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Ein Architekt, der Kirchheim verändert hat

Philipp Jakob Manz war der Schöpfer der Industriearchitektur in Kirchheim

Bis heute ein stadtbildprägender Industriebau, der auf Philipp Jakob Manz zurückgeht: der Fickersche Bau in der Stuttgarter Stra
Bis heute ein stadtbildprägender Industriebau, der auf Philipp Jakob Manz zurückgeht: der Fickersche Bau in der Stuttgarter Straße.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, 1895, leistete sich die Stadt Kirchheim ein erstes Adressbuch. Im Vorspann wiesen die Herausgeber auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt hin. Neben den traditionellen fremdenverkehrswirksamen Objekten war man stolz auf

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moderne, gerade erst fertiggestellte Gebäude: Es waren dies die Villen der Fabrikanten Max Weise, Rudolf Schüle, Christian Gaier und Otto Ficker. Diese Männer standen an der Spitze der schnell wachsenden Kirchheimer Industrie, und sie hatten alle zum Aus- oder Neubau ihrer Villa den gleichen Architekten beauftragt, den seit 1889 in der Kirchheimer Bahnhofstraße (der heutigen Kolbstraße) ansässigen Architekten Philipp Jakob Manz.

Manz hatte in kurzer Zeit ein solches Ansehen als Architekt erworben, dass fast alle Industriellen und wohlhabenden Bürger der Stadt sich seine Dienste sicherten. Er hat in der Gründerzeit in Kirchheim mehr gebaut und Kirchheim mehr verändert als jeder andere Architekt, und man kann sagen, sehr zum  Vorteil der Stadt. Der Erfolg von Manz ist umso bemerkenswerter, als er aus ganz kleinen Verhältnissen stammte. Er wurde 1861 als uneheliches Kind einer Metzgersgehilfin geboren, seine Eltern konnten erst 1864 in Urach heiraten. Dort ging Manz in die Volksschule, in Stuttgart hat er eine Steinhauerlehre absolviert und einige Semester die Baugewerkeschule besucht, wo er ohne rechten Abschluss abging und sich gleich in den Beruf stürzte. Er arbeitete im Büro seines Lehrers Otto Tafel, bis er sich dann in Kirchheim, 28-jährig, selbständig machte.

Manz bot seinen Bauherren von Anfang an nicht nur hohe Qualität, Zeit- und Preistreue, sondern seine Bauten glänzten durch starke Außenwirkung, sie stellten den Besitzer als erfolgreichen und großzügigen Geschäftsmann vor. Die Reklamewirkung war in der Zeit, in der es noch kaum Werbung gab, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Deshalb waren auch die Fabriken, die Manz in großer Zahl baute, immer mehr als Zweckbauten. Es ist kein Zufall, dass Manz meist mit beidem betraut wurde, Villa und Fabrik. Seine beispiellose Karriere begann der Industriearchitekt mit dem Villenbau, erst danach folgte der Fabrikbau.

Sein erstes in Kirchheim verwirklichtes Bauprojekt war die in zeittypischem historistischem Stil erbaute Villa Max Weise. Sie muss den Einwohnern des bisher handwerklich und landwirtschaftlich geprägten Kirchheim wie der Blick in eine neue Zeit vorgekommen sein. Der Villenbau erlebte in der Gründerzeit eine echte Renaissance, die Villa dokumentierte den neuen gesellschaftlichen Rang der aufstrebenden Schicht der Industriellen, die dem Adel die Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie streitig machte.

Deshalb ist die – wenn auch in stark veränderter Form – noch erhaltene Villa Weise ein Bau von historischem Rang. Max Weise ist der typische gründerzeitliche Unternehmer, der die günstigen Rahmenbedingungen, die das deutsche Kaiserreich bot, zu nutzen wusste und der sich auch seiner Zugehörigkeit zur neuen Führungsschicht der Unternehmer sehr wohl bewusst war.

Den Nachfolgeauftrag bekam Manz gleich im folgenden Jahr vom damals bedeutendsten Unternehmer in Kirchheim, Rudolf Friedrich Schüle. Für ihn hat er die bestehende Villa stark erweitert und technisch aufgerüstet, es entstand geradezu ein schlossartiges Gebäude.

