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Einst „ratterte das Vehikel mit Getöse“

Günther Erb hat sich mit der Automobilgeschichte in Kirchheims Oberer Vorstadt auseinandergesetzt

Der Owener beziehungsweise Kirchheimer Fabrikant Erich Gutekunst bei einer Ausfahrt, wahrscheinlich in Begleitung seiner beiden
Der Owener beziehungsweise Kirchheimer Fabrikant Erich Gutekunst bei einer Ausfahrt, wahrscheinlich in Begleitung seiner beiden Töchter. Die Aufnahme kann frühestens 1929 entstanden sein, weil das Fahrzeug - ein Mercedes-Benz „Nürburg“ - 1928 erstmals in Paris vorgestellt worden war. Foto: privat

Kirchheim. Innerhalb von drei Generationen hat das Automobil die Gesellschaft und den Alltag vollständig verwandelt. Während das Auto inzwischen längst nicht mehr aus dem Straßenbild wegzudenken ist, war es noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein seltener Anblick. Die Menschen betrachteten es mit Skepsis und Argwohn. Günther Erb hat sich jetzt intensiv mit den Anfängen der Automobilgeschichte in Kirchheim befasst und zu diesem Thema auch bereits einen Vortrag für das Nachbarschaftsnetzwerk „Obere Vorstadt“ gehalten.

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Er hat bei seinen Recherchen viele Gespräche mit Kirchheimern geführt – häufig mit den Nachkommen der ersten Automobilbesitzer. Wichtige Aufschlüsse hat ihm aber auch ein Teckboten-Artikel vom 4. März 1970 gegeben, in dem unter anderem „ein alter Kirchheimer“ zu Wort kommt. Wer sich genau hinter diesem Zeitzeugen verbarg, lässt sich heute nicht mehr so einfach herausfinden. Er dürfte aber noch vor 1900 geboren sein, und er hatte auch Jahrzehnte später noch so manches Erlebnis mit den Ungetümen lebhaft vor Augen.

„Wer heute 70 Jahre und älter ist“, sagte er vor ziemlich genau 44 Jahren, „der erinnert sich noch sehr deutlich, wie er in seinen Jugendjahren die ersten Automobile bestaunte, die zwischen 1900 und 1910 in den Straßen unserer Stadt auftauchten.“ Er selbst hat damals wohl weder zu den Autofahrern gehört – weil er noch zu jung war –, noch zu den Familien, die überhaupt ein Auto hatten: Während heute, wie Günther Erb ausführt, „fast jede Familie ein, zwei oder gar drei Autos besitzt“, gab es kurz vor dem Ersten Weltkrieg im gesamten Oberamt Kirchheim gerade einmal neun Kraftfahrzeugbesitzer.

Der „alte Kirchheimer“ jedenfalls erinnert sich weiter an diese Zeit, in der jedes einzelne Kraftfahrzeug ungefähr so viel Aufsehen erregt haben muss wie heute vielleicht ein Rolls Royce: „Es war immer besonders interessant, wenn man als Junge einem der damals noch seltenen Autofahrer zusehen konnte, wie er sich mit der Kurbel abmühte, um den Motor anzuwerfen. War es dann soweit, dann ratterte das Vehikel davon mit ziemlichem Getöse, wenn auch nicht mit der Geschwindigkeit, die wir vom heutigen Auto gewöhnt sind.“

Ganz am Anfang der Geschichte des Benzinmotors als Antrieb für Fortbewegungsmittel spielt sogar Kirchheim eine wichtige Rolle: Im Juli 1887 wurde die „Daimler Motor-Draisine“ erprobt – ein Schienenfahrzeug, das sich optisch nicht stark von den allerersten Benzinkutschen für den Straßenverkehr unterscheidet. Die Draisine war damals zwischen Esslingen und Kirchheim unterwegs, sagt Günther Erb und fügt eine Vermutung an, die natürlich naheliegt: „Es ist durchaus möglich, dass Gottlieb Daimler einmal mit von der Partie war, oder auch Wilhelm Maybach.“ Zwei der wichtigsten Autopioniere überhaupt hätten also schon mit einer Art Motorkutsche nach Kirchheim fahren können – auf einer Schienenstrecke, die erst 122 Jahre später erstmals von der S-Bahn an einem Stück bewältigt wurde.

