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Die fleißigen Nager sind zurück

Die ehemals ausgerotteten Biber hinterlassen wieder Spuren

Ein Biber läuft am Dienstag (15.04.2008) in Dillingen (Schwaben) durchs Gras. Bauarbeiter hatten das Tier am Montag auf einer Ba
Ein Biber läuft am Dienstag (15.04.2008) in Dillingen (Schwaben) durchs Gras. Bauarbeiter hatten das Tier am Montag auf einer Baustelle entdeckt. Nachdem der Biber die Ausstiegshilfe nicht in Anspruch nahm wurde das entkräftete Tier im Schwimmbecken eingefangen und im nahe gelegenen Donauried wieder ausgesetzt. Foto: Stefan Puchner dpa/lby +++(c) dpa - Bildfunk+++

Unterensingen. Das Motiv könnte aus einem Bilderbuch für Biber stammen: Ein gefällter Baum liegt

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im Schülesee bei Unterensingen, der Stumpf ist knapp über der Wasseroberfläche kegelförmig abgenagt. Der Baum daneben weist bis zur Mitte des Stamms eine große halbkreisförmige Kerbe auf. Gut zu erkennen sind Nagespuren, die ein Biber mit seinen großen Vorderzähnen hinterlassen hat. Im Röhmsee, der nur durch einen schmalen Damm vom Schülesee getrennt ist, liegt ebenfalls ein Baum, der eindeutig von einem Biber gefällt wurde. Weitere Nagespuren finden sich rund um die beiden Seen. Der Nager selbst lässt sich nicht sehen, hat aber eindeutige Zeichen gesetzt, dass er heimisch geworden ist in den zusammen 25  Hektar großen Naturschutzgebieten „Grienwiesen“ und „Am Rank“, die um die beiden Seen herum ausgewiesen wurden.

Andrea Wirth aus Wendlingen ist häufig mit Harald Etzel, dem Naturschutzwart des Schwäbischen Albvereins Gruibingen, in den Naturschutzgebieten unterwegs. Im Mai vergangenen Jahres haben sie einmal einen Biber gesehen, der im See schwamm. Die größten europäischen Nagetiere zu beobachten, erfordert Glück oder Geduld. Aktiv sind sie vor allem in der Dämmerung und nachts, tagsüber halten sie sich meist in ihren Bauten auf.

Biber waren in Baden-Württemberg ausgerottet und kamen in Deutschland nur noch an wenigen Standorten vor. Seit einigen Jahren breiten sie sich wieder aus. Sie sind streng geschützt, zählen nach wie vor zu den bedrohten Arten. Das Bayerische Landesamt für Umwelt bezeichnet die Rückkehr der Biber als „einen der größten Erfolge im Natur- und Artenschutz“. Die Nager sind ausgezeichnete Baumeister. Weil sie sich ihren Lebensraum gestalten, Burgen oder Dämme bauen und Bäume fällen, schaffen sie „vielfältige Biotope“, erklären die Naturschützer. Das Holz gefällter Bäume, sogenanntes Totholz, bietet Fischen einen Unterschlupf, wenn es im Wasser liegt. An Land gedeihen auf Totholz selten gewordene Pflanzen, es bietet Nahrung für Insekten und Spechte, Baumhöhlen sind Nistplätze für Vögel und Fledermäuse. „Selten gewordene Tier- und Pflanzenarten siedeln sich wieder an, die Artenvielfalt steigt“, verweisen die Experten des Bayerischen Landesamts für Umwelt auf die positiven Folgen in den Revieren der Biber.

Biber sind die größten europäischen Nagetiere. Sie erreichen mit Schwanz eine Länge von bis zu 1,30 Meter und können bis zu 30 Kilogramm wiegen, normal sind knapp 20 Kilo. Ihr Fell ist braun bis braun-schwarz. Die Tiere haben einen ausgezeichneten Geruchssinn, ein sehr gutes Gehör und einen guten Tastsinn. Bevorzugt leben sie in langsam fließenden Gewässern oder Seen mit reich bewachsenen Ufern oder Auwäldern, sie passen sich aber sehr gut an unterschiedliche Lebensbedingungen an. Junge Tiere wandern auf der Suche nach einem Revier bis zu 100 Kilometer weit. Wenn sie ein Revier gefunden haben, bleiben sie dem Standort treu und leben dort monogam im Familienverband, oft mit zwei Generationen Jungtieren. Die Tiere sind reine Pflanzenfresser, im Winter ernähren sie sich von Zweigen und Rinde, im Sommer vorwiegend von Kräutern und auch Feldfrüchten, was zu Konflikten mit Landwirten führen kann, die Äcker neben dem Biberrevier haben.

