Lokales

Eine kleine, aber „wehrhafte“ Burg

Besichtigungsfahrt der Denkmalstiftung Baden-Württemberg führt unter anderem auf den Reußenstein

Eine besondere Burgführung haben am Samstag Landrat Heinz Eininger und Kreisarchivar Manfred Waßner auf dem Reußenstein geboten. Mitglieder der Denkmalstiftung Baden-Württemberg waren auf Denkmalfahrt und haben sich dabei etliche Objekte angeschaut, die mit Mitteln aus der Stiftung in jüngster Zeit saniert worden waren.

Burgruine Reußenstein, Denkmalbesichtigung mit Kreisarchivar Waßner und Landrat Eininger

Besichtigung der Burgruine Reußenstein nach der Sanierung. Am oberen Bildrand ist der romanische Rundbogen zu erkennen – ein Hinweis auf die einstige Burgkapelle. Foto: Genio Silviani

Neidlingen.  Als Hausherr der Burgruine lobte Landrat Eininger den Ansatz, zu überprüfen, „was mit den Fördermitteln geschehen ist“. Das sei von Zeit zu Zeit ganz gut. Den Reußenstein nannte Heinz Eininger „eine der bedeutendsten Ruinen aus dem Mittelalter hier am Albtrauf“. Wie prägend die Burg für die Landschaft ist, zeige sich inzwischen noch deutlicher, seit der Reußenstein „freigeschnitten“ ist. Etliche Bäume sind gefällt worden, sodass sich die markante Burgruine wesentlich besser von der Umgebung abhebt.

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1964 habe der damalige Landkreis Nürtingen den Reußenstein erworben und saniert. Mittlerweile sei die erneute Sanierung abgeschlossen. An den Gesamtkosten in Höhe von rund 500 000 Euro habe sich die Denkmalstiftung mit 50 000 Euro beteiligt, sagte der Landrat und bedankte sich bei den Besuchern für diese wertvolle Unterstützung. Hinzu kamen Fördergelder aus Landes- und Bundesmitteln, sodass Heinz Eininger feststellte: „Wenn wir alle Sanierungen so gefördert bekämen, würden wir noch viel mehr machen.“

Bei der eigentlichen Burgführung ging auch Kreisarchivar Waßner auf die jüngsten Sanierungsarbeiten ein. Insbesondere bei der Südwand hätten statische Probleme dazu geführt, dass die Mauer vom Zerfall bedroht und daher von außen zu reparieren war. Logistisch sei das sehr aufwendig gewesen – was den Gerüstbau betraf sowie den Materialtransport. Letzterer sei über eine Seilbahn erfolgt.

Andererseits waren es gerade diese logistischen Probleme, denen es zu verdanken ist, dass es die Überreste der mittelalterlichen Burg überhaupt noch gibt. Auch wenn der Reußenstein im Lauf seiner 700-jährigen Geschichte drei Mal erobert wurde, so sei er doch nie militärisch zerstört worden, sagte Manfred Waßner. Die Zerstörung erfolgte durch Zerfall, nachdem die Burg seit Mitte des 16. Jahrhunderts nicht mehr bewohnt war.

Ein Teil der Zerstörungen sei auch auf „Diebstahl von Baumaterial“ zurückzuführen. Allerdings habe eben die Topographie dafür gesorgt, dass nach Aufgabe der Burg nicht zu viele Steine entwendet wurden. Was dagegen nicht mehr aus dem Mittelalter stamme, das sei das Holz: „Die alten Holzbalken sind weggekommen. Was heute an Holz da ist, ist neu.“

Die Logistik war aber auch der Grund, warum der Reußenstein einst bedeutend war und später aufgegeben wurde. Manfred Waßner zufolge diente der Reußenstein zunächst dazu, den Albaufstieg von Weilheim nach Wiesensteig und damit Richtung Ulm zu kontrollieren. Neue Alb­aufstiege wiederum hätten im 16. Jahrhundert dazu geführt, dass die Burg nutzlos geworden war.