Doch zurück zum „alten Kirchheimer“ von 1970 und seinen Erinnerungen an die ersten Automobilisten: „Das erste autoähnliche Fahrzeug, das in unserer Gegend stationiert war, war ein Dreirad, das Fabrikant Gutekunst, damals in Owen, 1902 oder 1903 anschaffte und das einige Jahre später durch einen Adler-Wagen ersetzt wurde.“ Außerdem heißt es in dem Artikel von 1970, dass gerade dieser Kraftfahrer „noch in lebhafter Erinnerung“ sei: „Erich Gutekunst, dessen Hobby zu allen Zeiten war, mit dem Auto durch die Gegend zu brausen, möglichst mit modernsten, hochwertigen Wagen.“

Letzteres zeigt auch die vorliegende Aufnahme, auf der Erich Gutekunst „mit zwei hübschen jungen Damen“ zu sehen ist, wie Günther Erb das Bild beschreibt. Wer die Damen sind, lässt sich nicht ganz genau sagen. Aber Günther Erb stellt die Mutmaßung an, dass es sich um Erich Gutekunsts Töchter Erika und Irmgard handelt. Das würde auch deshalb passen, weil das Alter dieser Töchter um 1930 – als das Foto entstanden sein dürfte – bei Anfang bis Mitte 20 lag. Der Mercedes-Benz „Typ Nürburg“ war im Herbst 1928 gerade erst auf der Automobilmesse in Paris vorgestellt worden und gehörte mit Sicherheit zu jenen „modernsten, hochwertigen Wagen“.

In gewisser Weise war damals ohnehin jeder Wagen modern und hochwertig. Deshalb ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass unter den sechs frühesten bekannten Autobesitzern Kirchheims, die Günther Erb aufzählt, in erster Linie Fabrikanten waren: „Erich Gutekunst, Schrauben und Genauzieherei; Max Weise, Flanschen; Eugen Faber, Buntweberei; Paul Kohler, Schieferwarenfabrikant; Emil Ruppmann, Schornsteinfegermeister; Wilhelm Grimm, Installateur“. Der einzige, der in dieser Liste aus dem Rahmen zu fallen scheint, ist der Schornsteinfegermeister, bei dem Günther Erb nur vermuten kann, dass seine Arbeit „offenbar so viel abgeworfen hat, dass er sich ein teures Auto leisten konnte.“

Wilhelm Grimm gehörte damals als Installateur zwar ebenfalls noch nicht in die Fabrikantenriege, aber das sollte sich nach dem Ersten Weltkrieg ändern. Zunächst allerdings bezeichnet ihn Günther Erb noch als „begeisterten Autofahrer und Tüftler“. In seinem Installationsgeschäft habe er unter anderem Glühlampen, Treibriemen, Gartenschläuche oder Spritzrohre verkauft, und außerdem sei er wohl einer der ersten, wenn nicht gar der erste überhaupt gewesen, „der in Kirchheim Autoreparaturen durchführte“.

Wilhelm Grimm war auf jeden Fall sehr eng mit dem Automobil verbunden. Im Ersten Weltkrieg war er Günther Erb zufolge unter anderem als Auto-Kurierfahrer eingesetzt. Und noch in Kriegszeiten sorgte er an seinem Fahrzeug für eine Neuerung, die wohl längst noch nicht zur Serienausstattung gehörte. Im besagten Teckboten-Artikel von 1970 heißt es nämlich: Wilhelm Grimm „war es auch, der 1917 sein Auto mit den weit und breit noch nicht bekannten ersten elektrischen Scheinwerfern ausrüstete, über die vor allem der damalige Polizeiwachtmeister Junginger entsetzt war, als Wilhelm Grimm nach Einbruch der Dunkelheit mit seinem Auto durch die Straßen der Stadt fuhr. Junginger warf die Frage auf, ob es zu gestatten sei, mit einer so hellen Beleuchtung zu fahren, durch die man geradezu geblendet würde.“ Aus heutiger Sicht ist es sicher besser, mit zu hellem Licht zu fahren als gänzlich ohne.

