Lokales

Eine Exotin unter lauter Männern

Beim Bau des Boßlertunnels ist auch das Wissen der Geologin Anna-Maria Meyer gefragt

„Dem Bauingenieur das Gebirge übersetzen“: So beschreibt Anna-Maria Meyer kurz und knapp ihre Tätigkeit. Die Geologin ist auf den Baustellen für die ICE-Neubaustrecke bei Aichelberg, Gruibingen und Hohenstadt im Einsatz.

Anna-Maria Meyer im „Zwischenangriff“ bei Gruibingen: Die 37-Jährige beurteilt die geologischen Verhältnisse.Fotos: Jean-Luc Jac
Anna-Maria Meyer im „Zwischenangriff“ bei Gruibingen: Die 37-Jährige beurteilt die geologischen Verhältnisse.Fotos: Jean-Luc Jacques

Aichelberg. Einen 8,8 Kilometer langen Tunnel in die Schwäbische Alb zu bauen, ist nicht gerade die einfachste Übung. Viele Details gilt es zu beachten, worüber sich zahlreiche Menschen unterschiedlicher Berufsgruppen den Kopf zerbrechen. Der Boßlertunnel bei Aichelberg, der längste Tunnel der Neubaustrecke, ist einen Herausforderung für alle Beteiligten – auch für die Diplom-Geologin Anna-Maria Meyer aus München. Zusammen mit zwei männlichen Kollegen beurteilt sie am Portal Aichelberg und beim „Zwischenangriff“ im Umpfental in der Nähe der Autobahnraststätte Gruibingen die geologischen Verhältnisse. Außerdem ist sie am Steinbühltunnel auf der Alb bei Hohenstadt im Einsatz.

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Welche Gesteinsarten und geologischen Schichten sind zu finden? Wie ist die Beschaffenheit der Steine? Wie stark sind sie zerlegt? Gibt es Karsthohlräume oder Wassereinbrüche? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich die Geologin. Anhand von Fotos, Zeichnungen und Berichten dokumentiert sie das vorgefundene Material. Es geht um „das Gebirgsverhalten und die Gesteinsfestigkeit“, erklärt die 37-Jährige. Treten Probleme auf, muss man den Tunnelvortrieb anpassen. Hier stehen den Verantwortlichen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: Erfolgt der Vortrieb, wie momentan im ­Ump­fental, per Sprengung in sogenannter Spritzbetonbauweise, kann man zum Beispiel die Menge des verwendeten Spritzbetons erhöhen. An der „Ortsbrust“ – also an der Stelle des Tunnels, an der der bergmännische Vortrieb stattfindet – können aber auch spezielle Spieße oder Anker eingebaut werden, um das Gebirge zu halten, erklärt Anna-Maria Meyer.

Die Tätigkeit der Geologen sei sehr verantwortungsvoll, bestätigt die Münchnerin. Schließlich kann es bei einer falschen Beurteilung des Gesteins zu Unfällen mit weitreichenden Folgen für die Mineure kommen, die sich im Berg Stück für Stück vorarbeiten. Doch die 37-Jährige betont: „Man muss nichts alleine entscheiden.“ Ein mögliches Problem löse man immer gemeinsam, unter anderem mit den Bauingenieuren und der Bauüberwachung.

Im Boßlertunnel stoßen Anna-Maria Meyer und ihre Kollegen auf Kalkgestein, unterschiedliche Tonsteine und vor allem auf Mergel – eine Mischung aus Ton- und Kalkgestein. Ab und an fallen ihnen schöne Fossilien, Ammoniten und Belemniten, in die Hände. Einen Hohlraum haben sie bislang auf den Baustellen der Neubaustrecke noch nicht gefunden – sehr zur Freude der Mineure, denn ein solcher müsste vermessen und statisch beurteilt werden und würde den Vortrieb verzögern. Aus Anna-Maria Meyer spricht jedoch die interessierte Wissenschaftlerin, wenn sie schmunzelnd einräumt: „Ich würde mich freuen über einen Hohlraum. So eine Tropfsteinhöhle ist toll und wäre mal etwas anderes als nur Kalkstein.“ Auch Wasser sei im Boßlertunnel Mangelware. Das liege daran, dass die Mergelschicht quasi wasserundurchlässig ist, erklärt die Expertin.

