Lokales

Ein Kurs für alle Lebenslagen

Das Projekt „klein anfangen“ bietet außer Deutschunterricht auch Hilfen für den Alltag

Die ehrenamtlichen Kursleiterinnen des Projekts „klein anfangen“ sind Anwärterinnen auf den Ehrenamtspreis zum Thema „Bildung“. Die Kurse helfen Frauen mit Migrationshintergrund, sich mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen und sich in der deutschen Gesellschaft besser zurechtzufinden.

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Projekt "Klein anfangen" Deutschkurs fYr MYtter , Integrationsausschuss, Schule, Tafel, lernen, Sprache, Unterricht, Muslime, Kopftuch, Starke Helfer, Ehrenamtspreis, Nachbarschaftshilfe, Projekt Deutschkurs für Frauen

Kirchheim. Vor zehn Jahren hat das Projekt „klein anfangen“ selbst klein angefangen. Inzwischen ist es in der Kirchheimer Bildungslandschaft fest etabliert. Und nicht nur das: Die Familien-Bildungsstätte Kirchheim (FBS), die die Deutschkurse im Auftrag der Stadt Kirchheim anbietet, hat das Projekt mittlerweile auch erfolgreich exportiert, wie FBS-Leiter Christoph Tangl berichtet: „Gute Beispiele machen Schule. In Bissingen gibt es einen Kreis von Ehrenamtlichen, die Migrantenfamilien begleiten. Die sind auf uns zugekommen, und seither bieten wir das Projekt auch im Auftrag der Gemeinde Bissingen in einer kleinen Außenstelle an.“

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Worum geht es bei „klein anfangen“? Es geht darum, dass junge Mütter die Chance bekommen, sich in kleinen Gruppen zu treffen, auszutauschen und ihre deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern – in Kindergärten oder Schulen, wenn die Kinder dort gerade ohnehin betreut und versorgt sind. Dadurch profitieren nicht nur die Mütter selbst, sondern letztlich auch die ganze Familie. „Direkt geht es bei ,klein anfangen‘ nicht um die Bildung von Kindern, indirekt aber schon“, sagt Christoph Tangl deshalb.

Für Projektleiterin Sibylle Müller steht der Praxisbezug im Vordergrund: „Es geht da um die Anwendung. Frauen sind oft zurückhaltend und trauen sich nicht so, die Sprache anzuwenden.“ Ganz im Sinn des Projektnamens „klein anfangen“ gibt es immer wieder auch große Erfolge zu verzeichnen. „Wir schicken unsere Teilnehmerinnen auch zum Integrationskurs an die Volkshochschule oder zu anderen Sprachkursen.“

Bei einigen ehemaligen Teilnehmerinnen von „klein anfangen“ wiederum ist der Wunsch entstanden, nach den Volkshochschulkursen weiterzumachen und die deutsche Sprache auch regelmäßig anzuwenden. So ist ein Konversationskurs bei „klein anfangen“ entstanden, den Astrid Praetz seit April leitet. Astrid Praetz ist eine von 13 engagierten ehrenamtlichen Kursleiterinnen bei „klein anfangen“. Zu den Teilnehmerinnenzahlen und deren Spektrum sagt sie: „Allein bei mir waren in den vergangenen sechs Jahren 29 Frauen aus 18 verschiedenen Ländern.“ Sie kommen aus allen möglichen Ländern und von allen Kontinenten.

Astrid Praetz ist für diese Frauen – wie alle ihre ehrenamtlichen Kolleginnen – viel mehr als „nur“ eine Kursleiterin, die mit ihnen Vokabeln und Grammatik büffelt. Sie ist vor allem auch eine Ansprechpartnerin für alle Lebenslagen, sei es der Arztbesuch oder der Gang zu verschiedenen Behörden. Außerdem ist sie eine Art Lotsin, wenn es um kulturelle und gesellschaftliche Belange geht. So erzählt sie von einem gemeinsamen Café-Besuch und ihren eigenen Erkenntnissen dabei: „Ich war erstaunt, weil manche gar nicht wussten, wie das geht.“ Einfache Abläufe wie das Bestellen oder das Bezahlen waren ihnen nicht bekannt, weil sie noch nie in einem Café waren. Auch in den Diakonieladen hat Astrid Praetz ihre Teilnehmerinnen schon geführt und dabei auch selbst eingekauft, um ihnen zu zeigen, dass es dort gute Waren gibt.

Und nicht zuletzt lädt sie ihre Teilnehmerinnen auch immer wieder zu sich nach Hause ein: „Viele haben ja gar kein privates deutsches Umfeld.“ Einer Frau hilft Astrid Praetz sogar bei den Hausaufgaben für einen Deutschkurs an der Volkshochschule, wobei sogar noch die Nachbarin eingespannt ist: „Meine Nachbarin kümmerst sich um die Kinder der Frau, damit die Mutter in Ruhe ihre Hausaufgaben machen kann.“

Einen Vorteil hat Astrid Praetz immer dann, wenn sie das Heimatland ihrer Teilnehmerinnen aus eigener Anschauung kennt: „Da geht ihnen das Herz auf, das verbindet unheimlich.“ Auch sie selbst lernt von den Frauen sehr viel, in Gesprächen über deren kulturellen Hintergrund. Letzteres ist auch für Sibylle Müller sehr wichtig. Deswegen bietet sie Fortbildungen für ihre Kursleiterinnen nicht nur in der Methodik an, sondern immer wieder auch zum kulturellen Austausch. Denn eines steht für Sibylle Müller längst fest: „Die Kursleiterinnen brauchen große Geduld und viel Flexibilität.“

Astrid Praetz berichtet Entsprechendes aus ihrer Kurserfahrung: „Normalerweise besteht so ein Kurs aus fünf bis sechs Frauen. Es kann aber passieren, dass nur zwei von ihnen kommen, vielleicht auch mal gar keine.“ Als sie mit einem Kurs auf ausdrücklichen Wunsch der Teilnehmerinnen einmal einen Termin vereinbart hatte, um gemeinsam Bratäpfel zuzubereiten, „war nur eine da“. Solche Erlebnisse seien frustrierend und hätten auch schon dazu geführt, dass sie aufhören wollte. Aber die Arbeit und die Teilnehmerinnen liegen ihr doch so sehr am Herzen, dass Astrid Praetz inzwischen sagt: „Ach was, ich mach‘ das jetzt weiter, solange es gesundheitlich geht.“

Im Zweifelsfall gibt es eben einen weiteren Unterrichtsstoff: Die Teilnehmerinnen sollen lernen, dass sie anrufen und sich abmelden, wenn ihnen was dazwischengekommen ist. Wenn sie das dann wirklich tun, ist es auch schon ein kultureller Lernerfolg. Überhaupt ist vor der Teilnahme am Kurs schon eine gewaltige Hemmschwelle zu überwinden. „Wer zum ersten Mal in einen solchen Kurs kommt, hat schon einen großen Schritt getan“, sagt Sibylle Müller.

Immer wieder gibt es auch Rückschritte. Vor allem bei türkischen Teilnehmerinnen hat Astrid Praetz diese Erfahrung gemacht: „Da gibt es welche, die sind jung, modern, flott und anfangs sehr engagiert, und dann kommen sie plötzlich gar nicht mehr.“ Sogar die anderen Frauen würden dann fragen: „Wieso kommst du nicht mehr, was ist los?“

Aber gerade deshalb ist es wichtig für die Kursleiterinnen, sich das Motto „klein anfangen“ immer wieder vor Augen zu halten.