Lokales

Die Drachenmünzer derer zu Tumnau

Drei Notzinger Familien gehören zum bunten Volk des Mittelaltermarkts auf der Burg Hohenneuffen

Notzingen/Neuffen. Ein großer Drachenkopf thront über der beeindruckenden Stangenkonstruktion, geradeso, als wolle er mit scharfem Blick überwachen, dass das Werk gelingt.

Anzeige

Der „Edle Ove von Tumnau“ zieht an einem Tau das Gewicht in vier Meter Höhe, lässt es los, damit es mit ordentlichem Schwung auf die Prägevorrichtung sausen kann – und schwups, schon ist die imposante Drachenmünze fertig.

„Edler Ove von Tumnau“ heißt im bürgerlichen Leben Uwe Steinmann und „schafft beim Daimler“. Als Ausgleich zur Arbeit am Computer taucht er mit Familie und Freunden als Mitglied des „Lager Tumnau“ in eine vergangene Welt ein. „Das schönste bei den Mittelaltermärkten ist die Gemeinschaft. Sobald du ein Gewand anhast, bist einer von ihnen und gehörst dazu – bist mittendrin und nicht nur dabei“, beschreibt er seine Begeisterung für den regelmäßigen Zeitenwechsel. Erfreulicher Nebeneffekt: Seine Leidenschaft fürs Tüfteln wird dadurch ständig gefordert und er kann sein handwerkliches Geschick unter Beweis stellen.

Angefangen hat alles mit dem Besuch des ersten Mittelaltermarkts auf der Burg Hohenneuffen gemeinsam mit seiner heutigen Frau Monika. Regelmäßig zog es die beiden zu den Treffen. Sie kauften Gewänder und Monika Steinmann schneiderte für sich und später für ihre beiden Töchter Belanna und Navina schöne Kleider. Zwanglos mischten sie sich unter das bunte Völkchen und genossen die Atmosphäre. „Doch immer wenn‘s am Schönsten wurde, mussten wir gehen“, erinnert sich Uwe Steinmann.

Im Laufe der Jahr steckten die Steinmanns die beiden Nachbarsfamilien Eckmann und Ensminger mit ihrem Mittelaltervirus an und sie beschlossen, eine Gruppe mit eigener Identität zu gründen. Wie sie heißen werden, lag für die Notzinger auf der Hand. Namensinspiration war Schloss Thumnau, das einst in der Nähe des Notzinger Pfarrhauses stand und heute zumindest noch im Gewann „Burggärten“ sprachlich präsent ist. Die jungen Tumnauer begaben sich auf Spurensuche und wurden im Notzinger Heimatbuch fündig. „Als erster aus dem Rittergeschlecht wird 1274 Alwere de Dumenowe erwähnt“ schreibt Carl Mayer. Die Historiker fanden allerdings nur spärliche Hinweise auf die Familie. Im 14. Jahrhundert war das Schloss im Besitz der Herren von Rüß, Mitte des 15. Jahrhunderts konnte eine Seitenlinie des Spät‘schen Geschlechts das Schloss ihr Eigen nennen. Das Ende der Anlage kam 1525 im Bauernkrieg. Der Hausherr hatte offenbar die Rittertugenden nicht wirklich verinnerlicht. „Der Besitzer war, Frau und Kinder treu- und schutzlos zurücklassend, nach Esslingen geflohen“, so Carl Mayer. Der Herrensitz wurde verwüstet und in Brand gesteckt. „Mit dem allem haben sie sich aber nicht sättigen lassen, sondern auch den Graben, der mit guten Fischen besetzt war, abgegraben, die Fische herausgenommen und dadurch mir und meinem Kaplan wider alles Recht und ganz unbilligerweise einen Schaden von über 1 600 Gulden zugefügt“, jammerte Hans Spät von Thumnau in seiner Anklageschrift.

Eine „eigene“ Geschichte macht jedoch noch keine attraktive Mittelaltergruppe. „Wir bauchen eine Attraktion, die es nicht oft gibt“, waren sich die Familien einig. Irgendwann kam die Idee mit der Münzprägerei auf. „Wir hatten alle überhaupt keine Ahnung, wollten es aber auf jeden Fall besser machen, als die, die wir schon gesehen haben“, sagt Uwe Steinmann selbstbewusst. Deshalb musste die Münze aus Messing sein, damit man sie auch als Schmuck tragen kann, und Kupfer oder Zinn kamen deshalb nicht in Frage. Dass sie darüber hi­naus ein schönes Aussehen haben muss, verstand sich von selbst. Die Vorderseite sollte ein Drache schmücken, und zwar nicht irgendeiner, sondern ein walisischer. „Das ist der einzige, der gut aussieht“, ist der Notzinger überzeugt. Dass es sich dabei um einen weiblichen Drachen handelt, erkennt der Kundige am offenen Maul. Das Fabelwesen ist für Uwe Steinmann das Symbol des Mittelalters schlechthin, weshalb dieses Motiv klar sein Favorit war. „Für die andere Seite wollten wir was Urgermanisches haben“, so der Notzinger. In Runen steht dort deshalb Lager Trinkhörner Tumnau und die Vornamen der drei Männer. Damit Kinder die Inschrift selbst entziffern können, liegt zum Mitnehmen ein Übersetzungs-Alphabet aus. Ferner schmückt ein keltischer Knoten die Münze. Anhand der Skizzen und Bilder den Stempel für die Münze herauszuarbeiten, war bei der Bissinger Firma Reichle Chefsache. „Wir brauchten einen Metallgraveur und Künstler“, begründet Uwe Steinmann die Firmenwahl.

