Lokales

Ein müder Geist im Keller

Theater Tredeschin und Knurps Theater präsentierten Oscar Wildes Schlossgespenst

Kirchheim. Ein passenderer Spielort für Oscar Wildes Klassiker „Das Gespenst von Canterville“ wäre in ganz Kirchheim wohl kaum zu finden gewesen. Der böse Geist, der im Rahmen der elften „Kirchheimer Kinder-

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WOLF-DIETER TRUPPAT

und Jugendtheaterwochen Szenenwechsel“ in die Stadt gekommen war, gastierte auf Einladung des Club Bastion im altehrwürdigen Gewölbekeller der einstigen Wehranlage. Das Schlossgespenst hatte also ideale Bedingungen, um unter Tage sein Unwesen zu treiben, Angst und Schrecken zu verbreiten und gleichzeitig sein Publikum gut zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Dennoch wirkte es eher blass, desillusioniert und müde, aber das ist ja auch kein Wunder, nachdem es immerhin schon 400 Jahre nicht mehr geschlafen hat.

Die 1887 unter dem Titel „The Canterville Ghost“ erschienene Erzählung ist längst zum Klassiker geworden, der schon vielen Lesern Vergnügen bereitete. Grundsätzlich hat Oscar Wildes wohl bekanntestes Stück ja auch das Zeug, selbst heute noch auf der Bühne oder in entsprechender Besetzung als Neuverfilmung für Furore zu sorgen. Der vor allem auch durch seinen Witz und seine Aphorismen bekannte irische Autor hat für seine Zeitgenossen schließlich eine facettenreiche, muntere Gesellschaftssatire entworfen, die er als Burleske gestaltet und schließlich zum sehr romantisch-sentimentalen Happy End führt.

Wer heutzutage aber ernsthaft vorhat, Kinder und Jugendliche für das Theater zu begeistern und dabei ganz gezielt die schwierige Altersgruppe zwischen 12 und 16 Jahren auswählt, sollte vielleicht doch lieber auf Klamauk, Wortwitz und Aktualisierungen setzen, als zu sehr die Betulichkeit der Entstehungszeit der Textgrundlage zu konservieren. Ein holzschnittartiger Amerikaner, der sich das ganze Stück über den Namen seiner Haushälterin nicht merken kann, ein altersgebeugter Schlossherr, der von Anfang bis Schluss seinen Golfball sucht, und ein blass bleibender Sherlock Holmes, der eigentlich nur feststellt, dass er offensichtlich im falschen Stück mitspielt und lieber James Bond sein möchte, ist da eigentlich etwas wenig . . .

Im Mittelpunkt der haarsträubenden Geistergeschichte steht ein nicht allzu ehrenwerter einstiger Lord von Canterville, der 1620 seine dominante Gattin erstach und von ihren Brüdern dafür in Ketten gelegt und bei lebendigem Leibe eingemauert wurde. Seither rasselt der unglückselige Geist mit seinen Ketten, stöhnt durch Schlüssellöcher und sorgt dafür, dass Haushaltshelferin Horazdowska unentwegt in Ohnmacht fällt.

Als der amerikanische Diplomat Otis erfährt, dass es in seinem neu erworbenen alten Gemäuer spukt, ist er nicht etwa schockiert, sondern absolut begeistert. Er wittert das große Geld, wenn er das Schloss als Touristenattraktion amerikanischen Besuchern öffnet, die Gartenanlagen in einen Freizeitpark verwandelt und täglich um Mitternacht als Topattraktion das „furchterregende“ Schlossgespenst auftreten lässt.

Während das inzwischen etwas zahnlos gewordene Gespenst vorwiegend von Diplomatensohn Washington unbarmherzig geärgert – und immer wieder erfolgreich erschreckt – wird, empfindet seine emphatische Schwester Virginia großes Mitleid mit dem längst handzahmen „Monster“, das durch sie endlich seine Ruhe findet. Dankbar schenkt er ihr noch wertvollen Schmuck, und sie darf zuletzt sogar noch ihren Schatz Herzog Cecil heiraten.

Ende gut, alles gut? Etwas aktueller, zielpublikumsbezogener und daher temporeicher und spritziger hätte es schon sein dürfen .  .  .