Lokales

Einfach anfangen und da sein

Prälat i. R. Martin Klumpp spricht im Kirchheimer Bohnauhaus über den Umgang mit Schmerzen

Prälat i.R. Martin Klumpp im Bohnauhaus beim Vortrag "Der Schmerz - ein natürlicher Teil unseres Lebens? vor 80 sehr aufmerksame
Prälat i.R. Martin Klumpp im Bohnauhaus beim Vortrag "Der Schmerz - ein natürlicher Teil unseres Lebens? vor 80 sehr aufmerksamen, meist weiblichen Zuhörern

Etwa 80 sehr aufmerksame Zuhörer waren zum Thema „Der Schmerz – ein natürlicher Teil unseres Lebens?“ ins Bohnauhaus gekommen. Es waren fast ausschließlich Zuhörerinnen. Ihnen bot Prälat i. R. Martin Klumpp einen gut verständlichen, einfühlsamen und sehr persönlichen Vortrag.

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Peter Dietrich

Kirchheim. Seit drei Jahrzehnten begleitet Klumpp, der Mitbegründer des Stuttgarter Hospizes ist, sterbende und trauernde Menschen. Auch im Ruhestand verbringt er mit ihnen vier bis sechs Abende pro Monat. Dennoch ist ihm das Lachen nicht vergangen. Staunt er doch immer wieder über vieles, zu dem die menschliche Psyche bei der Bewältigung fähig ist. Er erlebt auch immer wieder, was sensibel gewordenen Leidenden an spirituellen Erfahrungen geschenkt wird. „Letztlich kann ein Mensch erst dann sterben, wenn das Sterben sein darf“, sagte Klumpp. Doch die Schmerzen begännen schon viel früher im Leben. Klumpp erlebte sie als Junge in seinen Beinen. „Das kommt vom Wachsen“, hatte ihm seine Mutter gesagt. „Sie hat recht gehabt, das sind Wachstumsprozesse.“ Schmerzen erlebte Klumpp auch nach einer schweren Herzoperation; „Die Zeit des Heilens tut weh.“

Klumpp war auf Einladung der Kirchheimer Arbeitsgemeinschaft Hospiz und des Fördervereins Palliativversorgung für die Kreiskliniken Esslingen nach Kirchheim gekommen. Sterbende, sagte der AG-Hospiz-Vorstand Pfarrer Winfried Hier­lemann, hätten bis zum Schluss ein Recht auf Würde. Sie hätten auch ein Recht darauf, ihre Fragen ehrlich beantwortet zu bekommen.

Klumpp begann mit einer Übersicht verschiedener Schmerzen: Ein Wundschmerz ist lokalisierbar und hoffentlich zeitlich begrenzt. Psychosomatische Schmerzen sind viel schwieriger zu behandeln, denn sie sind nicht genau zu lokalisieren. Da platzt jemandem der Kopf, schnürt es ihm den Hals zu, kann sich einer vor Schmerz nicht mehr bewegen, denkt einer, er hätte alles falsch gemacht. Es gibt den Verlustschmerz, der sich auch in einem ausgelassenen Junggesellenabschied ausdrücken kann.

Es gibt den Schmerz, der den Wandel begleitet, ob in der Pubertät oder beim Übergang in den Ruhestand. Es gibt die Erfolgsdepression des Dirigenten nach einer umjubelten Aufführung. Und es gibt diese Urangst vor dem Fallen, auch beim Sterben, „wenn wir wissen, du kannst nicht mehr kämpfen, du musst dich selbst verlassen“. Im Schmerz, so Klumpp, seien immer medizinische, psychologische, theologische und kulturelle Faktoren vermischt. Deshalb solle der Schmerz in der Hospizarbeit ganzheitlich betrachtet werden.

Wie wurde in unterschiedlichen Kulturen mit Schmerz umgegangen? „In der Antike galt das Ideal, gelassen zu bleiben, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. In der antiken Kunst sollte der Schmerz nicht dargestellt werden.“ Im Judentum hingegen wird der Schmerz in allen Formen beschrieben. „Man hat erkannt, dass Schmerz leichter wird, wenn man ihn aussprechen kann.“ Das geschah in durchaus drastischen Worten: „Meine Wunden stinken und eitern“, klagt ein Leidender in Psalm 38, der an seinem Leib „nichts Gesundes“ mehr findet.

Das Buch Hiob, so Klumpp weiter, zeige deutlich: Es sei erlaubt, sich im Leid gegen Gott aufzulehnen. „Es gibt diesen Schmerz-Schuld-Zusammenhang nicht.“ Auch im Neuen Testament bei Jesus nicht: Ob dieser Behinderte da oder sein Vater gesündigt habe, fragen ihn die Menschen, Jesus lehnt diese Frage ganz klar ab. Im Mittelalter folgte eine fast übertriebene Schmerztheologie, das Erleiden des Schmerzes wurde als heiliges Werk verstanden. Heute hingegen werde der Schmerz tabuisiert. „Er darf nicht sein, alles muss machbar sein. Die logische Folge ist dann die aktive Sterbehilfe.“

Von Hiobs Freunden wird berichtet, sie hätten sich mit Hiob auf den Boden gesetzt und gar nichts gesagt. Zu einer solchen Zuwendung forderte Klumpp die Zuhörer auf. „Ich muss gar nicht denken, ich muss es doch können, ich muss einfach anfangen und da sein.“ Gleichzeitig sei wichtig, sich nicht für den anderen zu halten: „Er stirbt oder leidet, nicht ich.“

Manchmal helfe es, riet Klumpp, die Stelle zu berühren, an der es wehtut, oder den Schmerz beim Zahnarzt in sich aufzusaugen. Auch Meditation sei eine Möglichkeit, „mich mit meinem Schmerz in Gott zu fügen“. Eine von Arzt und Patient gemeinsam abgestimmte medikamentöse Schmerztherapie ist für Klumpp „ein Kunstwerk“.

Klumpp beschrieb mehrere Phasen im Umgang mit Schmerz: zuerst die Schockreaktion, wenn sich etwa jemand bei einer Diagnose des Arztes im falschen Film vermutet. Dieser Schock sei ein Puffer vor der Seele. „Er hält so lange an, wie unsere Psyche ihn braucht.“ Beim Verlust eines Menschen hole sich die Psyche dann alles wieder her, was uns verloren ging. Das nochmalige Durchleben unerledigter Dinge könne ein Gericht sein: „Indem es nochmals aufgerufen wird, kann es in Ordnung kommen. Es darf so gewesen sein.“

Nach über zwei Stunden Vortrag und Diskussion schloss Klumpp den Abend mit hoffnungsvollen Worten: „In jeder Heilung ist für mich die Kraft der Auferstehung präsent.“