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Die Geschädigten wollen ihr Recht

In Nürtingen findet ein Conterganopfer-Symposium statt – Nina Hagen und weitere Künstler treten auf

50 Jahre ist es her, dass der Contergan-Skandal für negative Schlagzeilen sorgte. 2 800 der durch das Medikament Geschädigten sind noch am Leben. Sie fühlen sich im Stich gelassen – vom Staat und von der Pharmafirma, die das Medikament vertrieben hat. Mit einem Symposium am 17. September im K3N in Nürtingen wollen die Conterganopfer auf ihre Prob­leme aufmerksam machen.

Die Geschädigten wollen ihr Recht
Die Geschädigten wollen ihr Recht

Nürtingen. Veranstalter des Symposiums ist der eingetragene Verein Contergannetzwerk Deutschland (CND), der seinen Sitz in Ostfildern hat. Vorsitzender ist der Jurist Chris­tian Stürmer, selbst ein Contergan­opfer. Das Contergannetzwerk versteht sich als Selbsthilfe-Bundesorganisation mit dem Ziel, den Geschädigten Hilfe zur Selbsthilfe zu geben und ihnen so zu ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben in Würde führen zu können. Außerdem hat sich das CND zur Aufgabe gemacht, für die Conterganopfer eine gerechte Entschädigung zu erkämpfen.

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„Die Geschädigten sind unterversorgt“, sagt Stürmer mit Nachdruck und rechnet vor: Aus den Sozialkassen der öffentlichen Hand erhalten Contergangeschädigte seit dem Jahr 2008 eine monatliche Rente von maximal 1 127 Euro monatlich – bis dahin seien es gerade mal 545 Euro gewesen. „Wohlgemerkt, das ist der Höchstsatz für Schwerstgeschädigte“, betont Stürmer. Also für Menschen, denen Arme und/oder Beine fehlen. Dazu gebe es aus der Conterganstiftung monatlich bis zu 300 Euro – ebenfalls für Schwerstgeschädigte. „Allein die Pflegekosten für eine Person, die weder Arme noch Beine hat, betragen rund 12 000 Euro im Monat“, rechnet der CND-Vorsitzende vor. „Vielen droht bitterste Armut.“ Er setzt sich dafür ein, dass die Conterganopfer wie „vergleichbare Opfergruppen“ – zum Beispiel Kriegs- oder Impfgeschädigte oder Opfer privater Gewalttaten – entschädigt werden.

Derzeit ist vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eine Beschwerde von elf Conterganopfern anhängig. Hintergrund des Verfahrens sei, so Stürmer in einer Pressemitteilung, „dass der deutsche Staat sämtliche Ansprüche der Conterganopfer gegen die Schädigungsfirma Grünenthal per Gesetz aufgehoben hat und seine hieraus folgenden Haftungsverpflichtungen nur völlig unzureichend erfüllt“. Stürmer weiter: „Weder ist bisher Verdienstausfall, ein Ausgleich für die Altersrente oder ein angemessenes Schmerzensgeld gezahlt worden, noch ist unsere adäquate ärztliche Behandlung oder unsere Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln sichergestellt.“

Bei der Erreichung der Ziele des Contergannetzwerks setzt Christian Stürmer nun auch auf den Druck der Öffentlichkeit. Zu diesem Zweck hat er das erste Conterganopfer-Symposium organisiert. Stattfinden wird die Veranstaltung am Samstag, 17. September, in der Nürtinger Stadthalle K3N. Beginn ist um 12.15 Uhr. Die Ministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren, Katrin Altpeter, und der Nürtinger Oberbürgermeister Otmar Heirich werden Grußworte sprechen.

Das Symposium ist in einen Vortragsteil und einen Unterhaltungsteil gegliedert. Bis gegen 16 Uhr wird das Thema „Contergan“ unter diversen medizinischen und rechtlichen Gesichtspunkten von mehreren Referenten erläutert und diskutiert. Unter anderem wird der Arzt, Pharmakologe und Toxikologe Dr. Dr. Harald Mückter erwartet, der Sohn des mutmaßlichen Conterganerfinders Heinrich Mückter. Er wird über das Thema „Thalidomid – vor und nach Contergan“ reden. Thalidomid ist der Wirkstoff in Contergan.

Daran schließt sich nach 16 Uhr eine Open-House-Party an, die sich bis in den Abend hineinzieht und die man auch separat besuchen kann. Das Contergannetzwerk konnte namhafte Künstler für seine Sache und einen Auftritt in Nürtingen gewinnen: die Sängerin Nina Hagen, den Schauspieler und Parodisten Hans-Joachim Heist (bekannt als Gernot Hassknecht in der „Heute-Show“), den Zauberer und Comedian Topas und den Kabarettisten Klaus Birk. Alle diese Künstler unterstützen die Anliegen der Conterganopfer und verzichten auf ihre Gage. Außerdem sind conterganbetroffene Künstler wie der Schlagzeuger Tilmann Kleinau, der mit seiner Band Crosslane auf der Bühne stehen wird, und der blinde Saxofonist Feri Nemeth aus Ungarn mit von der Partie. Die Künstlerinnen Lilly Eben und Constanze von Canal werden ihre Bilder ausstellen.

„Wir wollen größtmögliche Öffentlichkeitsaufmerksamkeit“, formuliert Stürmer das Ziel des Symposiums. „Jeder darf und soll kommen, deshalb haben wir den Eintrittspreis mit fünf Euro so gemacht, dass es für alle erschwinglich ist.“ Auch die Referate seien für eine interessierte Öffentlichkeit gedacht. Ein Großteil der Kosten des Symposiums wird durch Sponsoren getragen. Das Contergannetzwerk erbittet weitere Spenden.