Die erste Hürde war geschafft und die drei Familienväter widmeten sich nun der Maschine. „Wir sind alle gute Handwerker, und über die Wintersaison haben wir gebaut wie die Blöden“, sagt Uwe Steinmann. Dabei klappte nicht immer alles aufs erste Mal. „Zunächst haben wir mit einer Höhe von zwei Metern angefangen, dann aber schnell gemerkt: Das reicht nicht. Dann wurden es drei Meter und schließlich vier – jetzt funktioniert‘s“, verrät er lachend. Dass alle Münzpräge-Konstrukteure „metallisch vorbelastet“ sind, trug zum Gelingen des ehrgeizigen Projekts bei. Für das i-Tüpfelchen der Apparatur sorgten die Frauen: Der imposante Drachenkopf in luftiger Höhe ist ihre Kreation.

Auch die Rohlinge sind aus eigener Herstellung. Aus einer Messingplatte stanzen die Münzer Kreise aus. Die scharfe Kante jedes Kreises muss entgratet werden, damit eine schöne Scheibe entsteht. „Dann wird das Messing bei hohen Temperaturen weichgeglüht und langsam wieder abgekühlt. Das verringert die Härte des Metalls, denn sonst würde der Stempel das nicht aushalten“, erklärt Uwe Steinmann. Da trifft es sich gut, dass Rita Ensminger töpfert und einen Brennofen besitzt.

Seit der Fertigstellung ihrer Münzprägerei und der Gründung des „Lager Tumnau“ sind die Notzinger „ordentliche Teilnehmer“ auf Mittelaltermärkten und genießen das Lagerleben in vollen Zügen. „Wir sind alle gerne in der Natur, Zelten ist also kein Problem“, sagt Uwe Steinmann. Ihre komplette Ausstattung haben die Tumnauer selbst gefertigt, egal ob Segel genäht, Tische und Regal geschreinert oder die Feuerstelle geschmiedet. Fachmann dafür ist Schmid Holger Eckmann. Der stellt während der Märkte ausgefallenen Schmuck her und auch sein Messer stammt aus der eigenen Werkstatt. Während der Lagerzeit sind die Edlen, Recken samt Gefolge und Gesinde Selbstversorger. Das ist Frauensache und recht zeitaufwendig, denn schließlich wollen in der Regel 15 Mitstreiter satt werden. Am ersten Tag wird in der Regel was auf den Rost gelegt, weil das am schnellsten geht. Lieblingsspeise ist jedoch die Gemüsesuppe. Dafür schnippeln die Köchinnen kiloweise Gemüse klein und geben es in einen großen Topf über der Feuerstelle. Den letzten Pfiff erhält das Gericht durch die geschmelzten Zwiebeln. „Darauf freuen sich immer alle“, sagt Belanna, die mit ihren 13 Jahren schon zum erfahrenen Küchengefolge gehört. Sie bringt sich gerade selbst bei, auf dem Hümmelchen zu spielen. Dabei handelt es sich um eine kleine, eher leise klingende Sackpfeife, die in der Renaissance gespielt wurde. Belanna und ihre Freundinnen amüsieren sich köstlich über die Besucher: „Die denken immer, sie schauen uns an – aber wir machen das gleiche mit ihnen auch.“ Das Lagerleben bedeutet für das Mädchen Freiheit pur. „Wenn wir angekommen sind, lassen wir die Kinder rennen, am Ende sammeln wir sie wieder ein und zwischendurch sehen wir sie, wenn sie Hunger haben“, beschreibt Uwe Steinmann die Gepflogenheiten.

Ein weiteres Markenzeichen der Notzinger sind ihre Trinkhörner, die sie nebst Halter – eine praktische Erfindung von Uwe Steinmann, mit der man sein mittelalterliches Trinkgefäß auf einen Tisch stellen kann – sowie Messer und Löffel am Gürtel tragen. Aus diesem Grund werden sie auch gerne das „Lager der Trinkhörner Tumnau“ genannt. „Weil sich niemand so recht vorstellen kann, was dieses Holzgebilde sein könnte, kommen wir immer schnell mit den Besuchern ins Gespräch“, freut sich der Münzer auf viele Begegnungen an diesem Wochenende auf der Burg Hohenneuffen.

Heute und morgen ist der Hohenneuffen zum 16. Mal Schauplatz des mittelalterlichen Handwerkermarktes und Burg-Spectaculums. Heute von 11 bis 21 Uhr sowie am Sonntag von 11 bis 18.30 Uhr verwandelt sich das alte Gemäuer in einen kleinen Marktplatz des Mittelalters. Hier treffen sich auch Musikanten, Zauberer, Narren, Gaukler, Feuerspucker und Geschichtenerzähler. Im Badehaus erfrischen sich die „Gewandeten“ im großen Zuber und Schwertkämpfer messen im Turnier ihre Kräfte. Alle halbe Stunde gibt es Programmpunkte und für die Bewirtung sorgen verschiedene Marktstände.