Kirchheim. Michael Holz, Kirchheims umtriebiger Gastronom und in Sachen Eventmanagement gewiss nicht gerade unerfahren, kann es einfach nicht lassen – wieder einmal hat er sich zu neuen Ufern aufgemacht. Dabei fest im Visier das altehrwürdige Stadtkino, welches er nun aus seinem Dornröschenschlaf
erweckt hat, um es mit neuem Leben zu füllen. Ein durchaus ambitioniertes Projekt, das im cineastischen wie im musikalischen Bereich neue Akzente setzen könnte. In Kooperation mit den Kinobetreibern Frech und der Bastion soll das Kirchheimer „Vakuum“ durch die Wiederbelebung des Stadtkinos ausgefüllt werden. In der Bastion sind bekanntermaßen die Zuschauerkapazitäten begrenzt und in der sterilen Stadthalle sind Rock-Konzerte einfach deplaziert. Diverse, gut gemeinte Versuche von Veranstaltern in dieser Richtung waren bisher allesamt zum Scheitern verurteilt. Auch in akustischer Hinsicht bietet sich das nostalgische Stadtkino, dessen erster Film 1955 über die Leinwand flimmerte, durchaus an. Erinnert sei dabei nur an den legendären Auftritt der britischen Hardrock-Band UFO, die zwar nicht im Stadtkino, dafür Anfang der 70er-Jahre im Kirchheimer Kino Universum auftrat.
Und so nimmt es nicht wunder, dass ein Musiker und Sänger von der britischen Insel, ein Waliser, die Party musikalisch eröffnete. Das Lyn Morgan Duo, bestehend aus Lyndon Bamford und Uwe Heitel, einem genialen Interpreten der spanischen Gitarre, ist einfach Kult. Ebenso wie der fabelhaft vorgetragene Song von Del Shannon „Runaway“. Der in den 1960er-Jahren sowohl in den USA wie auch in Großbritannien erfolgreiche US-amerikanische Sänger, Komponist und Texter war während seiner Armeezeit in Stuttgart stationiert, sein Song „Runaway“ von 1961 ist in Londons Clubs immer noch der Hit schlechthin. Ein gutes Omen vielleicht für das Stadtkino, bedeutet doch Runaway auf Deutsch Ausreißer.
Mit der „Abriss Band“, früher auch als „Sonne Abriss Band“ bekannt, gesellten sich weitere musikalische Lokalmatadoren zum Eröffnungsfest. „Bei Abriss Aufstand“, so hieß in den 1990er-Jahren die Parole im Widerstand gegen den Abriss der beliebten Szenenkneipe Sonne. Zwar blieb der lokalpolitische Aufstand, nachdem man sich Jahre zuvor schon beim Lohrmannskeller-Abriss abgearbeitet hatte, aus, musikalisch wurde er jedenfalls erprobt und hallt bis heute nach. Bestens aufgestellt präsentierten sich die Indie-Rocker mit genialen Songs von Lou Reed, den Pixies, Elvis Presley und Crosby, Stills and Nash. So wird in erfreulicher Weise unter Beweis gestellt, dass das ewige Mainstream-Allerlei längst auf eine musikalische Abwrack-Liste gehört.
In den Pausen konnten die Gäste genüsslich ein Eis in der zum Stadtkino gehörenden neuen Eisdiele schlecken oder an der Bar im Foyer gesellig miteinander plauschen. Die bequemen roten Kinositze verführten allerdings mehr zum beschaulichen Zuhören, als zum Tanzen. Zum großen Finale schließlich Werner Dannemann und seine Band. Passend zum 60er-Jahre-Stil des Stadtkinos ließ die Combo musikalisch brillant Eric Claptons Cream-Ära auferstehen.
