Lokales

„Er lag verwundet zwischen den Linien“

Was über das Schicksal des Notzinger Soldaten Hermann Niefer im Ersten Weltkrieg noch bekannt ist

Ein Foto aus dem Lazarett, August 1915: Der junge Soldat Hermann Niefer aus Notzingen (im vorderen Bett links) hat ein Bein ampu
Ein Foto aus dem Lazarett, August 1915: Der junge Soldat Hermann Niefer aus Notzingen (im vorderen Bett links) hat ein Bein amputiert bekommen und schreibt an seinen Onkel nach Kirchheim: „Geht mir ordentlich. Kann mir jetzt an den Krücken Bewegung schaffen.“Foto: privat

Notzingen. Zu unserem Leseraufruf vom Jahresanfang, Geschichten zu erzählen, die mit Kirchheim und Umgebung zu tun haben und die

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sich in den Jahren 1914 bis 1918, also im Ersten Weltkrieg, abspielten, hat es schon etliche interessante Rückmeldungen gegeben. Bis jetzt überwiegen allerdings schriftliche Überlieferungen. Die mündliche Weitergabe von Erlebnissen oder Geschehnissen war wohl nicht so üblich. Vielleicht haben sich diese Geschichten aber auch deshalb nicht erhalten, weil sie tatsächlich schon hundert Jahre zurückliegen und weil sie ein Vierteljahrhundert später von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs überlagert wurden. Vielleicht kommt aber auch noch der eine oder andere Bericht von mündlichen Überlieferungen.

Heute soll es um eine Mischung von schriftlichen und mündlichen Quellen gehen. Diese Mischung sagt ebenfalls einiges aus über die Art, wie die Erinnerungen in einer Familie bewahrt und weitergegeben werden konnten: Hermann Niefer – langjähriger „Hirsch-Wirt“ aus Notzingen, Bruder des einstigen Mercedes-Vorstandsvorsitzenden Werner Niefer, und mittlerweile 90 Jahre alt  –, hat vor wenigen Tagen eine kleine Sammlung von Bildern, Karten, Zeitungsausschnitten und Medaillen in der Teckboten-Redaktion vorbeigebracht. Und dazu hat er erzählt, was er von seinem Vater weiß. Das heißt allerdings, dass er mehr „über“ seinen Vater weiß als wirklich „von“ ihm. „Erzählt hat er nicht viel vom Krieg“, sagt Hermann Niefer über seinen Vater, der ebenfalls Hermann hieß.

Für den Notzinger Hermann Niefer senior (Jahrgang 1893) war der Erste Weltkrieg jedenfalls schneller zu Ende als für viele andere seiner Alterskameraden: Er hatte das Pech, sich schon sehr früh eine schwerwiegende Verwundung zuzuziehen. Die Verletzung machte einen weiteren Kriegseinsatz unmöglich und sollte ihn sein ganzes Leben lang prägen: Ihm wurde ein Bein amputiert. Darüber kann der Sohn heute noch aus eigener Anschauung berichten: „Er hat immer wieder starke Phantomschmerzen am fehlenden Fuß gehabt. Da hat er sich gebogen vor Schmerz, wenn das passiert ist.“

Trotz allem aber waren die Verletzung und die Bein-Amputation vielleicht ein ganz großes Glück für den jungen Weltkriegssoldaten Hermann Niefer senior. Wer weiß schon, wie es ihm in vier weiteren Kriegsjahren ergangen wäre? Es ist gut möglich, dass er den Krieg nur deshalb überlebt hat, weil er nicht mehr zurück an die Front musste. Gegen Kriegsende, 1917, hat der Gastwirt und Bäcker stattdessen seine Meisterprüfung im Bäckerhandwerk abgelegt.

Allerdings stellt Hermann Niefer junior fest, dass sein Vater auch unglaubliches Glück brauchte – und das gleich mehrfach –, um die Verwundung zu überleben. „Er lag verwundet zwischen den Linien, und da konnten sie ihn lange nicht holen“, erzählt der Sohn. „Erst als es Nacht war, hat ihn einer geholt.“ Dieser Lebensretter stammte „aus der Ebinger Gegend“ und war nach dem Krieg sogar zwei Mal zu Besuch in Notzingen. „Da war ich aber noch ein kleiner Kerle“, sagt der Sohn und erklärt damit, warum er sich kaum an den Mann erinnern kann, der seinen schwerverletzten Vater vor nahezu hundert Jahren in Sicherheit gebracht hatte.

Mit der Ankunft im Lazarett war nicht etwa das Schlimmste überstanden. Dem Vater hätte auch dort noch so einiges zustoßen können. Hermann Niefer junior hat nämlich ein über hundert Seiten starkes Heft aus dem Jahr 1936 ausgewertet: das „Toten-Buch des Zehnten Württembergischen Infanterie-Regiments Nr. 180“. Diesem Regiment, das in Tübingen stationiert war, hatte sein Vater schon vor Kriegsausbruch angehört. „Auffällig“ findet Hermann Niefer heute, dass sehr viele Soldaten, deren Namen in dem Heft stehen, erst im Lazarett gestorben sind.

