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„Es hat sich sehr viel verändert“

Pflege-Serie: Krankenpflegerin Claudia Roos hat mit einem Seminar den Wiedereinstieg geschafft

Der Pflegebranche fehlen Fachkräfte. Diese Klage hört man zur Zeit überall. Dabei mangelt es nicht unbedingt an ausgebildeten Krankenpflegerinnen – nur an solchen, die auch wirklich in ihrem Beruf arbeiten. Immer mehr Träger versuchen deshalb, Frauen nach der Kinderpause zur Rückkehr in die Branche zu bewegen. Eine von ihnen ist Claudia Roos.

„Es hat sich sehr viel verändert“
„Es hat sich sehr viel verändert“

Weilheim. Claudia Roos liebt ihren Beruf. Bis sie Mutter wurde, hatte sie eine Vollzeitstelle als Krankenpflegerin im Kirchheimer Krankenhaus – mit Schichtdiensten, Nacht- und Wochenendarbeit, wie es in der Branche üblich ist. Nachdem das Kind auf der Welt war, arbeitete sie in Teilzeit, auch mit dem zweiten Kind war das noch möglich. Als das dritte kam, hängte sie den Job an den Nagel. „Mit drei Kindern wären die Arbeitszeiten im Krankenhaus einfach nicht mehr möglich gewesen“, sagt sie.

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Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das ist im Krankenpflegeberuf mit seinen wechselnden Arbeitszeiten ein ungelöstes Problem. Bezieht man dann noch ein, dass die allermeisten Pflegerinnen Frauen sind, begreift man, woher der Fachkräftemangel rührt, der der Branche seit einiger Zeit Kopfzerbrechen bereitet.

Nach elf Jahren Kinderpause drängte es Claudia Roos trotz dieser Schwierigkeiten in den Beruf zurück. Ihr jüngster Sohn war mittlerweile elf Jahre alt, die beiden größeren Kinder weitgehend selbstständig. Ins Krankenhaus wollte die 51-Jährige allerdings nicht zurück. Eine Freundin erzählte ihr vom Wiedereinsteigerseminar, das die Diakoniestation Teck, ein Träger für ambulante Pflege, veranstaltete. „Die ambulante Pflege ist mit der Familie viel besser vereinbar“, sagt Claudia Roos, die aktuell zehn Stunden in der Woche arbeitet – wenn der Krankenstand im Kollegenkreis so groß ist, wie momentan, auch mal mehr. Dennoch: „Um 13 Uhr bin ich in der Regel fertig.“

Ohne das Wiedereinsteigerseminar, sagt die Krankenpflegerin, wäre die Rückkehr in den Beruf viel schwieriger geworden. Der Kurs hat ihr die Angst davor genommen, nach elf Jahren Abstinenz den Einstieg nicht mehr zu schaffen. In den Unterrichtseinheiten, die weitestgehend vormittags stattfanden, wurden Claudia Roos und 16 weitere Teilnehmerinnen in die Neuerungen eingeführt. „Es hat sich ja wahnsinnig viel verändert“, sagt die 51-Jährige. Das fängt bei der Wundversorgung an und hört bei den moderneren Hilfsmitteln noch lange nicht auf. „Früher gab es zum Beispiel keine Badlifter. Oder Matratzen, auf denen die Patienten nicht wund liegen. Wir haben in der Ausbildung noch mit Wasserkissen gearbeitet“, sagt sie und lacht.

Während die besseren Hilfsmittel den Beruf leichter gemacht haben, gibt es auch Neuerungen, die Claudia Roos nicht gefallen. „Der Zeitdruck ist größer geworden“, sagt sie. „Der Beruf ist zwar wunderschön, aber das kann schon belastend sein.“ Fünf Minuten darf sie laut Krankenkasse dafür brauchen, einer Patientin die Stützstrümpfe anzuziehen. Gemessen wird ab dem Moment, an dem sie an der Tür klingelt. „Wenn eine Patientin einen schlechten Tag hat und zwei Minuten braucht, bis sie an der Tür ist, ist die Hälfte der Zeit schon um.“ Auch ihr Pensum ist beachtlich: Auf ihrer morgendlichen Tour muss Claudia Roos nach 24 Patienten schauen. Glücklicherweise wohnen einige im betreuten Wohnen im Haus Albblick, sodass sie nur von Tür zu Tür gehen muss. Bei einigen dauern die Pflegeleistungen nur fünf Minuten.

Claudia Roos macht das Beste daraus. „Ich nutze eben die wenige Zeit, die ich habe, um mit den Leuten zu reden, mal ein Späßchen zu machen“, sagt sie. Wenn sie einen Patienten wäscht, wird ihr dafür eine halbe Stunde eingeräumt. Das genießt die Krankenpflegerin sehr. „Dann hat man richtig Zeit, sich zu unterhalten“, sagt sie. Geht es jemandem richtig schlecht, bleibt sie ausnahmsweise auch mal länger. Die Gespräche sind ihr wichtig, denn sie weiß, dass ihr Besuch bei vielen Patienten der einzige an diesem Tag sein wird. „Es gibt Häuser, in denen alles toll funktioniert und die Angehörigen sich kümmern“, sagt sie. „Aber es gibt auch viele einsame Menschen.“

Claudia Roos stört es nicht, dass sie als Wiedereinsteigerin heute kein „junger Hüpfer“ mehr ist. Im Gegenteil: Viele Dinge sieht sie heute viel entspannter als in ihren ersten Berufsjahren. „Ich kann heute ganz anders mit den alten Leuten umgehen, weil ich selber schon ein bisschen älter bin“, sagt sie. Früher hätte sie es manchmal anstrengend gefunden, wenn die Patienten immer dasselbe erzählten oder generell nur Dinge aus der Vergangenheit. Heute stört sie das nicht mehr. Der Umgang mit alten Menschen bereitet ihr viel Freude. „Man erlebt viele schöne Dinge. Und die Menschen sind alle sehr dankbar“, sagt Claudia Roos. Das entschädigt für den Zeitdruck oder die viele Fahrerei, die sie auf ihren Touren zu bewältigen hat. Die Rückkehr in den Beruf hat sie jedenfalls noch keine Sekunde bereut.