Durch die sogenannte Vorerkundung, die andere Geologen noch vor der Bauphase vorgenommen haben, wissen Anna-Maria Meyer und ihre beiden Kollegen im Prinzip, womit im Gebirge zu rechnen ist. „Die Vorerkundung war sehr genau“, lobt sie. Dennoch gelte es, täglich zu dokumentieren, was tatsächlich vor Ort angetroffen wurde. „Es geht auch um das Soll-Ist-Verhalten.“

Eine weitere Aufgabe der 37-Jährigen und ihrer Kollegen war, die Fläche vor dem Boßlertunnel bei Aichelberg und Weilheim, auf der sich einmal die Neubaustrecke befinden soll, durch Bohrungen zu erkunden. Schließlich ist es wichtig, zu wissen, ob der Boden die spätere Last trägt. Weil dies nicht der Fall gewesen wäre, schlugen die Geologen einen Bodenaustausch und eine -verbesserung vor. So wird die Oberfläche aus Hanglehmen und Hangschuttablagerungen entfernt und Kies eingebaut. Außerdem wird ein Zementbindemittel eingefräst, um den Boden zu stabilisieren.

Geht es vom Portal Aichelberg aus dann so richtig ans Eingemachte – Mitte November frisst sich die 100 Meter lange Tunnelbohrmaschine mit einem Durchmesser von 11,40 Metern in den Berg – sind Anna-Maria Meyer und ihre Kollegen erneut gefragt. Auch dort begutachten sie dann das Ausbruchmaterial, das die riesige Maschine über ein Förderband ausspuckt.

Was sie daran fasziniert? „Beim Tunnelbau ist es einmalig, dass man das Gestein ganz frisch sieht – es ist kein Bewuchs drauf, und es ist nicht verwittert.“ Generell müsse man für die Baustelle schon geboren sein, sagt sie. Aber jede sei anders und habe etwas Besonderes an sich. Großprojekte wie die Neubaustrecke haben es der 37-Jährigen angetan. „Hier kann man jeden Tag die Entwicklung sehen, und wir Geologen erhalten ständig eine direkte Rückmeldung.“

Auf den Baustellen bei Aichelberg, Gruibingen und Hohenstadt ist sie übrigens eine Exotin – schließlich ist sie eine Frau, und in den Tiefen der Schwäbischen Alb sind praktisch ausschließlich Männer anzutreffen. Anna-Maria Meyer stört das nicht. „Meistens komme ich ganz gut gelaunt wieder aus dem Tunnel raus“, erzählt sie.

Seit zwölf Jahren geht sie nun ihrem Beruf nach. In dieser Zeit hat sie unter anderem den Bau mehrerer Tunnel begleitet: Vor Ort war sie beim Bau der Neubaustrecke Ingoldstadt-Nürnberg, eines U-Bahn-Tunnels in Dortmund, der Zulaufstrecke zum Brenner-Basis-Tunnel im Inntal und eines Bahntunnels in Mainz.

Die Angestellte eines baugeologischen Büros in München arbeitet seit eineinhalb Jahren auf beziehungsweise am Fuße der Schwäbischen Alb. Unter der Woche schläft sie in einem kleinen Zimmer in einer Pension in Hohenstadt. An den Wochenenden geht‘s in die Heimat. Ihr Arbeitstag beginnt um 6 in der Früh und endet gegen 18 Uhr. Manchmal ist ihre Tätigkeit anstrengend, aber immer schön, betont sie. Wie lange sie noch hier ist, weiß die 37-Jährige noch nicht so genau – „aber mindestens bis Ende 2016“.