär ein Raubtier mit scharfen Zähnen ist. „Wenn er Angst hat, beißt er zu“, warnt Biologe Bauer.

Anlass zur Panik bietet die Verbreitung der Kleinbären laut Budde trotz allem nicht. Dass Waschbären Wirtstiere für den Fuchsbandwurm sind, schließen die meisten Experten aus. Auch bei einer Übertragung von Tollwut spielten Waschbären bislang keine Rolle.

Experten raten, den Waschbär nicht zu füttern, anzulocken oder gar als Haustier zu halten. Waschbären sind intelligent, gewöhnen sich schnell an eine Fütterung und bringen ihre Nachkommen mit. Das Nahrungsangebot sollte man daher so gering wie möglich halten: Ansprechpartner für Probleme mit Wildtieren in Wohngebieten ist das Kreisjagdamt beim Landratsamt Esslingen. Es ist unter der Telefonnummer 07 11/39 02-27 22 erreichbar.