Lokales

Ein Streifzug durch über 1 000 Jahre Geschichte

Der 35. Band der Schriftenreihe des Stadtarchivs wurde im Sitzungssaal des Kirchheimer Rathauses offiziell vorgestellt

Die Schriftenreihe des Kirchheimer Stadtarchivs hat eine lange Tradition. Den druckfrischen 35. Band konnte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker im Beisein verschiedener Autoren aus der Hand von Verleger Ulrich Gottlieb entgegennehmen.

Die Autoren Dr. Regina Keyler, Karl Buck,  Dr. Roland Deigendesch und Fritz Heinzelmann (von links nach rechts) teilten Angelika
Die Autoren Dr. Regina Keyler, Karl Buck, Dr. Roland Deigendesch und Fritz Heinzelmann (von links nach rechts) teilten Angelika Matt-Heideckers Zufriedenheit mit der von Klaus Rubitzko und Verleger Ulrich Gottlieb im Kirchheimer Rathaus druckfrisch präsentierten Neuerscheinung. Foto: Jörg Bächle

WOLF-DIETER TRUPPAT

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Kirchheim. Einig waren sich alle Beteiligten bei der offiziellen Buchpräsentation im kleinen Sitzungssaal des Kirchheimer Rathauses darüber, dass die lange Geschichte der Stadt auch weiterhin viele spannende Themen und interessante Geschichten bereithält.

Die von der Stadtverwaltung he­rausgegebene und in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit GO Druck Media Verlag in Buchform veröffentliche Schriftenreihe des Stadtarchivs wendet sich an Menschen mit Interesse an Geschichte und kann vor allem auch nachwachsenden Generationen aufschlussreiche Einblicke in die Vergangenheit gewähren.

Sie sei „gespannt wie an Weihnachten“, sagte Angelika Matt-Heidecker im Blick auf das vor ihr liegende neue Buch. Angeboten wird darin schließlich „ein Streifzug durch über 1 000 Jahre Geschichte von Stadt und Region“ und eine eindrucksvolle Themenvielfalt. Vier der Autoren waren bei der Buchvorstellung persönlich dabei und konnten daher die von ihnen bearbeiteten Themen entsprechend überzeugend empfehlen.

Eröffnet wurde der Reigen von Dr. Regina Keyler vom Landesarchiv Baden-Württemberg. Unter dem Titel „Trost bei Herzogin Henriette – Königin Olga und die Region Kirchheim unter Teck“ beschäftigt sie sich mit einem interessanten Fund, der vor einigen Jahren auf einem Flohmarkt auftauchte und glücklicherweise in die richtigen Hände gelangte.

Ein Mitarbeiter des Museums der Stadt Miltenberg hatte auf einem ganz gewöhnlichen Flohmarkt ein anmutiges Bündel mit rund 80 Briefen erworben. Nach genauerer Untersuchung des geborgenen Schatzes hatte er im Bewusstsein der großen historischen Bedeutung seines Fundes die in einer verschliffenen Schrift auf Französisch abgefassten und mit farbigen Briefköpfen versehenen wertvollen Originale an das Hauptstaatsarchiv Stuttgart weitervermittelt, wo das Hausarchiv der Könige von Württemberg verwahrt wird.

Die Sammlung sehr persönlicher Briefe, die die russische Zarentochter und Kronprinzessin Olga regelmäßig nach Sankt Petersburg schickte, gewährt interessante und ungemein direkte Eindrücke ihrer Begegnung mit der im Kirchheimer Schloss lebenden Großmutter ihres Mannes. Im Alter von fast 24 Jahren hatte die Zarentochter Olga den Thronfolger Karl von Württemberg geheiratet, dessen Vater König Wilhelm I. zu dieser Zeit schon fast 30 Jahre regierte. Karls Mutter, Königin Pauline, war eine Tochter der Kirchheimer Wohltäterin Herzogin Henriette.

„Die Bachem Ba 349 Natter und die Region Kirchheim unter Teck“ ist der Beitrag von Karl Buck überschrieben, der sich vor allem mit den technischen Details der von der SS-Propaganda als angebliche „kriegsentscheidende Waffe“ gefeierten „Natter“ beschäftigte.

Fritz Heinzelmann ergänzt diesen Beitrag mit seiner „Dokumentation der Natter-Startplattformen im Jesinger Hasenholz bei Kirchheim unter Teck“ und machte bei der Zusammenfassung seiner gewonnenen Erkenntnisse unmissverständlich deutlich, dass die „Natter“ nie einsatzreif und das ganze Projekt „völlig sinnlos und bar jeder Vernunft“ war.

Stadtarchivar Dr. Roland Deigendesch, der für den redaktionellen Teil der Schriftenreihe verantwortlich zeichnet und sich im neuen Band mit der „Ersterwähnungsurkunde Kirchheim unter Teck 960“ und der Kirchheimer „Geschichte der herzoglichen Jagd im 18. Jahrhundert“ beschäftigt, fasste bei der Präsentation auch die weiteren im Band 35 zu findenden Themen zusammen.

Das Buch beginnt mit der Druckfassung des Festvortrags des früheren Tübinger Professors für Landesgeschichte, Sönke Lorenz. Der Beitrag „960 – Kirchheim im Tausch der Könige“ ergänzt den schon im Vorjahr erschienenen archäologischen Tagungsband „Kirchheim um 1000“.

Der Göppinger Kreisarchivar Dr. Stefan Lang geht in seinem Beitrag „Die jüdische Fernhandelsgesellschaft des Maggino Gabrielli in Neidlingen 1598“ dem einzigartigen Ansiedlungsversuch und den Gründen seines Scheiterns nach.

Während Dr. Deigendesch in seinem Beitrag zu der Erkenntnis gelangte, „Das Herrenwäldle ist also ein Stück Geschichte des Kirchheimer Forsts“, legt Tilmann Marstaller in seinem Artikel „Das Herrenhäusle im Herrenwäldle“ ergänzend die „Ergebnisse der dendrochronologischen Untersuchung“ vor.

Mit „ . . .früher war eben alles anders als jetzt“ überschreibt Anne Hermann die von ihr im Wirtschaftsarchiv in Hohenheim aufgefundenen Kindheitserinnerungen der Fabrikantentochter Agnes Schüle aus Kirchheim, und lässt damit die Zeit des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und die Jahrzehnte danach lebendig werden.

Den Abschluss bildet der aus Lublin stammende Journalist Marek Staszyk. Das Kapitel „Einsatz in Polen“ erinnert an den „vergessenen Osteinsatz“ von Dr. Roland Seeberger-Elversfeldt, der in den 50er-Jahren als erster Facharchivar das „Gedächtnis der Stadt Kirchheim“ neu ordnete.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker dankte abschließend Verleger Ulrich Gottlieb vor allem dafür, dass er gewissenhaft fortführe, was schon sein Großvater begonnen hat und die Aufarbeitung der Geschichte zu seinem „erblich bedingten verlegerischen Hobby“ gemacht habe. Das Ergebnis, so pflichtete Fritz Heinzelmann gerne bei, sei „eine Reihe, um die uns viele andere Städte beneiden“.