Damit errang Manz in jungen Jahren den Ruf eines Stararchitekten. Alle maßgeblichen Fabrikanten ließen sich in der Folge nicht nur ihre Fabrik, sondern auch ihre Privatvilla von Manz errichten: außer Papierwarenfabrikant Eugen Ficker in der Fabrikstraße, Maschinenfabrikant Christian Gaier in der Bahnhofstraße, Schuhzulieferer Otto Haag und Strumpffabrikant Emil Battenschlag in der Paradiesstraße, Textilfabrikant J. J. Müller in der Plochinger Straße, Herdfabrikant Richard Wiest in der Stuttgarter Straße, Fritz (Sohn von Max) Weise in der Dettinger Straße, Klavierfabrikant Franz Günther in der Steingaustraße.

Auch wohlhabende Privatpersonen beauftragten Manz mit dem Bau ihrer Wohnhäuser. Manz lieferte durchweg repräsentative Bauten von hoher Qualität und ästhetischem Anspruch. Kirchheim kann sich glücklich schätzen, dass die meisten dieser Bauten noch stehen, so etwa das 1893 erbaute Haus des pensionierten Pfarrers Friedrich Oehler in der Bahnhofstraße, Manz baute für die Witwe von Kaufmann Arthur Weizmann in der Paradiesstraße, für Bezirksnotar Ernst Müller und Dekan a.D. Karl Jäger in der Bahnhofstraße, Dr. med. Friedrich Gloeckler in der Rosenstraße (Schülestraße), Oberlehrer Konrad Schmid in der Jesinger Straße. Kürzlich abgebrochen wurde das Haus des Schwagers von Manz, Oberamtspfleger Georg Nestel in der Bahnhofstraße.

Auch die ersten Fabrikbauten, die Manz als fähigen und zuverlässigen Industriearchitekten auswiesen, standen in Kirchheim, hier begann seine Karriere, die ihn zum bedeutenden, europaweit tätigen Großarchitekten machten. Den frühesten Industriebauauftrag gab ihm wieder Max Weise. 1894 baute Manz die Erweiterung der Flanschenfabrik und ein wunderschönes, originelles Comptoir- und Lagerhaus. Immer wieder, bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurde Manz für Weises Firma „ Helfferich Nachf.“ tätig.

Fast alle gründerzeitlichen Unternehmer ließen sich nicht nur ihre Villen, sondern auch ihre Fabriken von Manz bauen: Christian Gaier, Klavierfabrikant Kaim, Otto und Eugen Ficker, Richard Wiest, die Textilfabrikanten Wagner und Roschmann, Kratz und Pichler, J.J. Müller, Faber, Kolb & Schüle, Gebr. Müller in Ötlingen.

Immer mehr entwickelte sich der Textilindustriebau zur Kernkompetenz von Manz. Hier besetzte er geradezu eine Marktlücke. Noch innerhalb des Büros Tafel hatte er an verantwortlicher Stelle für die Firma Otto in Wendlingen gebaut. Hier muss ihm die Idee gekommen sein, den Industriebau aus einer Hand zu bieten. Bisher war es üblich, dass englische und schweizerische Maschinenfabriken die Baupläne lieferten. Manz beschloss, die Trennung von Planung und Ausführung aufzuheben und damit schneller, besser, billiger und schöner zu bauen. Mit dieser Geschäftsidee machte er sich in Kirchheim selbständig. Und damit war er äußerst erfolgreich.

Kerstin Renz von der Universität Stuttgart hat in ihrer Dissertation zahlreiche Beispiele dafür angeführt, dass die Textilindustrie den Grundstein der Manzschen Karriere bildete: Auftraggeber waren die berühmten Textilfabrikanten Württembergs und des benachbarten Auslands: Otto, Leuze, Eisenlohr, Adolff, Gütermann, Hartmann, Bleyle, Gminder und viele andere. Manz wurde aber auch von vielen anderen Fabrikanten herangezogen, er war der bedeutendste Industriearchitekt Süddeutschlands. Er baute darüber hinaus in Westfalen, Frankreich, Österreich, der Schweiz, Polen, Tschechien, Ungarn. 1901 verlegte er sein Büro von Kirchheim nach Stuttgart, 1907 eröffnete er ein Zweigbüro in Wien, er beschäftigte zeitweilig über 100 Architekten.

