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Er ist dann mal weg

Grünen-Bundestagskandidat Matthias Gastel liebt es, mobil zu sein

Matthias Gastel an seinem Lieblingsort, dem Steinbruch des Naturschutzzentrums Schopflocher Alb.Foto: Jean-Luc Jacques

Matthias Gastel an seinem Lieblingsort, dem Steinbruch des Naturschutzzentrums Schopflocher Alb.Foto: Jean-Luc Jacques

Stehen bleiben, das ist nicht sein Ding. Weder beruflich, noch privat, noch in der Politik. Sicherheit war ihm schon immer relativ egal. Matthias Gastel ist einer,

der sich ausprobieren will, seinen Horizont erweitern, immer wieder aufbrechen zu neuen Ufern. Das nächste Ziel hat er schon fest im Blick: Berlin.

Der Filderstädter, der im Wahlkreis Nürtingen für Bündnis 90/Die Grünen antritt, hat einen verheißungsvollen Listenplatz ergattert. Mit Platz zehn ist ihm am 22. September der Einzug in den Deutschen Bundestag so gut wie sicher. Trotzdem wird er natürlich kämpfen, so wie sich das vor einer Wahl gehört. „Ich habe im Wahlkreis allein 19 Podiumsdiskussionen“, sagt Matthias Gastel. Hinzu kommen Veranstaltungen mit prominenten Grünen wie Winfried ­Kretschmann und Cem Özdemir. Und natürlich wird Matthias Gastel unterwegs sein. „Ich werde zweimal drei Tage durch den Wahlkreis wandern, um ihn zu Fuß besser kennenzulernen“, sagt er.

Mobilität ist ein großes Thema in Matthias Gastels Leben. Die Ferien seiner Kindheit hat er im Wohnwagen auf der Schwäbischen Alb verbracht. Dort kraxelte er in der Bären- und der Nebelhöhle herum, baute Lägerle, kletterte auf Felsen und unternahm mit den Eltern viele Wanderungen. „Ich war schon immer ein Draußen-Mensch“, sagt Matthias Gastel. Bis heute würde er einen Wanderurlaub auf der Alb einer Reise nach Mallorca jederzeit vorziehen. Zur Alb hat der Grüne, der Mitglied im Schwäbischen Albverein ist, ohnehin ein besonderes Verhältnis. Deshalb findet das Interview an seinem Lieblingsort im Wahlkreis, dem Steinbruch beim Naturschutzzentrum Schopflocher Alb, statt – inmitten von Felsen, Blumen und Holunderbüschen. „Für mich repräsentiert dieser Ort die Alb wie kein anderer“, sagt er.

Zum Interview ist Matthias Gastel ausnahmsweise mit dem Auto erschienen. Die Zeit ist knapp, nach dem Interview wartet gleich der nächste Termin. Allerdings gehört ihm das Auto nicht, er hat es sich ausgeliehen. Meistens ist Matthias Gastel mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, zu Hause in Filderstadt fährt er mit dem Rad. „Es kostet mich keine große Überwindung, weil ich es nicht anders kenne“, sagt Matthias Gastel. „Wenn die Verlockung vor der Tür steht, ist das natürlich etwas anderes.“

Das Thema Verkehrswende liegt dem Kandidaten am Herzen, weil es für ihn untrennbar mit der Energiewende verbunden ist. Viel Potenzial sieht er in der Elektromobilität, der man allerdings noch unter die Arme greifen müsse. „Wir brauchen bessere Zusammenarbeit in der Forschung, und natürlich auch mehr öffentliche Gelder“, findet Matthias Gastel. Außerdem müssten die Kommunen darüber nachdenken, ob sie ihre Fuhrparks nicht teilweise mit Elektro-Autos bestücken können. „Bei der Müllabfuhr würde sich das beispielsweise anbieten.“

Zu seiner Partei hat ihn nicht der Naturschutz geführt, sondern die Sorge um den Frieden in der Welt. „Als ich elf Jahre alt war, habe ich die Debatte über den NATO-Doppelbeschluss im Fernsehen gesehen und war entsetzt“, erinnert sich Matthias Gastel. Aufgelöst und empört sei er damals gewesen, dass ein Parlament die Stationierung von Atomraketen in Deutschland beschließt. Das Thema ließ Matthias Gastel nicht mehr los: Mit 15 Jahren kam er über die Evangelische Jugend zur Friedensbewegung. Ältere Jugendliche nahmen ihn zu Friedensmärschen in die Waldheide und nach Mutlangen mit.

Als er 18 Jahre alt war, trat er der Partei bei, die damals wie keine andere im Deutschen Bundestag für Pazifismus stand: den Grünen. Er war Mitbegründer der grünen Jugendorganisation in Baden-Württemberg, der „Grün-Alternativen Jugend“ und engagierte sich drei Jahre lang im Landesvorstand, bis sich die Organisation etabliert hatte. Später zog es ihn in die Kommunalpolitik. Seit 1994 sitzt Matthias Gastel für die Grünen im Filderstädter Gemeinderat, seit 1999 im Kreistag.