Was ihm auch aufgefallen ist, sind verhältnismäßig viele „hohe Offiziere“, die das „Toten-Buch“ bereits für August und September 1914 verzeichnet. Und eine Beispielgeschichte dafür, wie es in den Anfangstagen des Ersten Weltkriegs zuging, hat Hermann Niefer auch gleich parat: „Da ist man noch mit fliegenden Fahnen in die Schlacht gezogen. Wurde ein Fahnenträger erschossen, dann hat sich gleich der nächste die Fahne genommen.“ Die Geschichte stammt ebenfalls aus dem „Toten-Buch“. Zugetragen hat sie sich am 9. August 1914 bei Markirch im Elsass – französisch Sainte-Marie-aux-Mines. Ein Sergeant und ein Unteroffizier sind mit der Fahne in der Hand gestorben. Als weitere Fahnenträger sind ein Gefreiter und ein Musketier genannt, die die Fahne schließlich in Sicherheit brachten. 20 Schusslöcher hat die Fahne demnach aufgewiesen.

Hermann Niefer muss dieses Gefecht selbst miterlebt haben. „Da ist er aber noch so davongekommen“, erzählt sein Sohn. Verwundet worden sei er schließlich einige Wochen später bei Thiepval, einem kleinen Ort im Departement Somme, im Norden Frankreichs, auf jeden Fall weit entfernt vom Elsass.

Wann genau Hermann Niefer sein Bein verloren hat, lässt sich nicht mehr so einfach sagen. Genauere Überlieferungen fehlen. Sein Sohn Hermann spricht von „Herbst 1914“. Schriftliche Zeugnisse haben sich dagegen nur vom August und vom Oktober 1915 erhalten: zwei Fotos, die Hermann Niefer im Lazarett zeigen. Er hat diese Bilder als Feldpost-Karten an seinen Onkel Otto Niefer, Metzgermeister und „Schützen“-Wirt in Kirchheim, geschickt. Otto Niefer wiederum war es, der die meisten dieser Bilder und Karten sowie die Zeitungsausschnitte gesammelt hat. Ausgeschnitten sind Todesanzeigen von Soldaten aus der Verwandtschaft oder aus dem Bekanntenkreis.

Das Foto, das oben abgebildet ist, zeigt Hermann Niefer im Lazarett. Er liegt im vorderen Bett links. Auf der Tafel über dem Bett ist sein Regiment verzeichnet. Darunter steht der Nachname, gefolgt von der Angabe „amput. Bein“. Auf der Rückseite hat er im August 1915 folgende Nachricht mit Bleistift geschrieben: „Lieber Onkel! Schicke dir hier eine Ansicht von meinem Zimmer. Geht mir ordentlich. Kann mir jetzt an den Krücken Bewegung schaffen. Wie geht es dir? Warum schreibst du nicht?“ Danach ist nicht mehr alles gut lesbar. Es folgen aber noch das Stichwort „Siege“ sowie die Satzfetzen „könnte ich doch auch dabei sein“ und „hätte ich noch meinen Fuß“. Die Krücken, von denen Hermann Niefer da schreibt, sind auf dem Foto ebenfalls zu erkennen. Sie lehnen ganz links an der Wand. Der Patienten konnte sich mit der Achsel auf die Krücken stützen.

War diese Karte am 19. August 1915 in Bensheim abgestempelt worden, so stammt die nächste Karte an den Onkel vom 28. Oktober 1915. Abgestempelt wurde sie in Stuttgart. Offensichtlich hatten sich Neffe und Onkel zwischendurch gesehen, denn auf der Rückseite steht: „Schicke dir hier Ansicht, wo du mich zum l.[etzten] mal besuchtest ließen wir uns Photographieren. Am Sonntag hatte ich Besuch von Notzingen. Wie geht es dir?“ Und wieder folgt, außer einigen weiteren Fragen und Grußformeln, der Satz: „Mir geht es ordentlich“.

„Ordentlich gehen“ konnte Hermann Niefer später übrigens mithilfe einer Prothese, die „mit zehn Riemen angeschnallt werden musste“, wie sein Sohn berichtet. Mit einer neuen Prothese, die ihm lange nach dem Zweiten Weltkrieg jemand besorgt hatte, sei er „nicht klar gekommen“. Er blieb ein Leben lang seiner alten Prothese treu, bis er mit über 70 Jahren gestorben ist.

Erzählt hat er in all der Zeit nicht viel. Aber weitere Bilder erzählen dennoch ihre eigenen Geschichten. Da stehen neun Soldaten am Grab eines Kameraden, eines Musketiers aus Rosswälden. Das ist dann eben die andere Seite, verglichen mit den fröhlichen Bildern von gut gelaunten jungen Männern, die noch im Frühsommer 1914 gerade einen 50-Kilometer-Marsch von Münsingen nach Tübingen hinter sich gebracht hatten.

Eines aber mag vielleicht doch die Erfahrung eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg gewesen sein: Als der Sohn Hermann Niefer später im Zweiten Weltkrieg Feldpost-Päckchen von seiner Familie aus Notzingen erhielt, fand er darin reichlich Trockenobst und fragte sich: „Wie kommen die da drauf, mir so was zu schicken?“ Später habe es geheißen: „Dr Vadder hat g‘sagt, des wär‘ am beschta. Des isch oifach zum Verpacka, und des hebt au lang.“