Auch wenn der Kreisarchivar die Sage vom Riesen Heim nicht unerwähnt ließ, ging er lieber ernsthaft auf die Bau- und Besitzergeschichte der historischen Burg ein. Erstmals 1301 urkundlich erwähnt, habe die Burg zunächst einmal nur „Stein“ geheißen, nach der Besitzerfamilie Stein aus Kirchheim. Nach dem Verkauf an die verwandte Familie Reuß wurde der „Stein“ dann auch nach diesen zweiten Eigentümern benannt. Am Namen hat sich seither nichts mehr geändert, obwohl die Besitzverhältnisse schon wenig später einen äußerst wechselhaften Verlauf nahmen.

Wem aber die Burg auch immer gehörte, ein wichtiges Recht besaßen die Grafen von Württemberg dauerhaft seit einer Eroberung im Jahr 1388: das Öffnungsrecht. Das bedeutet, dass im Ernstfall die Württemberger jederzeit verlangen konnten, dass die Burg für sie geöffnet werde.

Die Anlage bezeichnete Manfred Waßner als „wehrhaft“. Zu betreten sei die sehr kleine eigentliche mittelalterliche Burg nicht durch ein repräsentatives Tor, sondern bis heute durch einen engen „Schlupf“, durch den man keinesfalls reiten konnte. Eine weitere Besonderheit sei, dass die tatsächliche Burg, also das Innere der Anlage, keinen Hof aufweise: „Man steht gleich im Palas.“ Dieser aber sei durchaus repräsentativ gewesen, vergleichbar mit der Empfangshalle in späteren Renaissance-Schlössern.

Was baulich bis heute zu erkennen ist, das sind die Ansätze von drei Stockwerken, die einst bewohnbar waren. Ganz unten befand sich auch die Küche, was sich an der Kaminaussparung der Ostwand bis heute erkennen lässt. Die Wände seien indessen nicht nur die Wände des Palas gewesen, sondern zugleich die dicken Außenwände der Burg – die Schildmauern. Ganz oben sei noch der Wehrgang gewesen, und nur über diesen Wehrgang habe sich der mächtige Burgfried erreichen lassen.

Noch auf eine weitere Besonderheit verwies der Kreisarchivar: auf die „Madonna vom Reußenstein“, in der Nähe zum Burgfriedzugang. Dort ist an einem romanischen Bogen noch ein Rest der alten Burgkapelle zu erkennen. Bei der „Madonna“ habe es sich um ein Fresko der Kapelle gehandelt, das noch um 1920 gut zu sehen gewesen sein muss. „Vor 30 Jahren war es nur noch zu erahnen, heute sieht man nichts mehr.“ Wind und Wetter haben diese Besonderheit also unwiederbringlich zerstört.

Was der kleinen mittelalterlichen Burganlage fehlte, das waren Räume zur Bewirtschaftung und zur Unterbringung – nicht zuletzt auch zur Unterbringung von Pferden. Dafür habe es eine große Vorburg gegeben, den heutigen Reußensteiner Hof. Die Unterburg dagegen, direkt unterhalb von Burgfried und Palas, stamme nicht aus dem Mittelalter. Wichtig war sie gleichwohl, denn dort habe sich die Zisterne befunden.

Besitzer, wenn auch irgendwann nicht mehr Nutzer der Burg, waren Helfensteiner und Bayern, bevor der Reußenstein 1806 an die Württemberger kam. Weil er aber kein Staatsgut, sondern ein Privatgut war, hat der Landkreis Nürtingen 1964 die Ruine von der württembergischen Hofkammer erworben. Bei soviel Erwähnung der Württemberger konnte sich Manfred Waßner aber einen wichtigen Hinweis auf das Haus Baden nicht verkneifen, das gerade erst sein 900-jähriges Bestehen gefeiert hat. Mit Blick auf die Limburg sagte er: „Das ist die Stammburg der Markgrafen von Baden. Die kommen eigentlich von hier.“ Baden und Württemberg gehören demnach schon sehr lange zusammen. Insofern ist es in jeder Hinsicht sinnvoll, eine „Denkmalstiftung Baden-Württemberg“ zu haben.