Lokales

„Die Gesellschaft braucht Nachhilfe“

Inklusion: Im Kirchheimer Rathaus wurde die Fotoausstellung „Unsere Stadt durch meine Augen“ eröffnet

Wie sie die Stadt Kirchheim sehen und erleben, haben Menschen mit Behinderung in Fotos festgehalten. Die Bilder sind nun im Kirchheimer Rathaus ausgestellt. Am Dienstag war Vernissage.

Menschen mit Behinderung haben in Fotos festgehalten, wie sie die Stadt Kirchheim sehen. Die Bilder sind nun im Rathaus ausgeste
Menschen mit Behinderung haben in Fotos festgehalten, wie sie die Stadt Kirchheim sehen. Die Bilder sind nun im Rathaus ausgestellt.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Seit Dezember haben sich die knapp 40 Teilnehmer des Fotoprojekts jeden Samstag zusammengefunden, um durch die Stadt zu ziehen und ihre Eindrücke in Fotos festzuhalten. Die Menschen jeden Alters und mit unterschied­licher Nationalität und verschiedenen Einschränkungen stellten fest, dass jeden andere Aspekte interessierten und dass jeder die Welt auf

Anzeige

„Jeder hat sein Können eingebracht“

eine andere Art wahrnimmt, erzählte Gabi Finkbeiner vom Kirchheimer Kunstverein, die das Projekt begleitete. „Den Teilnehmern sind plötzlich Dinge aufgefallen, die sie vorher gar nicht bemerkt haben – obwohl sie regelmäßig dort entlang gehen“, ergänzte sie. „Jeder hat sein Können eingebracht. Wir haben Inklusion erlebt.“

Durch das Projekt habe man eine andere Perspektive eingenommen, sagte auch Daniela Egner vom Mehrgenerationenhaus Linde, das – ebenso wie der Aktionskreis für Menschen mit und ohne Behinderung, die Lebenshilfe und der Kunstverein – an der Aktion beteiligt war. In die Wege geleitet wurde das Projekt im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Der Inklusion auf der Spur“ des Kreisjugendrings Esslingen.

Entstanden sind insgesamt über 3 000 Fotografien. Eine Auswahl ist nun im Rathaus ausgestellt. Die Bilder sind in mehrere Themenblöcke unterteilt: Zu sehen sind zum Beispiel Verkehrsschilder, Gebäude, Graffitis und auch Skurriles. „Die Bilder zeigen eine große Vielfalt. Und Vielfalt ist genau das, was Inklusion ausmacht“, sagte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. „Wir wollen Inklusion in unserer Stadt leben“, betonte sie – wohl wissend, dass das Kirchheimer Rathaus, was Barrierefreiheit anbelangt, noch zu wünschen übrig lässt. Doch die Stadt sei auf einem guten Weg: „Der Gemeinderat sieht die Notwendigkeit eines Rathausumbaus“, betonte Matt-Heidecker.

Prof. Dr. Thomas Meyer von der Dualen Hochschule Stuttgart ging auf das Thema Inklusion ein und erläuterte zunächst, was sich hinter diesem Begriff überhaupt verbirgt: „Inklusion heißt einbezogen sein, und zwar von Anfang an“, sagte er. „Wir haben einen Denkfehler begangen: Wir dachten, dass wir beeinträchtigte Menschen fit machen müssen für das Leben in der Gesellschaft.“ Doch das Gegenteil sei der Fall: Die Menschen solle man nicht an die gesellschaftlichen Erwartungen anpassen, sondern man solle sie dort abholen, wo sie in ihrer jeweiligen Lebensphase stehen. „Sie benötigen zum Beispiel zuerst einen Arbeitsplatz“, dann könne man sie gezielt für diesen Job qualifizieren. Dies hätten die skandinavischen Länder längst erkannt. „Wir könnten umdenken, auch im Hinblick auf den Fachkräftemangel“, gab Meyer zu bedenken.

Die Denkweise verändern könne man auch im Bereich Schule: „Wir sollten wegkommen von einer Norm, die erreicht werden muss.“ So könnten für die Schüler einer Klasse unterschiedliche Lernziele gelten – immer entsprechend den Möglichkeiten des einzelnen Kindes.

Meyer betonte, dass sich die Gesellschaft anpassen und einen Perspektivenwechsel wagen solle. „Wir haben einen pädagogischen Auftrag. Die Gesellschaft braucht Nachhilfe“, ergänzte er. Man müsse die Menschen sensibilisieren, damit Vorurteile und Ängste abgebaut werden. Dann könne Inklusion funktionieren.

Aktionen wie das Fotoprojekt seien eine Bereicherung, verdeutlichte der Referent und ergänzte: „Inklusion ist ein großes Unterfangen – aber sie ist keine Illusion.“