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„Einmal Pfadfinder – immer Pfadfinder“

60 Jahre nach der Gründung der ersten EMP-Gruppe im Altkreis Nürtingen treffen sich die Mädchen von damals zum Jubiläum

„Einmal Pfadfinder – immer Pfadfinder“
„Einmal Pfadfinder – immer Pfadfinder“

Kirchheim. „Gut Pfad“ und „allzeit bereit“: Unter diesen beiden Mottos treffen sich am kommenden Samstag einstige Pfadfinderinnen aus der

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näheren Umgebung. Grund für das Treffen ist ein besonderer Jahrestag: 1954 war in Wendlingen die erste Gruppe des Evangelischen Mädchenpfadfinderbunds (EMP) im gesamten Altkreis Nürtingen gegründet worden. Von Wendlingen aus verbreitete sich die Idee der Mädchenpfadfinderscharen rasch in die umliegenden Städte und Gemeinden. Kirchheim folgte bereits 1955.

Am Samstag treffen sich aber nicht etwa irgendwelche „Nachgeborenen“, sondern fast durchweg „Mädchen der ersten Stunde“. Sie alle kamen in den Anfangsjahren der Bewegung im Altkreis Nürtingen zur EMP. Vieles hat sich seit damals grundlegend geändert. Wenn die „Mädchen“ 60 Jahre später beispielsweise erzählen, dass sie ihre Pfadfindertracht selbst genäht haben, dann wundern sie sich selbst über den Wandel der Zeiten. „16-jährige Mädchen haben da genäht. Das war Thema an einem Scharabend. Wir hatten lediglich ein Schnittmuster“, erinnert sich Doris Wiedenmann beim Pressegespräch, zu dem sie gemeinsam mit Elisabeth Leuze sowie einer Menge an Fotos und Erinnerungen erschienen ist.

Elisabeth Leuze war diejenige, die die Pfadfinderinnen-Bewegung im damaligen Kreis Nürtingen etabliert hat. 1953 hatte sie erstmals von der EMP gehört und war nach der Teilnahme an einem 14-tägigen Pfadfinderinnenlager vollauf begeistert – vor allem von der Selbständigkeit und von der Freiheit, die sich den jungen Pfadfinderinnen wenige Jahre nach Kriegsende eröffnete.

Schnell fand die Wendlinger Pfarrerstochter, die damals noch Elisabeth Fischle hieß und alsbald einen Lehrgang als „geprüfte Pfadfinderführerin“ abgeschlossen hatte, Gleichgesinnte: „Zu siebt haben wir in Wendlingen angefangen.“

Mit Doris Wiedenmann war Elisabeth Fischle damals in der gleichen Klasse. Was heutzutage mehr als kurios anmutet: Beide Mädchen gingen in die Kirchheimer „Oberschule für Jungen“. Nichtsdestotrotz sorgte diese Verbindung dafür, dass es kurz darauf auch in Kirchheim eine schnell wachsende Schar von Mädchen gab, die sich in der EMP trafen.

„Wir haben in Kirchheim gleich drei Gruppen gebildet“, erzählt Doris Wiedenmann. Die Gruppen hatten sich vorbildliche Frauen der Geschichte zur Namenspatronin gewählt: Die Gruppe der Ältesten hatte sich nach Herzogin Henriette benannt, die der Jüngsten nach Franziska von Hohenheim. Die mittlere Gruppe wählte den Prototyp der evangelischen Pfarrersfrau zur Namensgeberin: Katharina von Bora.

Zum Pfadfinderinnen-Alltag gehörte eine feste Ordnung, die sich aber trotz aller Struktur deutlich von der organisierten Jugenderziehung im „Dritten Reich“ unterscheiden sollte – in erster Linie durch selbständiges Denken. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal war auch die Orientierung am christlichen Glauben. Im Zentrum der „Verkündigung“ stand Elisabeth Leuze zufolge die Bergpredigt. „Einander helfen, füreinander einstehen, gut miteinander umgehen, das war wichtig.“ Passend dazu ergänzt Doris Wiedenmann: „Unser Haupttext war der barmherzige Samariter.“

Die Barmherzigkeit bezog sich aber nicht nur auf die Mitmenschen, sondern auf die gesamte Schöpfung. „Schützt Tiere und Pflanzen“ hieß eine der Devisen. Die Mädchen haben ein „Naturtagebuch“ geführt und waren somit eigentlich schon vor 60 Jahren „Vorreiter der Ökobewegung“, wie Doris Wiedenmann nachträglich feststellt. Zur Aufnahmeprüfung in die Pfadfinderinnenschar gehörte naturgemäß auch die Kategorie „Orientieren im Raum“. Feuermachen, Zelte und Jurten aufstellen, sogar die Strohsäcke zum Übernachten auf Wanderungen selbst füllen – das alles war für die Mädchen damals eine Selbstverständlichkeit.

Auch die Musik hatte einen großen Stellenwert, sei es beim Singen zur Gitarre am Lagerfeuer oder beim Landestreffen, das bereits 1956 in Kirchheim stattfand: Doris Wiedenmann spielte damals in einem kleinen Orchester mit, das nur aus Pfadfinderinnen bestand. Unter anderem stand ein Stück aus Händels „Wassermusik“ auf dem Programm.

Die Dienste an Mitmenschen – vor allem in der Kirchengemeinde – beinhalteten das Austragen des Gemeindeblatts, das Schmücken des Altars, das Glockenläuten, aber auch den sonntäglichen Besuch bei Kindern der Paulinenpflege oder – zumindest in Wendlingen – das Singen im „Leichenchor“. Elisabeth Leuze sagt: „Durch diese Sozialisation gilt es für uns heute noch, allzeit bereit und für andere da zu sein.“

Zu den drei Pflichten der Pfadfinderinnen, deren Symbol ein dreiblättriges Kleeblatt war, gehörte die Pflicht gegenüber Gott, die Pflicht gegenüber Dritten, aber auch die Pflicht gegenüber sich selbst. Auch wenn es die EMP in Kirchheim längst nicht mehr gibt und wenn sie in Wendlingen 1973 mit der CP fusionierte, werden die 25 alten Pfadfinderinnen, die sich zum Jubiläumstreffen angemeldet haben, am Samstag sicher allen drei Pflichten in gleicher Weise nachkommen. Schließlich gilt für sie auch im Jahr 2014 noch: „Einmal Pfadfinder – immer Pfadfinder.“