Lokales

„Ehrlos, wehrlos, rechtlos“

Gefangene Geistliche standen im Mittelpunkt des Holocaust-Gedenktags am Schlossgymnasium

Das Gedenken an den nationalsozialistischen Terror hat am Kirchheimer Schlossgymnasium eine lange Tradition. Jedes Jahr werden zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar bestimmte Opfergruppen in den Mittelpunkt des Gedenkens gerückt. Gestern ging es um Geistliche beider Konfessionen – in erster Linie aber um den „Priesterblock“ im Konzentrationslager Dachau.

Reproduktion vom Film Der PriesterblockHolocaustgedenktag am Schlossgymasium
Reproduktion vom Film Der PriesterblockHolocaustgedenktag am Schlossgymasium

Andreas Volz

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Kirchheim. Rote Lichter, in der Form von Davidsternen aufgestellt, weisen den Weg ins Schulgebäude. Schüler, die zur ersten Stunde in die Schule strömen, sind überrascht und wundern sich. „Wer ist denn gestorben?“ fragt einer spontan. Die Antwort ist gar nicht so einfach. Sie lautet: „Millionen und Abermillionen Menschen sind gestorben – vor ungefähr 70 Jahren. Sie wurden in den Konzentrationslagern getötet, ermordet, vernichtet.“ Um die Erinnerung an die unzähligen Greueltaten hochzuhalten, wird seit 1996 in Deutschland der 27. Januar als Holocaust-Gedenktag begangen. Das Datum erinnert an den 27. Januar 1945, als die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz erreichte und dessen Insassen vom nationalsozialistischen Terror befreite.

Seit Ende der 80er-Jahre bereits ist es am Schlossgymnasium Tradition, diesen Tag als Anlass zum Gedenken zu nehmen. Trotz einer gewissen Umbruchphase hält die Schule an ihrer Tradition fest. Religionslehrer Markus Ocker sprach gestern von einem „Denktag“ und nicht von einem „Feiertag im üblichen Sinn“. Jedes Jahr beschränke sich die Schule mit ihrem Gedenken auf einzelne Ausschnitte, auf einzelne Schicksale. Seine Kollegin Cornelia Lorentz ergänzte: „Durch das Beispiel des Priesterblocks in Dachau wollen wir natürlich das Andenken der jüdischen Opfer des Holocaust keinesfalls schmälern.“ Selbstredend gilt das auch für alle weiteren Opfergruppen.

Zunächst stellten Schüler kurz die Lebensläufe dreier protestantischer Theologen vor, die den Einsatz für ihre Überzeugungen teuer bezahlten – mit der eigenen Freiheit oder auch mit dem eigenen Leben: Martin Niemöller, Dietrich Bonhoeffer und Paul Schneider. Niemöller war der einzige der drei, der Konzentrationslager und Nationalsozialismus überleben sollte.

Cornelia Lorentz fasste kurz gewisse Grundüberzeugungen der drei zusammen: „Martin Niemöller wehrte sich schon frühzeitig gegen die nationalsozialistischen Eingriffe in das Selbstbestimmungsrecht der Kirche. Dietrich Bonhoeffer ging bewusst von London zurück nach Deutschland, weil er sich verantwortlich fühlte für sein Land. Paul Schneider fühlte sich vor allem seiner Gemeinde und der Wahrheit verpflichtet.“ Diese Verantwortung und diese Verpflichtungen waren lebensgefährlich und führten für Bonhoeffer und Schneider zum frühzeitigen und unnatürlichen Tod, bedingt durch staatlich angeordneten Terror.

Ausführlicher vorgestellt wurde gestern ein katholischer Geistlicher: Hermann Scheipers. Anhand von Radio- und Filmausschnitten konnte an eine weitere Tradition des Gedenkens am Schlossgymnasium angeknüpft werden: an die Zeitzeugenberichte. Berührend war in diesem Fall insbesondere die Tatsache, dass Hermann Scheipers noch lebt – im hohen Alter von 101, und zurückgekehrt in seine münsterländische Heimat.

In den Film- und Tondokumenten erzählt Hermann Scheipers von seinem „Verbrechen“: Als Seelsorger war er im ersten Kriegsjahr unter anderem für die vielen polnischen Zwangsarbeiter in seiner Pfarrei im Bistum Dresden zuständig. Nachdem es den Zwangsarbeitern verboten war, zu ihm in die Messe zu gehen, ging Hermann Scheipers seinerseits zu den Zwangsarbeitern. Vorgeworfen wurde ihm daraufhin, er habe „in freundschaftlicher Weise mit Angehörigen feindlicher Völker verkehrt“.