Biberburgen mitten in einem Gewässer sind eine Ausnahme, weil deren Bau einen enormen Aufwand erfordert. Viel lieber graben Biber einen Bau in steile Ufer. Dämme bauen sie nur, wenn der Wasserstand in einem Gewässer nicht ihren Ansprüchen genügt. Der Eingang muss immer geschützt unter der Wasseroberfläche liegen. Er liegt so tief, dass er im Winter nicht zufrieren kann. Verteilt über ihr Revier legen Biber auch Fluchtröhren an, in die sie sich schnell zurückziehen können, wenn sie sich gestört oder gefährdet fühlen. Sie graben auch oberirdische Kanäle, damit sie von einem Gewässer ins andere schwimmen können. Bevor ein Gewässer zufriert, legen sich Biber neben ihren Bauten unter Wasser Nahrungsvorräte aus Ästen und Zweigen an.

Schon bevor sich der Biber hier angesiedelt hat, waren die beiden früheren Baggerseen wertvolle Lebensräume. Deshalb wurden der Schüle- und der Röhmsee mit ihren Uferbereichen Anfang der 80er-Jahre als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Sie sind bedeutende Rückzugsgebiete für bedrohte Vogelarten und Rastplätze von Zugvögeln. Derzeit hält sich eine große Zahl von Graugänsen an den Seen auf. Die Brutvögel aus Nord- und Osteuropa sind inzwischen in der Region heimisch geworden. Nicht nur deshalb liebt der Wendlinger Werner Koranda die beiden Seen. Er geht häufig hier spazieren. „Jeden Tag ist es anders.“ Die Stimmung wechsle je nach Licht und Wetter. Laut kreischend fliegen die Graugänse von der sonnigen Wiese auf, als die Besucher sich bis auf etwa zehn Meter genähert haben. In sicherer Entfernung lassen sie sich auf dem Schülesee nieder. Blesshühner ziehen dicht am Ufer ihre Bahnen, auf der gegenüberliegenden Seite hält ein Reiher geduldig Ausschau nach Beute. Hoch oben über ihm sitzen Kormorane auf Bäumen.

Die Naturschutzgebiete liegen eingezwängt zwischen der Autobahn, der B 313 und der Kreisstraße, die von Wendlingen nach Unterensingen führt. Der Straßenlärm ist zur A 8 hin ständiger Begleiter. Davon lassen sich die Tiere offenbar nicht stören. Auf einem Rundgang entdeckt Harald Etzel einen Grünspecht und ein winziges Wintergoldhähnchen, zwei Vogelarten, die eher schwer zu Gesicht zu bekommen sind. „Das ist eine richtige Oase“, schwärmt er. Das gelte nicht nur für die vielen Vogelarten, sondern auch für Rehe, Hasen und Füchse. Der Auwald und dichtes Gestrüpp bieten Schutz und Rückzugsmöglichkeiten.

Er fürchtet wie Angelika Wirth, dass die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm zur einer Bedrohung für dieses Gebiet wird. Die Gleise für den ICE werden auf dem schmalen Streifen zwischen Auwald und Autobahn verlegt. Die beiden können sich nicht vorstellen, dass es zumindest während der Bauzeit nicht zu gravierenden Störungen kommt. Im Planfeststellungsbeschluss für den Abschnitt 1.4 heißt es, die Verträglichkeitsprüfung nach dem Bundesnaturschutzgesetz hat ergeben, dass das Vorhaben „nicht zu erheblichen Beeinträchtigungen“ der Naturschutzgebiete „Grienwiesen“ und „Am Rank“ führe – sowohl in ihrer Eigenschaft als Teil des Europäischen Vogelschutzgebiets als auch in ihrer Eigenschaft als Teil des FFH-Gebiets „Filder“.

Daran zweifelt der BUND-Regionalverband Stuttgart. Die Logistikflächen für den Bau der Bahnstrecke reichten bis an die Schutzgebiete heran. Die Erhebungen, die vor der Planfeststellung gemacht wurden, seien völlig veraltet. So seien die Bibervorkommen nicht erfasst. Die Kartierungen „stammen zum großen Teil noch aus den 90er-Jahren“. Die Umwelt- und Naturschützer fordern vom Eisenbahnbundesamt eine artenschutzrechtliche Prüfung, „in der dargelegt wird, welche Schutzmaßnahmen zu ergreifen sind“.