Auch seinen Betrieb richtete Wilhelm Grimm nach dem Ersten Weltkrieg noch stärker auf das Automobil aus. Günther Erb sagt dazu: „Er begnügte sich jetzt nicht mehr nur mit dem Elektrohandel, sondern gründete einen Fabrikbetrieb, die Firma Apparatebau Kirchheim, kurz AK genannt. Gegenstand des Unternehmens war die Produktion von elektrischen Schaltern für die Automobilindustrie. Aus dem Handwerksbetrieb wurde eine Fabrik und aus dem Handwerker ein Fabrikant.“ Wilhelm Grimm gehörte somit zu den frühen Automobilzulieferern im „Ländle“.

Nicht alle Autobesitzer machten es wie Erich Gutekunst oder Wilhelm Grimm und saßen selbst am Steuer ihrer Fahrzeuge. Das Steuern der Automobile war über lange Zeit hinweg vor allem Aufgabe von angestellten Chauffeuren, die als moderne Kutscher agierten. So bezeichnet Günther Erb das erste Automobil der Familie Weise denn auch als „ein Herrschaftsfahrzeug mit viel Ähnlichkeit zur Kutsche: Hinten unter verstellbarem Verdeck saßen die Herrschaften auf weichen Polstern, und vorne, hoch auf dem Bock und getrennt durch eine Scheibe, steuerte der Fahrer das Mobil.“ – Kutschen waren übrigens noch lange parallel zum Automobil im Einsatz. Speziell beim Lastentransport war es noch bis in die 1950er-Jahre hinein in Kirchheim üblich, statt mit Lastkraftwagen mit Pferdefuhrwerken unterwegs zu sein. So hat es Günther Erb von vielen Zeitzeugen immer wieder gehört.

Zur Geschichte des Automobils, die nach Aussage von Günther Erb in der Geschichtsschreibung bislang noch stark vernachlässigt ist, gehört natürlich auch die Geschichte der Autowerkstätten, der Automobilzulieferer oder der Tankstellen. Das alles musste sich ja erst langsam entwickeln – denn am Anfang war das Auto, und erst nach und nach entstand die dazugehörige Infrastruktur.

Speziell für die Dettinger Vorstadt in Kirchheim hat Günther Erb deshalb die Entwicklung der Autowerkstätten untersucht, die eben auch Tankstellen waren und aus denen später Autohäuser hervorgingen. Die meisten dieser Werkstätten reparierten und verkauften nicht nur Autos: Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg „waren noch Fahrräder, Nähmaschinen und Motorräder im Angebot“.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, was Günther Erb als Zusatzinformation von einem der Autohäuser zu berichten hat, die ihren Anfang in der Oberen Vorstadt genommen haben. Die Kunden wurden nämlich vom Firmengründer und seiner Frau persönlich angeleitet: „Anfangs erteilte Karl Russ auch noch Fahrunterricht, damit die Käufer mit ihrem neu erworbenen Auto auch fahren konnten.“ Und zur Bedeutung der Frauen in diesen jungen Betrieben ergänzt Günther Erb, nahezu gleichlautend: „Käthe Russ führte die Bücher und schrieb die Rechnungen. Außerdem erteilte sie Nähunterricht, damit die Nähmaschinenkäuferinnen auch nähen konnten.“

In einem anderem Teilbereich der Automobilbranche scheint übrigens die Hochphase längst überschritten zu sein, zumindest was die Anzahl der Betriebe betrifft: Viele kleinere Tankstellen sind verschwunden. Die Freien Tankstellen mussten weitgehend den konzerngebundenen Platz machen. Das zeigt sich auch in der Oberen Vorstadt: Dort ist kaum eine Tankstelle übriggeblieben. In ganz Kirchheim, einschließlich Ötlingen und Jesingen, waren es Günther Erb zufolge einmal 48. Heute gibt es nicht einmal mehr ein Dutzend.

Die allerersten Kraftstoffversorger waren die Apotheken – so viel dürfte auch durch die Pionierfahrt von Bertha Benz bekannt sein. Einst gab es nur dort Benzin zu kaufen. Deswegen stellte der Teckbote 1970 in seiner Überschrift fest: „Der Tankwart war akademisch gebildet“. Im Artikel wird das dann folgendermaßen erklärt: „Die Aufgabe des Tankstelleninhabers, der für Benzin und Öl sorgte, hatte der Apotheker Dr. Kleesattel in Kirchheim übernommen.“