Jeder Priester sei damals als Staatsfeind betrachtet worden, berichtet Hermann Scheipers, der sich nach dem Krieg in der DDR schon wieder als „Feind des Volkes“ eingestuft sah. Über diese Erfahrungen hat er ein Buch mit dem Titel „Gratwanderungen. Priester unter zwei Diktaturen“ geschrieben.

Die beste Definition für das Leben als Gefangener im Konzentrationslager habe er gleich am ersten Tag vom Lagerkommandanten in Dachau gehört: Die Häftlinge seien „ehrlos, wehrlos, rechtlos“. Wehrlos und rechtlos waren sie auf jeden Fall, und ehrlos zumindest in den Augen ihrer Aufseher, des Staats und der Politik.

Über 2 700 Geistliche waren im Lauf der Jahre im Konzentrationslager Dachau. Fast 2 600 von ihnen waren katholische Geistliche – aus Deutschland, aber auch aus den besetzten Gebieten. Rund 1 800 kamen aus Polen. Mehr als ein Drittel aller Insassen fand im Priesterblock den Tod.

Die katholische Kirche war um Erleichterungen für ihre inhaftierten Angehörigen bemüht. Hermann Scheipers dagegen sagte später, er und seine Mitgefangenen hätten gehofft, dass die Kirche nicht zu viele Zugeständnisse macht. Im Film wird – auch anhand von Ausschnitten aus dem Spielfilm „Der neunte Tag“ – gezeigt, dass selbst Verbesserungen für die Häftlinge das Gegenteil bewirkten. So hatte der Vatikan erreicht, dass jeder Priester sonntags Wein zu trinken bekam. Die Spielfilmszene zeigt aber eindrücklich, dass sadistische Wärter auch dieses Privileg noch zur Tortur umgestalteten.

Grausame Folterszenen haben sich insbesondere in der Passionszeit vor Ostern abgespielt: Die Pfarrer wurden mit Dornenkronen aus Stacheldraht gequält oder mit nach hinten verrenkten Armen an Seilen an ein Kreuz gehievt. Dennoch blieben sie standhaft bei ihrem Glauben und bei ihren Überzeugungen. Ein Beispiel dafür ist Benedikt Rodach, ebenfalls ein Überlebender, der im Film zu Wort kommt. „Und wenn‘s zum Martertod kommt, in Gottes Namen“, sagt er als alter Mann im Rückblick, und er sagt es mit einer überzeugenden Mischung aus Leichtigkeit und Festigkeit.

Beeindruckend ist auch die Priesterweihe am todkranken Diakon Karl Leisner – die einzige, die je in einem Konzentrationslager stattgefunden hat. Heimlich wurden die notwendigen Gerätschaften herbeigeschafft, einschließlich der Erlaubnis aus der Heimatdiözese. Ein Bischof aus Frankreich, der ebenfalls im Priesterblock einsaß, nahm die Weihe vor. Im Film heißt es, dass die symbolische Bedeutung dieses Sakraments für die Inhaftierten nicht zu überschätzen war, als ein „Sieg des Glaubens über den Nationalsozialismus“.

Markus Ocker stellte abschließend fest, dass sich manche der Neuntklässler bei besonders brutalen Filmszenen unwillkürlich abgewendet hatten. Das sei einerseits verständlich und gut so. Andererseits aber gehe es gerade darum, nicht wegzusehen, wenn so etwas passiert. Dazu soll der Holocaust-Gedenktag auffordern, und dazu dient auch eine Fahrt nach Dachau, die für die Neuntklässler im April ansteht. Sie werden sich gut vorbereitet und mit offenen Augen in der Gedenkstätte umsehen.

Die Neuntklässler des Schlossgymnasiums bekamen gestern zum Holocaust-Gedenktag eine spezielle Geschichtsstunde über Geistliche
Die Neuntklässler des Schlossgymnasiums bekamen gestern zum Holocaust-Gedenktag eine spezielle Geschichtsstunde über Geistliche in Konzentrationslagern - vor allem in Dachau. Das Bild unten ist ein Szenenfoto und zugleich Titelbild des Lehrfilms „Der Priesterblock“. Es zeigt Torturen der gefangenen Geistlichen in der Passionszeit.Fotos: Jean-Luc Jacques¿/¿pr