Lokales

Erfüllte Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit

Franziska von Hohenheim stand im Mittelpunkt eines Festakts in der Kirchheimer Martinskirche

Bei einem Festakt in der Martinskirche gedachte eine überwältigend große Besucherschar der einstigen württembergischen Herzogin Franziska von Hohenheim. Festrednerin Susanne Dieterich ging der Frage nach, was Franziska 200 Jahre nach ihrem Tod noch bedeutet.

Festakt zum 200 Todestag von Franziska von Hohenheim in der Martinskirche.

Festakt zum 200 Todestag von Franziska von Hohenheim in der Kirchheimer Martinskirche.

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Kirchheim. Am 1. Januar 1811 ist Franziska von Hohenheim als Witwe des Herzogs Carl Eugen im Kirchheimer Schloss gestorben. Zum 200. Todestag wurde vor dem Schloss eine Stele enthüllt, die an Franziska erinnert. Neun Tage später folgte nun der dazugehörige Festakt in der Martinskirche, und auch dieser Tag war mit Bedacht gewählt - handelte es sich doch um den 263. Geburtstag der einstigen Mätresse und Herzogin. Am 10. Januar 1748 war sie als Franziska Freiin von Bernerdin in Adelmannsfelden bei Ellwangen zur Welt gekommen. Aufgewachsen ist sie in Sindlingen bei Herrenberg.

„Die Anfänge ihres Lebens versprechen kein besonderes Schicksal“, sagte die Historikerin Dr. Susanne Dieterich, Geschäftsführerin des Initiativkreises Stuttgarter Stiftungen, in ihrer Festansprache zum Leben und Wirken Franziskas. Die spätere Herzogin habe nur wenig Bildung erhalten, die hauptsächlich aus Bibellesen bestand. Da es in Württemberg bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts die Schulpflicht gebe, sei Franziskas Bildung eigentlich „das Mindeste“ gewesen, was einem württembergischen Landeskind zustand.

Festakt zum 200 Todestag von Franziska von Hohenheim in der Martinskirche. Festansprache durch Dr. Susanne Dieterich, Stuttgart
Festakt zum 200 Todestag von Franziska von Hohenheim in der Martinskirche. Festansprache durch Dr. Susanne Dieterich, Stuttgart

Aber gerade diese mangelnde Bildung Franziskas war es wohl, was zu ihrem Erfolg führte. Susanne Dieterich versuchte in ihrem Vortrag, Bezüge zwischen der Zeit Franziskas und dem 21. Jahrhundert herzustellen, und sie wurde dabei schnell fündig: bei Casting-Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“. Die Regeln dieser Shows und der aktuellen Medienglitzerwelt würden lauten: „Inszeniere dich selbst und liefere eine Show.“ Und nicht viel anders sei es zu Franziskas Lebzeiten zugegangen: „Die Hofgesellschaft im 18. Jahrhundert unterlag einem ähnlichen Diktat.“ Sowohl damals als auch heute wachse angesichts der übertriebenen Selbstinszenierungen „die Sehnsucht nach Authentizität, nach Wahrhaftigkeit“. Franziska, verheiratete Freifrau Leutrum, erfüllte diese Sehnsüchte durch ihr natürliches Wesen.

„Hier ist eine unverfälschte Persönlichkeit, die ihre Reize gar nicht nützen kann, die einfach so ist, wie sie erscheint“, stellte Susanne Dieterich ihren Zuhöreren plastisch vor Augen, was Franziska für Herzog Carl Eugen so anziehend machen musste. Etwas kritischer merkte die Rednerin an: „Franziska gefällt Männern durch ihre Harmlosigkeit.“ Positiv tritt diese Harmlosigkeit wiederum in Erscheinung, wenn die Historikerin feststellen kann: „Sie hat nie versucht, ihre Familie zu protegieren. Sie hat sich also nie durch ihren Einfluss korrumpieren lassen, und das ist damals wie heute eine Leistung.“

Auf den möglichen kritischen Einwand, dass sich Franziska bei Carl Eugen nicht für den gefangenen Musiker, Dichter und Journalisten Christian Friedrich Daniel Schubart eingesetzt habe, entgegnete Susanne Dieterich: „Dabei stand ihr vielleicht ihre Frömmigkeit im Wege. Sie glaubte wohl tatsächlich an die Möglichkeit, Schubart durch die Haft zum Besseren zu bekehren.“

Die pietistische Frömmigkeit Franziskas sei dem katholischen Herzog Carl Eugen zwar „weniger recht“ gewesen. Aber die unterschiedlichen Konfessionen hätten das Paar nicht daran gehindert, über mehr als zwanzig Jahre hinweg eine glückliche Partnerschaft zu führen.

Und durch ihr Tagebuch - das Susanne Dieterich den Zuhörern wärmstens empfahl - ist es Franziska auch gelungen, ihren „Leser“ Carl Eugen zu guten Taten zu bewegen. So freute sie sich an ihrem Geburtstag nicht nur über wertvolle Geschenke, sondern auch über Almosen für Bedürftige. Unter anderem deshalb würdigte Susanne Dieterich die einstige Herzogin in der Martinskirche auch 200 Jahre nach deren Tod noch als „eine Persönlichkeit, die wahrhaftiges Menschsein gelebt hat“.

Dass es gute Gründe geben kann, einer solchen Persönlichkeit ein Denkmal zu setzen, ist nachvollziehbar. Wie es aber tatsächlich dazu kam, dass er Denkmalstifter für Franziska wurde, das schilderte Professor Ulrich Völter aus Sindelfingen. Er berichtete von unterschiedlichen Begegnungen seiner Vorfahren mit Herzog Carl Eugen von Württemberg und Franziska von Hohenheim. Eines seiner Familienmitglieder war Louise von Breitschwert, die letzte Hofdame Franziskas. Zum Stelenstifter wurde Ulrich Völter durch diese Familiengeschichte sowie durch die Hartnäckigkeit des Historikers und Schriftstellers Gerhard Raff, der ihn mit folgendem Satz bei seiner „Schwabenehre“ gepackt habe: „Man lässt doch seine Wurzeln nicht vertrocknen.“