„An den Grünen mag ich, dass die Partei sich für Themen stark macht, für die es keine unmittelbaren Wählerstimmen gibt“, sagt Matthias Gastel. „Die Natur hat keine Stimme, und wir setzen uns trotzdem für sie ein“. Außerdem würden die Grünen für ihn immer wieder Forderungen stellen, die zwar unbequem, aber deshalb nicht weniger richtig seien. Als Beispiele nennt Gastel die Ökosteuer und die aktuelle Steuerpolitik. So viel zu den Stärken. Und was könnte noch besser werden? „Die Grünen sollten noch stärker Wirtschaftsthemen besetzen“, findet Gastel.

Dass Matthias Gastel einer ist, der Veränderungen mag, lässt sich auch an seinem Lebenslauf ablesen. Seine schulische und seine berufliche Laufbahn sind alles andere als geradlinig: Nach dem Realschulabschluss in Filderstadt, absolvierte Gastel eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann, bevor er über seinen Zivildienst in einem Kinderheim auf die Idee kam, Sozialpädagogik zu studieren. Um seinen Traum zu verwirklichen, holte er in Nürtingen die Fachhochschulreife nach. Weil er nicht sofort einen Studienplatz ergattern konnte, überbrückte er die Wartezeit mit einer einjährigen Ausbildung zum Altenpflegehelfer.

Nach dem Studium in Reutlingen arbeitete der Grüne zehn Jahre lang bei der Stiftung Jugendhilfe in Stuttgart auf einer Wohngruppe. Matthias Gastel wäre aber nicht Matthias Gastel, wenn er während dieser Zeit nicht schon wieder einen Schritt weiter gedacht hätte. In seiner Freizeit absolvierte er ein BWL-Fernstudium und machte sich anschließend mit einem Unternehmen selbstständig, das damals seinesgleichen suchte: Einer Zeitarbeitsvermittlung für Fachkräfte im sozialen Bereich. „Ich habe Erzieherinnen, Pflegefachkräfte und Fachkräfte im Bereich der Behindertenhilfe beschäftigt und vermittelt. In den besten Zeiten hatte ich 35 Zeitarbeitsbeschäftigte“, erinnert sich Matthias Gastel. Seine Arbeitskräfte waren bei den Einrichtungen beliebt, „ich hatte eine hohe Übernahmequote“. Er habe das unterstützt, obwohl es ihm eigentlich geschadet habe. Schließlich habe er sich permanent um Ersatz kümmern müssen. „Aber im Herzen bin ich halt immer Sozialpädagoge geblieben“, meint Gastel.

Nach sechs Jahren hatte er wieder Lust auf etwas Neues. 2012 gab er seine Firma ab und begann, als Wirtschaftsmediator zu arbeiten. Die Ausbildung hatte er – wie nicht anders zu erwarten – berufsbegleitend absolviert. „Ein Wirtschaftsmediator versucht durch Schlichtung ein Gerichtsverfahren zu vermeiden, zum Beispiel, wenn es Streit zwischen einem Handwerksbetrieb und einem Kunden gibt“, erklärt Matthias Gastel. Seit er von seiner Partei als Kandidat für die Bundestagswahl nominiert worden ist, hat er seine Tätigkeit als Wirtschaftsmediator jedoch „ganz massiv zurückgefahren“. „Ich habe im vergangenen Jahr sehr viel gleichzeitig gemacht: Die Wirtschaftsmediation, das Auslaufen meiner Zeitarbeitsfirma. Außerdem war ich noch Praxislehrer in der Ausbildung von Erzieherinnen und habe stundenweise in einem Kindergarten gearbeitet“, sagt Matthias Gastel. In den nächsten Wochen will er sich ganz auf den Wahlkampf konzentrieren. Wenn alles nach Plan läuft, steht am 22. September die nächste Station in seinem Leben fest.

Der Mensch auf einen Blick

Geburtsjahr/-ort: 1970 in Stuttgart Familienstand: Ledig Hobbys: Rad fahren, Joggen, draußen in der Natur unterwegs sein Lieblingsbuch: Biografien; nach der Lektüre mehrerer Tageszeitungen bleibt dafür aber kaum Zeit Lieblingsgericht: Nudelgerichte, Pizza, Fisch, Salate, Beeren, und Desserts Traumlandschaften: Schwäbische Alb, Hohenlohe und Bodensee Vorbild: Niemand Berufswunsch als Kind: Bergsteiger und Höhlenforscher Traum fürs Alter: Noch sehr lange arbeiten können, aber nicht mehr müssen.

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