Die Kirchheimer haben ihren großen Sohn lange vergessen, die meisten seiner Industriebauten gibt es nicht mehr. Umso wertvoller sind die noch existierenden: ein Teil der Faberschen Fabrik, der Überrest der Müllerschen Tuchfabrik, das Weise­sche Comptoirgebäude und vor allem der großartige, geradezu stadtbildprägende Fickersche Bau in der Stuttgarter Straße.

Die Söhne des 1890 verstorbenen Firmengründers Albert Ficker, Otto und Eugen, hatten Anfang der 90er-Jahre beschlossen, den Firmensitz aus der Stadt auf die grüne Wiese zu verlegen. Sie kauften zu ihrem Grundstück im „Steingau“ von Klavierfabrikant Kaim die angrenzenden Parzellen samt Gleisanschluss an die Kirchheimer Privateisenbahngesellschaft. Manz wurde beauftragt, ein repräsentatives Wohnhaus und ein direkt angrenzendes 30 Meter langes und 15 Meter breites helles Fabrikgebäude zu errichten. Die Firma machte damit den Sprung vom noch handwerklich ausgerichteten Kleinbetrieb zum industriellen Großbetrieb. Das Gebäude wurde durch 100 Gaslampen beleuchtet, ein Deutzer Gasmotor trieb die Maschinen an, die fertigen Produkte wurden direkt auf Eisenbahnwaggons verladen und der Zug fuhr durch das Gebäude direkt zum nahen Kirchheimer Bahnhof.

Die Firma prosperierte, und bereits um die Jahrhundertwende kam man schon wieder in Raumnot. Die Firma, die inzwischen (vorübergehend) mit der Papiergroßhandlung Otto Heck in München fusioniert hatte, beschloss, einen großen Neubau zu errichten. Manz entwarf das Kessel- und Maschinenhaus und einen dreistockigen Fabrikneubau aus Stein und Eisen, 47 Meter lang, 20 Meter breit. Er wurde direkt an den Bau von 1894 angefügt und dessen Rückwand herausgenommen.

Bauherr und Architekt waren an der Spitze der technischen Entwicklung und legten großen Wert auf gute Arbeitsbedingungen: Der Bau verfügte über hohe Fenster, zahlreiche Oberlichter aus begehbarem Glas, bereits elektrische Beleuchtung, natürliche Belüftung durch einklappbare Oberlichtflügel, ausreichend Umkleideräume, Toiletten, Wasch- und sogar Badeeinrichtungen. Er enthielt ein geräumiges Treppenhaus und eine eiserne Nottreppe, auf der die Arbeiter von jedem Stockwerk ins Freie gelangen konnten.

Um ein mehrstockiges Fabrikgebäude zu errichten, das auch schwere Maschinen tragen konnte, brauchte es große architektonische und statische Sachkenntnis. Manz kamen dabei seine Erfahrungen aus dem Spinnereigeschossbau zugute. Er wurde hier wieder einmal seinem Ruf als „Blitzarchitekt“ gerecht: In unglaublich kurzer Zeit von weniger als einem Jahr wurde der Bau fertiggestellt. Er konnte mit den modernsten Maschinen bestückt werden, die auf dem Markt waren.

So ist es kein Wunder, dass der bereits damals angedachte Weiterbau in östlicher Richtung bereits 1912 in Angriff genommen wurde, diesmal durch das Architekturbüro Eisenlohr und Pfennig. Der Neubau bot eine Front von 77,94 Metern Länge, er war 22 Meter breit und 13 Meter hoch. Die Längsseite wurde jetzt gegliedert durch einen charakteristischen Wasserturm. Um das bisherige Gebäude an den Neubau anzupassen und ein harmonisches Bild des gewaltigen Baukörpers zu erreichen, versah man den Manz-Bau mit einem Satteldach.

Das ist die Perspektive, die sich bis heute dem Betrachter bietet. Sie stellt ein großartiges, bewahrenswertes Zeugnis der Industriegeschichte Kirchheims dar.