Lokales

Der zweite Neuanfang fällt leichter

Claus und Renate Härtner wagen den Aufbruch ins ostafrikanische Mosambik

Claus Härtner ist 55 Jahre alt, seine Frau Renate 49. Das Alter finden beide richtig für den großen Neuanfang. Die beiden Kirchheimer werden von der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) für vier Jahre nach Cambine im ostafrikanischen Mosambik gesandt. ­Neuan­fänge sind für die beiden nichts Neues.

Die restaurierte Ledernähmaschine könnte in der stationseigenen Näherei in Mosambik, wo Claus und Renate Härtner von Sommer an a
Die restaurierte Ledernähmaschine könnte in der stationseigenen Näherei in Mosambik, wo Claus und Renate Härtner von Sommer an arbeiten werden, gute Dienste leisten.Foto: Peter Dietrich

Kirchheim. Von 1986 bis 2000 war Claus Härtner Pfarrer, zuerst in Schwenningen, dann in Kirchheim. Dann wurde er Orthopädiemechaniker. Warum das? „Ich habe nichts für die Hände gehabt, das ist die andere Hälfte meiner Begabung“, sagt Härtner. Der Pfarrer sei zwar auch ein halber Hausmeister, repariere die Klospülung in der Kirche, sagt er, doch das reichte ihm nicht. Härtner schrieb drei Bewerbungen für eine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker und bekam drei Zusagen. Bierbrauer hätte er auch werden können, auch dafür hatte er ein Angebot.

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Dem Berufswechsel gingen zwei Jahre mit vielen Spaziergängen und Gesprächen voraus – und eine Filmreportage über Minenopfer in Afrika. Für diese Menschen, dachte Härtner, könnte er seine Fähigkeiten vielleicht einsetzen. Sein medizinisches Inte­resse war nicht neu. Nach dem Abitur hatte er sich schon mal um einen Studienplatz in Medizin beworben.

Nun musste für die vierköpfige Familie ein Lehrlingslohn reichen – und das Einkommen von Renate Härtner, die mit ihrer Freundin und Kollegin Silke Kromer eine logopädische Praxis betrieb. Für die Pfarrwohnung fand sich guter Ersatz. Nach einer halbjährigen Pause ging Härtner wieder in seine Zionskirche, nun als normales Gemeindemitglied. Dass so etwas oft nicht gut geht, wusste er. „Dann sind wird die fünf Prozent, bei denen es klappt“, beschreibt Renate Härtner den damaligen Entschluss. So kam es dann auch.

„Ich war früher Pfarrer.“ Wenn Härtner seinen Patienten in Kirchheim und Umgebung diesen Satz sagte, schütteten sie ihm oft ihr Herz aus. „Ich hatte mehr seelsorgerliche Gespräche denn als Pfarrer“, sagt er lachend. Er erlebte ein großes Inte­resse an älteren Mitarbeitern für die orthopädische Arbeit: „Die haben die jugendlichen Flausen aus dem Kopf.“

Sein Interesse an der weltweiten Kirche war keine jugendliche Flause, es blieb wach. Er bewarb sich deshalb blind für eine Aufgabe im Ausland. Auch wenn es in Mosambik viele Amputierte gibt – Prothesen wird Härtner dort nicht fertigen, die Enttäuschung darüber hat er überwunden. Er wird als Projektkoordinator den Direktor der Station in Cambine unterstützen. Aufgaben gibt es viele – dank Schule, theologischem Seminar und Gästehaus, dank Schreinerei, Näherei und Bäckerei, dank Landwirtschaftsprojekt und Gesundheitsposten. „Die Nähmaschinen sind kaputt, in der Schreinerei liegt manches im Argen“, weiß Claus Härtner, auch wenn er noch nicht selbst vor Ort war. Auf eine zweiwöchige Besichtigungsreise haben die beiden verzichtet, die Eindrücke wären nach ihrer Auffassung zu subjektiv und wetterabhängig gewesen. Renate Härtner arbeitet in Cambine in der Leitung des Waisenhauses mit. Dafür braucht dann in Kirchheim der EmK-Projektchor eine neue Leiterin und der Verein Stadtmobil vermisst eine ehrenamtliche Mitarbeiterin.

Zuerst wollten die Härtners einen Container mitnehmen, wegen der hohen Kosten reisen sie nun aber doch mit kleinem Gepäck. Das erscheint den beiden auch passender: Was würden die Einheimischen denken, wenn sie in ein bereits eingerichtetes Haus einziehen und dazu noch viele Sachen mitbringen? So wird das geliebte Klavier eben für einige Jahre zur Dauerleihgabe.

Zuerst geht es nach Lissabon zur Sprachschule, Mosambiks Amtssprache Portugiesisch lernen. Für August ist dann die Ausreise nach Mosambik geplant.

„Es ist ein Wagnis“, sagen die beiden über ihre neuen Aufgaben. Die Gegend gilt als Hochrisikogebiet für Malaria, zum nächsten Krankenhaus sind es 500 Kilometer. Die politische Lage ist instabil, die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg ist da. Positiv sei, dass im Land viele Bodenschätze vermutet würden, sagt Claus Härtner. Das fördere das Interesse des Auslands, und die Einheimischen wollten Geschäfte machen. Deutschsprachige Reiseführer für Mosambik gebe es bislang nur einen zu kaufen, doch der Tourismus wachse. Es gibt 3 000 Kilometer Strand.

„Wenn wir es wagen wollen, dann jetzt“, meint Claus Härtner. „Wir haben schon einmal mitten im Leben alle Hebel umgeworfen und sind mit Mut daraus hervorgegangen“, sagt seine Frau. Für ihre Entscheidung erfahren sie bei Bekannten viel Respekt. Oft erzählen andere von eigenen Plänen, die sie leider doch nicht verwirklicht haben: „Ich würde am liebsten mitgehen.“ Den Anteil derer, denen ein „ihr spinnt“ entweicht, schätzt Claus Härtner auf bescheidene fünf Prozent.

Und die erwachsenen Söhne? „Super, macht das“, meinte Jonas, der selbst schon zehn Wochen in Liberia war. Der jüngere Bruder Joel brauchte etwas, inzwischen hat er schon einen Besuch in Mosambik geplant.